Ein Räuberhauptmann in Weitensfeld
Vor genau 200 Jahren starb der bekannteste Räuber der Kärntner Geschichte, Simon Kramer, genannt Krapfenbäck Simele. Er trieb auch im Gurktal sein Unwesen und brach aus dem Gemeindekotter in Weitensfeld aus.
Seit zwei Jahren war er hinter ihm her, nun sollte er endlich gefasst werden: Anton Lackner, Pfleger der Landgerichte Kraig und Nussberg bei St. Veit an der Glan, hatte Hinweise erhalten, dass sich der berüchtigte Räuberhauptmann Simon Kramer, genannt Krapfenbäck Simele, in den Bergen südlich des Wimitzgrabens aufhalten sollte. Lackner stellte aus zwölf Kärntnern eine Landgerichtswache zusammen und durchsuchte mit seinen Leuten am 17. September 1809 Hütten, Schupfen und Keuschen in dieser Gegend. Gegen 22 Uhr kam die Wache zum Gasthaus Wegscheider bei Hoch St. Paul, das noch gut besucht war. Im Gastzimmer spielten einige Burschen Karten, andere sahen ihnen zu, unter anderem der gesuchte Simon Kramer.
Landgerichtspfleger Lackner schrieb die folgenden Ereignisse in einem Rechtfertigungsbericht nieder: „Gleich beim Eintritt erkannte ich den berüchtigten Mörder und Strassenräuber-Anführer Simon Kramer, gemeinhin Krapfenbacher Simerl … Ich ergriff den Missethäter rasch und entschlossen bei der Brust, rufte ihn zu, sich nicht zu rühren, sich der anwesenden Gerichtswache zu ergeben, als in widrigen, wenn er zu entweichen, zu Waffen greifen oder gar sich zur Gegenwehr zu rüsten Mühen machen werde, ich ihn auf der Stelle erschüssen lassen werde.“ Laut Lackner hätte Kramer ihn sofort weggestoßen, ein Messer aus der Tasche gezogen und wäre auf die Wache losgegangen. „So verschwand alle Hoffnung, den Missethäter lebendig oder auch nur schwer verwundet zur Bahre zu bringen. Wenn nicht im Augenblicke, während er mich und meinen Nebenmann auf die Seite schmieß, sein Stillet zog und sich damit in den Haufen werfen wollte, ein Schuß von den unsrigen Wächtern gefallen wäre, der ihn an der rechten Seite des Halses getroffen und ihn zu Boden fallen machte, so wären nicht einer oder der andere sondern die meisten von uns unglücklich entweder schwer verwundet oder gar tod gestochen worden“, heißt es im Bericht Lackners. Die Bleikugel riss eine große Wunde in den Hals des 24-jährigen Simon Kramer. Der berüchtigte Kärntner Räuber verblutete in der Wirtsstube.
Lackner und seine Wache erhielten 100 Gulden, die als Belohnung auf die Ergreifung Kramers ausgesetzt waren; die Landesadministration versicherte dem Landesgerichtspfleger „die diesseitige vollkommene Zufriedenheit mit seinem eben so klugen als muthvollen Benehmen“. In Klagenfurt befahl General Freiherr von Rusca, „daß der todte Körper hieher verschafft, auf der Strasse zwischen hier und Maria Saal unfern des Weges ein Galgen errichtet, und auf selben der todte Körper aufgehangen, daneben ein Pfahl errichtet, auf selben der Nahmen dieses Verbrechers mit Benennung des Orts seiner Anhaltung resp. Tödtung und mit ausdrücklichen Beisatz, daß dies auf Befehl des Herrn Generals geschehe, aufgestellt werde“.
Am 19. September wurde der Leichnam nach Klagenfurt verschafft, am nächsten Tag hängten ihn die Franzosen auf dem Galgenbichl bei Annabichl auf. Der Tote dürfte mehrere Tage zur Abschreckung am Galgen gehangen haben.
So schändlich endete das kurze Leben Simon Kramers, der berüchtigsten Räubergestalt Kärntens.
