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„Robinson Crusoe“ aus dem Gurktal

Der aus Gurk stammende Leonhard Eisenschmied erlebte vor 200 Jahren phantastische Abenteuer im Mittelmeer-Raum – zumindest in seinen Erzählungen.

Mehrmals desertiert, als einziger Überlebender nach einem Schiffbruch auf eine unbewohnte Insel verschlagen, wo er 21 Monate verbrachte, von Piraten gerettet, versklavt, entflohen und schließlich nach Kärnten zurückgekehrt. Diese außergewöhnlichen Erlebnisse schilderte Leonhard Eisenschmied in seinem Buch „Merkwürdige Land- und Seereisen durch Europa, Afrika und Asien. Eine wahre Geschichte aus den letzten Jahren des 18. Jahrhunderts.“ Dr. Wilhelm Wadl, Leiter des Kärntner Landesarchivs, hat im Jahr 2000 die Erzählungen Eisenschmieds in einer bearbeiteten und kommentierten Fassung im Verlag Johannes Heyn neu herausgegeben.

Leonhard Eisenschmied stammte aus Gurk. Sein Vater Nikolaus Eisenschmied dürfte um die Mitte des 18. Jahrhunderts als Kunstgärtner nach Kärnten gekommen sein, war Bediensteter des Fürsten Porcia in Spittal und heiratete 1759 eine Kaufmannstochter aus Paternion. 1763 trat Nikolaus Eisenschmied in den Dienst des Gurker Domkapitels. Das Ehepaar hatte fünf Kinder; das jüngste, Leonhard, kam am 22. November 1770 im so genannten „Gartnerhaus“ des Domkapitels zur Welt. Das Geburtshaus wurde ein Jahrhundert später mit dem Nachbarhaus, dem „Waschhaus“ des Stifts, zusammengelegt; es handelt sich heute um das Gebäude Hauptstraße 3 und 5 in der Nähe des Gurker Doms.
Leonhard Eisenschmied war erst 17 Monate alt, als sein Vater 44-jährig starb. Die Einsegnung erfolgte von Sigismund von Hohenwart (1745 – 1825), dem späteren Generalvikar des Bistums Gurk und Bischof von Linz. Sigismund von Hohenwart galt gemeinsam mit seinem Lehrer Franz Xaver Wulfen als Pionier der naturwissenschaftlichen Forschung in Kärnten, vor allem der Botanik.
Leonhard Eisenschmied wuchs in Gurk auf und reiste als 13-Jähriger nach Laibach, wo ihm ein Gurker Domherr, vermutlich Sigismund von Hohenwart, eine Stelle als Handelslehrling vermittelte.

Drei Jahre lang diente der junge Gurktaler dem Kaufmann, der seinen Lehrling äußerst schlecht behandelt haben dürfte. Eisenschmied entschloss sich, Laibach dem Rücken zu kehren und nach Triest zu reisen, „um mich von meinem Vaterland auf immer zu entfernen und in anderen Weltgegenden mein Glück zu finden“, wie er schreibt.

In Triest begann das Abenteuer des jungen Gurktalers, der später vom Schriftsteller Franz Carl Weidmann in seinem Nachruf als „kärntnerischer Robinson“ bezeichnet wurde. Tatsache ist, dass Leonhard Eisenschmied einige Zeit auf Schiffen durch das Mittelmeer segelte und andere Länder kennenlernte. Bei seinen Erzählungen dürfte er allerdings ziemlich „geflunkert“ haben. Zu diesem Schluss kommt auch Historiker Wilhelm Wadl: „Die Robinsonade ist am meisten anzuzweifeln. Sie könnte durchaus ein bloßes Zugeständnis an die Erwartungshaltung von Eisenschmieds Zuhörern bzw. späteren Leser sein.“