Diebsunterricht beim Vater
In Erzählungen und Sagen wird Simerl als „Bäckerssohn aus Weitensfeld“ bezeichnet. In Franz Pirkers Sammlung von Sagen in und um Weitensfeld heißt es, Krapfenbäck Simale sei ein Weitensfelder gewesen, sein Vater habe eine Bäckerei besessen, die heute noch Rannerbäck heißen soll. Das stimmt nicht, wies der Grazer Hans-Peter Weingand nach, der über den Räuber eine Biographie schrieb: Simon Kramer wurde 1785 in der „Rinderkeische“ in Möderndorf im Zollfeld geboren und am 16. Jänner 1785 vom Tanzenberger Kooperator getauft. Sein Vater Sebastian Kramer war Besitzer der „Krapfenböck“-Keusche in der Nähe von Pörtschach an der Straße nach St. Veit bei der Abzweigung nach Möderndorf. Die Familie ließ sich später in St. Veit an der Glan nieder und wohnte in einem Haus in der Bräuhausgasse 19.
Schon als Jugendlicher beteiligte sich Simon Kramer an Diebstählen und Raubzügen. Er sagte später vor Gericht aus, bei seinem Vater hätten sich Diebe und Räuber versteckt, er habe sie reden hören; sein Vater habe ihm einen Dietrich in die Hand gedrückt und gesagt, er solle davon Gebrauch machen.
Simons Freundin, Juliana Regenfelder, Tochter eines Kürschners in Sörg, arbeitete schon mit zehn Jahren als Dienstmagd auf Bauernhöfen, brachte ein Kind zur Welt, und lernte schließlich den wesentlich jüngeren Kramer kennen und lieben.
Viele Komplizen Kramers stammten aus desolaten Verhältnissen und mussten schon als Kinder arbeiten. Die Bauern hatten das Recht, Adoptivkinder auszubeuten, als „Entschädigung für die Kosten“, wie es in einem Hofdekret hieß.
Die Kriminalität war um 1800 hoch, mehr als die Hälfte der Bewohner Kärntens war am Existenzminimum. Diebe und Räuber wurden von den Einheimischen oft versteckt. Es gab viele Deserteure, Herumtreiber.
Simon Kramers „Spezialität“ waren Überfälle in der Nacht. Er und seine Komplizen besuchten die Bauernhöfe auch am Sonntagvormittag, wenn die Bauersleute in der Kirche waren. Meist waren es Dienstmägde, die am Hof angetroffen und überfallen wurden.
Ausbruch aus dem Weitensfelder Gemeindekotter
Mehrmals dürfte Simerl in Weitensfeld gewesen sein. Einmal brachte er mit einem Fuhrwerk Zwetschken nach Weitensfeld; das Pferd hatte ein Komplize auf dem alten Platz in Klagenfurt gestohlen.
Am 22. Juni 1807 zechte Simon Kramer mit seinem Kumpanen Philipp „Lipp“ Schuster in einem Gasthaus in Weitensfeld. Lipp war das unehelich geborene Kind einer Gurkerin und nannte sich auch Jakob Tschreiter. Am Tag davor hatten die beiden Männer in der Nähe von Neumarkt einen Bauern überfallen und ihm unter anderem 228 Gulden geraubt. Die Räuber wurden aufgegriffen und in den Kotter des Marktgerichts Weitensfeld gesperrt. Kramer und Schuster hatten noch Geld und Gegenstände bei sich, die vom Überfall in Neumarkt und von einem Raubzug in Brückl stammten.
Simon Kramer konnte in der Nacht auf den 26. Juni aus der Zelle flüchten. Es gelang ihm, mit einem schmalen Brett das Schloss seines Fußeisens abzudrehen. Danach brach er den morschen Fußboden auf, schlug ein Loch in die schwache Mauer und gelangte ins Freie. Er tauchte im Raum Villach unter. Sein Komplize Lipp blieb in der Zelle, er wurde am nächsten Tag in das sichere Landgericht Albeck überstellt und am 7. Dezember in das Landgericht Straßburg gebracht, weil man einen Befreiungsversuch durch Simon Kramer befürchtete. Dieser hatte knapp drei Wochen vorher seine Freundin Juliana aus dem Arrest im Schloss Margaregg bei Klagenfurt befreit. Sie war mit zwei Tiroler Komplizen verhaftet und in den Arrest gesteckt worden, bewacht von zwei unbewaffneten Bauern. Kramer und einige Freunde verschafften sich am 19. November 1807 am Vormittag unter einem Vorwand Zugang zum Kerkerraum, überwältigten die beiden Wächter und die Amtsdienerin. Simerl schlug die Fußeisen seiner Freundin ab und flüchtete mit ihr.
Der erste Steckbrief
Nach der Flucht ließ sich Kriminalrichter Ferdinand von Litzelhofen die Personsbeschreibung des Simerl vom Marktgericht Weitensfeld zusenden und fertigte einen Steckbrief an; den wahrscheinlich ersten über Simon Kramer:
„Personsbeschreibung: Eines herumstreichenden, sehr diebsgefährlichen Burschen, der Krapfenbacker Simele genannt, welcher mit dem hier verhafteten berüchtigten Dieb Laurenz Strauß gemeinhin Priditsch in einer Verbindung zu seyn beinzichtigt wird.
Dieser Mensch ist aus der hierländischen Stadt St. Veit gebürtig, bei 20 Jahre alt, und zimlich grosser untersezter Statur, hat ein rundes, gut gefarbtes Angesicht, schwarze Augen, braune Haare und einwärts gebogene Knie.
Am Leibe trug er lezthin ein kurzes braunes Jankerl, ein blaulich zeugenes Leibl, schwarzlederne kurze Hosen, Stiefel und einen runden hohgupfigen Hut.“
Der vom Bistum Gurk im Landgericht Albeck eingesetzte Gerichtspfleger Josef Marx hatte erfahren, dass sich Mitglieder der Kramer-Diebsbande öfters an der Wegscheide bei Hoch St. Paul und beim Kreuzwirt am Zammelsberg aufhielten. Die beiden Gegenden wurden am 13. und 14. Dezember abgesucht und Häuser durchsucht.
Zwei Wochen später, am 30. Dezember 1807 wurde Simon Kramer in einem Wirtshaus beim verbotenen Kartenspiel gefasst. Er wehrte sich, ein Amtsdiener wurde dabei leicht verletzt. Am 2. Jänner 1808 wurde der Steckbrief widerrufen. Am 9. Jänner brachte man den Krapfenbäck Simele in das Landgericht Klagenfurt; vier Tage später begann die Untersuchung. Auch einige Komplizen Kramers wurden nach Klagenfurt überstellt. Seine Geliebte Juliana Regenfelder wurde am 16. April in der Nähe von Althofen festgenommen.
Lebenslanger, schwerer Kerker
Ende 1808 schloss das Klagenfurter Kriminalgericht die Untersuchung ab. Zahlreiche Mittäter und Mitwisser, darunter Kramers Vater, wurden angeklagt, einige von ihnen waren bereits verurteilt worden. Insgesamt zählte das Gericht 43 Personen zum Kreis des Simon Kramer. 35 Straftaten in den Jahren 1806 und 1807 wurden dem Räuberhauptmann vorgeworfen, darunter acht Raubüberfälle und 23 Diebstähle. Dazu kamen ein Mord, ein Raub und weitere sechs Diebstähle, an denen seine Komplizen beteiligt waren. Bei einem großen Teil der Diebstähle wurden lediglich Lebensmittel erbeutet, wie Speck und Fleisch, sowie Kleidungsstücke.
Simerl und einige Komplizen überfielen unter anderem zwei nicht besonders begüterte Bauern in Sörg auf brutale Weise und drangen in der Nacht des 17. November 1807 in den Pfarrhof Außerteuchen ein. Dort überwältigten sie die Magd und stahlen 250 Gulden. Ein Gulden entsprach im Jahr 1807 dem Wert von etwa fünf Euro.
Das Kriminalgericht als erste Instanz verurteilte Kramer zu lebenslangem schweren Kerker, verbunden mit öffentlicher Arbeit in Eisen und Ausstellung auf der Schandbühne. Der gewalttätige Klement Obernosterer, der bei den Raubzügen die treibende Kraft war und eine Frau erschlagen hatte, wurde zum Tod durch den Strang verurteilt. Das Appellationsgerichts änderte das Todesurteil in lebenslangen, schweren Kerker sowie zur Aufstellung auf der Schandbühne.
„Sehr gefährliche Flüchtlinge“
Simon Kramer und seine „Julerl“ konnten am 23. Februar 1809 aus dem Kriminalgericht Klagenfurt flüchten. Tags darauf veröffentlichte die k. k. Kärntner Polizeidirektion in Klagenfurt einen Steckbrief mit der Personsbeschreibung der beiden Geflüchteten: „Personsbeschreibungen
Des Simon Krammer gemeinhin Krapfenbackersimerl, und der Juliana Regenfelderin, welch beide wegen Raub und Diebstahl hier in der Untersuchung gestanden, und gestern Abends aus dem hiesigen Kriminalgefängniß entflohen sind.