Eisenschmied dürfte das 1720 auch in Deutsch erschienene Buch „Robinson Crusoe“ von Daniel Defoe (1661 – 1731) gekannt haben und sich daraus oder von einer der vielen Abhandlungen dieser Erzählung „geistige Anleihen“ genommen haben. Defoe schildert die Erlebnisse des Oberbootsmanns Alexander Selkirk, der 1705 nach einem Streit mit seinem Kapitän auf einer Insel im Pazifik ausgesetzt worden war und dort vier Jahre gelebt hatte.
Der „Gurktaler Robinson“ heuerte nach seiner Flucht aus Laibach im Sommer 1787 unter falschem Namen auf einem holländischen Handelsschiff an, kam im Mittelmeer in einen schweren Sturm und strandete vor einer kleinen Insel in der Nähe von Kreta. Seinen Erzählungen nach überlebte Eisenschmied als einziger den Schiffbruch. Fast zwei Jahre verbrachte er auf der unbewohnten Insel, dann wurde er von Seeräubern gerettet. Einige Wochen später nahm eine venezianische Schiffsbesatzung die Piraten gefangen; Leonhard Eisenschmied konnte seine Unschuld glaubhaft vorbringen und trat in die venezianische Marine ein.

Die nächsten Schiffsreisen führten den Abenteurer an die nordafrikanische Küste – nach Algier und Marokko. Im Februar 1792 desertierte der Gurktaler und fuhr auf einem maltesischen Schiff weiters. Wenige Wochen später geriet er in Gefangenschaft und landete als Sklave in Algier. Im Oktober 1792 gelang ihm die Flucht aus der Sklaverei. An Bord eines Handelsschiffs segelte er nach Marokko und Tunesien, danach trat er wieder in die maltesische Marine ein. Im Februar 1793 wurde Eisenschmied als venezianischer Deserteur aufgegriffen und einige Monate ins Gefängnis gesteckt. Nach der Strafverbüßung kam er auf einem venezianischen Kriegsschiff nach Korfu, flüchtete dort und wurde Sklave bei einem „vornehmen Türken“. Im Sommer 1794 entließ ihn sein Herr aus dem Dienst. Leonhard Eisenschmied kehrte auf venezianisches Gebiet zurück, unterwegs überfielen ihn Räuber. Nach einem neuerlichen Gefängnisaufenthalt wegen Desertion trat der inzwischen 25-jährige Kärntner wieder in den Dienst der venezianischen Marine ein. Im Juni 1797 besetzten Franzosen Korfu; im September darauf flüchtete Eisenschmied von Korfu nach Albanien, wo er als Eseltreiber im Sklavendienst arbeiten musste. Von Albanien gelang ihm im Jänner 1798 die Flucht; er wurde von der Besatzung eines kroatischen Handelsschiffs gerettet. Ende Februar 1798 kam Eisenschmied in Venedig an. Am 23. März 1798 später trat er zu Fuß seine Reise nach Kärnten an; vier Tage traf er in Unterloibl ein.

Das Wiedersehen mit seiner Mutter in Gurk schildert Leonhard Eisenschmied in eindrucksvoller Weise: „Als ich die Spitze der Kirchtürme erblickte, konnte ich mich der Tränen nicht enthalten. Mein Herz schlug immer heftiger, bis wir vor der Wohnung meiner Mutter Halt machten. Sie stand schon unter dem Haustor; allein, ich kannte sie nicht eher, bis es mir mein Bruder sagte. Dann floh ich aus dem Wagen in ihre Arme. Sie drückte mich fest an ihren Busen, ohne ein Wort hervorbringen zu können. Die Heftigkeit der Gefühle nach ihr alle Worte. Sie sank in eine Ohnmacht…“

Leonhard Eisenschmied galt von nun an in Kärnten als Attraktion, er wurde herumgereicht, erzählte seine „Erlebnisse“ und schrieb sie schließlich auf. 1806 heiratete der Abenteurer in Schwarzenbach im Mießtal – gegen den Willen ihrer Eltern – seine langjährige Freundin Johanna Nepomuzena Edle von Guschgy, mit der er einen sechsjährigen Sohn hatte. Dieser wurde Priester und starb 1840 als Pfarrer in der Untersteiermark.1807 erschienen seine Erzählungen unter dem Titel: „Merkwürdige Land- und Seereisen durch Europa, Afrika und Asien. Eine wahre Geschichte aus den letzten Jahren des 18. Jahrhunderts“. Die beiden Bände stießen auf reges Interesse; fünf Jahre später gab es eine zweite Auflage.
Leonhard Eisenschmieds weiteres Leben blieb unspektakulär. Er erhielt eine Stelle als Mauteinnehmer an der Mießbrücke in Unterdrauburg, wo er im Frühjahr 1824 starb.

Werner Sabitzer

Januar 27, 2008 - Verfasst von sabitzer | Das Gurktal - Geschichte und Geschichten | , | No Comments Yet

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