Er ist aus der hierländigen Stadt St. Veit gebürtig, etwas über 20 Jahre alt, und grosser untersezter Statur, hat ein rundes, volles Angesicht, braune Augen, dunkelbraune abgeschnittene Haare, und einwärts gebogene Knie.
Am Leibe hatte er bei der Entweichung: ein altes grüntuchenes Jankerl, ein brauntuchenes Leibl, schwarzlederne Hosen mit grünem Hosenträger, weißbaumwollene Strümpfe, Stiefel, ein roth und weiß gewürfelt – seidenes Halstuch, dann ein grünsametnes Kapel ohne Bräm. Sie ist zu Sörg im hierländigen Burgfried Gradenegg gebürtig, 34 Jahr alt, ledig, und mitlerer, zimlich untersezter Statur, hat ein etwas länglicht – gut gefarbtes, glates Angesicht, dunkebraune haare, derley Augen auch Augenbräume und Mangel der vordern obern Zähne. An Kleidung hatte selbe bei ihrer Entweichung: ein grünlicht tuchenes Karsetl, einen weißkottunenen Kittel mit braunen Blümeln, ein blau und weiß gewürfelt – leinwandenes Mieder, ein weisses, auch blaues Vortuch, ein blau und weiß gewürfelt – baumwollenes Halstuch, weißwollene gestreifte Strümpfe, schwarzlederne Schuhe und einen schwarzen hohgupfigen Hut.
Ist diesen sehr gefährlichen Flüchtlingen mit allem Fleiße nachzuspüren, und bei Betretten die Anzeige davon sogleich hieher zu machen.“
Zwei Komplizen Kramers konnten später aus dem Gefängnis ausbrechen. Die französischen Besatzer hatten aus „Fortifikationsrücksichten“ angeordnet, Teile der Befestigungsanlagen und einige andere Gebäude in Klagenfurt und vor der Stadt zu sprengen, unter anderem das auf dem heutigen Waagplatz gelegene Kriminalarresthaus. Die Häftlinge mussten innerhalb von 24 Stunden verlegt werden. Sie kamen in das Militärstockhaus der Stadtkaserne am heutigen Domplatz. Als der Kerkermeister am 6. September 1809 in der Früh die Zellen kontrollierte, waren die beiden Mittäter des Räuberhauptmanns und drei andere Häftlinge verschwunden. Sie hatten mit Nägeln aus einem Brettergestell die nur etwa 30 Zentimeter dicke Mauer des Gefängnisses durchbrochen und waren nach dem Öffnen der Stadttore um sechs Uhr früh aus Klagenfurt geflüchtet.
Vergeltungsmaßnahmen der Besatzer
Simerl Kramer dürfte nach seiner neuerlichen Flucht aus dem Gefängnis weiterhin Diebstähle und Raubüberfälle begangen haben. In einigen Sagen wird Kramer als „Räuber vom Wolschartwald“ genannt. Nicht gesichert sind auch Überlieferungen, Simerl habe Überfälle auf die französischen Besatzer verübt und die Kriegskasse geraubt. Nach einem Überfall auf einen französischen Korporal im Wolschartwald Anfang September 1809 brachte Landgerichtspfleger Lackner in Erfahrung, die Täter seien „der berüchtigte Verbrecher Krapfenbäck Simmerl mit seinen Laster Gespänen, die bekanntermaßen bald hier, bald da ihr Wesen auf der Strassen treiben, und besonders auf Reisende lauern.“ Ein ähnlicher Überfall ereignete sich kurze Zeit später zwischen Velden und Villach.
Die französischen Besatzer setzten daraufhin die Landesadministration unter Druck. In einem Aushang „an die Bewohner von Kärnten“, datiert mit 17. September 1809, wurde die Bevölkerung vom Divisionsgeneral Freiherr von Rusca aufgefordert, Überfälle auf französische Soldaten sofort zu melden, ansonsten drohten Vergeltungsmaßnahmen: „Diese Frevelthaten müssen in ihrer Geburt erstickt und mit der Wurzel ausgerottet werden; und um diesen Zweck zu erreichen, sehe ich mich nothgedrungen euer Schicksal mit dem ihrigen zu verbinden; eine Maßregel, welche zwar die Strenge eingiebt, welche aber das Wohl der Reisenden erfordert, und eure Gleichgültigkeit dabei, nothwendig macht.
In Folge dieses benachrichtige ich euch, daß so oft ein Militärist oder Beamte von der Armee; oder aber ein Kourier oder Reisende auf den Strassen der Provinz, entweder übel behandelt, oder gewaltsam angegriffen und bestohlen werden wird, die Gemeinde auf deren Gebieth das Verbrechen begangen worden ist, mit militärischer Exekution belegt werden solle. Indeß aber werde ich aus jenen Gegenden, allwo ein dergleichen Ereignis sich zugetragen hat, Geißeln ausheben; und auf diese werden die Strafen jener Verbrechen fallen, welche in diesen Tagen begangen werden, falls in einem Zeitraum von 14 Tagen die Schuldigen durch euer Bestreben nicht entdeckt und festgesetzt worden seien.“
Mit dem gewaltsamen Tod des Räuberhauptmanns Simon Kramers endete eine große Bedrohung in Kärnten. Nach und nach wurden seine Komplizen verurteilt; auch die Wirtsleute vom Wegscheiderwirt wurden wegen des Verdachts der Hehlerei festgenommen, sie dürften aber nur wenige Monate eingekerkert gewesen sein. Kramers Freundin Juliane Regenfelder starb am 14. Dezember 1832 in der Pfarre Sörg 60-jährig an einem Schlaganfall.
Rebell und Kärntner „Robin Hood“?
In Sagen und anderen Überlieferungen wird Simon Kramer als „Rebell“ gegen die Franzosen und als Kärntner „Robin Hood“ dargestellt. Er hätte den Reichen genommen und den Armen gegeben. Tatsächlich waren Kramer und seine Komplizen Kriminelle, die aus Eigennutz Diebstähle und brutale Raubüberfälle verübten.
Über das Leben des berüchtigten Krapfenbäck Simerle wurden Theaterstücke geschrieben und es gibt zahlreiche Sagen über den „Wohlscharträuber“; ein Filmprojekt scheiterte vor einigen Jahren an der Finanzierung. Anfang der 1950er-Jahre schrieb der Lehrer Ludwig Skumautz das Volksstück „Die Wolscharträuber“. Am Ende des Stücks stirbt Krapfenbäck Simerl durch eine Kugel. Später schrieb Skumautz das Stück um: Der Simerl sollte weiterleben. In der Neufassung springt Krapfenbäck auf und schreit: „Mit Mausdreck erschiaßt’s kan Gauner!“
Werner Sabitzer
Quellen:
Pirker, Franz: Aus der Ortsgeschichte von Weitensfeld im Gurktale. Sammlung von Geschichtsbildern, 1982 (unveröffentlicht).
Chronik der Gemeinde St. Urban.
Pirker, Franz: Sagen in und um Weitensfeld, bearbeitet von Günther Biermann, Verlag Johannes Heyn, Klagenfurt 2008.
Weingand, Hans-Peter: Krapfenbäck Simerl. Leben und Sterben eines legendären Kärntner Räubers.1996.
Zenegg-Scharffenstein, Emmerich: Krapfenbacher Simerl. Der Kärntner Räuberhauptmann. In: Freie Stimmen, Folge 186, 1931, S. 2-3.
TIPP: Simon Kramer in der Landesausstellung 2009
Die Geschichte des Räuberhauptmanns Simon Kramer ist Teil der Landesausstellung „Karambolage 1809“ im Landesmuseum Klagenfurt. Die Ausstellung ist bis 26. November 2009 zu besichtigen.
Landesmuseum Kärnten, 9021 Klagenfurt, Museumgasse 2, Telefon 050-536-30599, www.landesmuseum.ktn.at

Das Hochwasser in Weitensfeld im Jahr 1909
Vor 100 Jahren, vom 7. bis 9. Oktober 1909, kam es in Weitensfeld zu einer der größten Überschwemmungen in der Geschichte der Marktgemeinde.
In der Nacht auf den 7. Oktober 1909 regnete es ununterbrochen in Strömen. Die Gurk stieg langsam an, trat an einigen Stellen über die Ufer und am Vormittag wurden die ersten Sägehölzer angeschwemmt. Es regnete weiter. Feuerwehrhauptmann-Stellvertreter Ferdinand Gorton und Oberlehrer Ferdinand Schwarz alarmierten um zehn Uhr die Feuerwehr; Bürgermeister Josef Rettl befand sich nicht in Weitensfeld. Inzwischen stand die Mühlwiese, die Gorton-Mühle, das Elektrizitätswerk, die Säge, die Trattenschmiede und einige Häuser auf der „Tratten“ unter Wasser. Feuerwehrleute, Gendarmeriebeamte und Freiwillige bargen die Getreide- und Mehlvorräte aus der Gorton-Mühle und brachten auch die Bewohner und das Vieh aus dem gefährdeten Gebiet. Urban Begusch, Besitzer des Bärenwirts, rettete Kinder und zwei alte Frauen aus den Fluten, die ihm bis zur Hüfte standen.
Dammbruch wegen Verklausung
Bei den Brücken und Wehren wurde versucht, Verklausungen durch angeschwemmtes Holz zu verhindern. Die Fluten rissen Tausende Sagstöcke von Holzlagern in Kleinglödnitz mit.
Wegen einer Verklausung brach der Damm der Gurk oberhalb der Herzele-Säge und die Fluten strömten an der Kirche vorbei durch die Kirchgasse und die Gärten des Sattler-, Tischler- und Pfandl-Hauses in den Markt – 30 Häuser standen innerhalb einer halben Stunde unter Wasser. Die Bewohner konnten sich in die oberen Stockwerke retten. Die Geschäfte Filipowsky (heute: Mosser), Gutzelnig (heute: Bernhard-Haus) und Großmann (heute: Hlebcar-Haus) wurden überflutet, ebenso die Häuser des Gerbermeisters Veit Anderiasch, des Schuhmachers Eusebius Seitlinger, des Wagnermeisters Anton Burger und des Distriktsarztes Freiherr von Jabornegg (heute: Napotnik-Haus). An vielen weiteren Häusern entstanden große Schäden, unter anderem beim Bärenwirt, beim Gorton-Haus und in der Bäckerei Lukas Smrekar (heute: Hochsteiner-/Ortner-Haus). Die Bäckerei wurde unterspült und musste gegen das Mosser-Haus gestützt werden musste.
Um zwei Uhr stand der Telegraphenapparat in der Post im Kalsberger-Haus (heute: Terkl-Haus) unter Wasser. Es regnete weiter und das Hochwasser stieg an. Um zehn Uhr nachts wurde beim Smrekar-Haus ein Wasserstand von 178 Zentimetern gemessen.
Der Bezirkshauptmann von St. Veit/Glan kam am Abend mit dem Gurktaler Zug nach Weitensfeld; er übernahm die Leitung über den Katastropheneinsatz. Inzwischen war auch Bürgermeister Josef Rettl nach Weitensfeld zurückgekehrt. Mit provisorisch zusammengebauten Flößen wurde versucht, zu den in den Häusern eingeschlossenen Bewohnern zu kommen. Dabei kam es in den reißenden Fluten zu lebensgefährlichen Situationen.
Am 8. Oktober gelang es mutigen Helfern, die Verklausung bei der Herzele-Säge zu lösen, das Hochwasser konnte dadurch besser abfließen. Der Wasserstand begann sich zu senken. Am Nachmittag konnten die Eingeschlossenen im unteren Markt mit Wasser und Lebensmitteln versorgt werden.
Enorme Schäden im Gurktal
Als sich am 9. Oktober die Situation normalisierte, wurde das Ausmaß der Schäden ersichtlich: In vielen Häusern waren Fußboden herausgerissen, Türen und Fenster sowie viele Einrichtungsgegenstände waren fortgeschwemmt. Auch die Gurktalbahn war vom Hochwasser betroffen. Bei der Dürrmühle war der Gleiskörper unterspült.
Auch in Gurk und Strassburg gab es schwere Schäden durch die Fluten. In Mellach wurde ein Müller in der Zechner-Mühle vom Hochwasser eingeschlossen. Drei Tage musste er darin ohne Nahrung ausharren, bis er am 9. Oktober vom Prosseggerwirt Alois Wintschnig gerettet wurde. Wintschnig band sich ein Seil um den Körper und schwamm zur Mühle. Mit dem Strick konnte ein Drahtseil zur Mühle gezogen werden, das Wintschnig auf dem Giebel der Mühle befestigte. Der Müller wurde auf einem Brett festgeschnallt und auf dem Drahtseil in Sicherheit gezogen. Auch Wintschnig rettete sich auf dem Drahtseil ans Ufer.
Am 10. Oktober, einem Sonntag, kam eine Infanterie-Einheit ins Gurktal, später auch ein Pionierzug. Die Soldaten errichteten in Strassburg, Gurk und Weitensfeld Notstege über den Fluss. Von den 18 Brücken und Stegen in Weitensfeld blieben nur die alte Pirkerbrücke in Kleinglödnitz und die Brücke beim Brückenschmied stehen, alle anderen wurden von den Fluten fortgerissen. Zwischen Gurk und Pöckstein blieben ebenfalls nur zwei Brücken stehen – beim Pratz und in St. Magdalen.
Der Kärntner Landespräsident Robert Freiherr von Hein besuchte Weitensfeld und versprach Hilfe des Landes Kärnten und des Reichs. Ferdinand Gorton verzichtete auf seinen Anteil am Entschädigungsgeld zugunsten ärmerer Weitensfelder. Die Reste des Herzele-Wehrs wurden abgebaut.
Bau des Hochwasserschutzdamms
Im September 1919 gab es in Weitensfeld eine weitere schwere Überschwemmung, die wiederum großen Schaden anrichtete. Zwei Jahre später wurde endlich mit dem Bau eines wirksamen Hochwasserschutzdamms begonnen. Der inzwischen zum Landesrat avancierte Josef Rettl und sein Nachfolger als Bürgermeister, Laurenz Knaflitsch, leisteten bei den Landesbehörden Überzeugungsarbeit.
Josef Rettl (1858 – 1945) war Gastwirt, Bürgermeister von Weitensfeld von 1897 bis 1919 sowie Kommandant der Freiwilligen Feuerwehr von 1886 bis 1900 und von 1904 bis 1910, außerdem war er Gründer und Obmann der Raiffeisenkasse Weitensfeld. Nach dem Ersten Weltkrieg wurde er in die provisorische Landesversammlung berufen, wo er bis Juli 1921 Landtagsabgeordneter war. Danach war er Landesrat-Stellvertreter und von November 1923 bis Mai 1927 wieder Landtagsabgeordneter. Ab 1919 war er Bezirksvertreter des Landbunds. Oberveterinärrat Laurenz Knaflitsch (1871 – 1945) war Tierarzt und von 1920 bis 1924 Bürgermeister von Weitensfeld.
Im Sommer 1921 begannen etwa 50 Arbeiter mit dem Bau des Uferschutzdamms, der im Spätherbst 1921 abgeschlossen wurde. Gleichzeitig wurde die Gurkbrücke bei der Brückenschmiede erneuert und die Wasserwehre bei der Gortonmühle tiefer gelegt und mit Schleusen versehen. Ein Drittel der Kosten in der Höhe von neun Millionen Kronen musste die Marktkommune beitragen. Josef Rettl wurde wegen seiner Bemühungen zum Dammbau und anderer Verdienste im Jahr 1921 zum Ehrenbürger der Gemeinde Weitensfeld ernannt.
1939/40 wurde der Damm von der Firma Elias Merl verstärkt und erhöht. Dadurch fiel der Schaden beim Hochwasser im Frühsommer 1946, bei dem der höchste jemals gemessene Wasserstand der Gurk erreicht wurde, nicht allzu hoch aus. Nach diesem Hochwasser wurde der Uferschutzdamm um einen halben Meter erhöht – mit Mitteln aus dem Katastrophenfonds des Landes Kärnten und durch Sonderzuteilung von Baumaterial.
Werner Sabitzer
Quellen:
Brachmeier, Hartmut: Hochwässer und Hochwasserschutz in Weitensfeld, in: Weitensfelder Kulturbote, Nr. 4/2001, S. 4-8.
Pirker, Franz: Aus der Ortsgeschichte von Weitensfeld im Gurktale. Sammlung von Geschichtsbildern, 1982 (unveröffentlicht).
Zeloth, Thomas (Hg.): Weitensfeld. Eine Marktgemeinde im Herzen des Gurktales. Klagenfurt, 2008.
Minister, Richter und Poet
Vor 200 Jahren wurde in Klagenfurt Adolf Ritter von Tschabuschnigg geboren. Er war einer der bedeutendsten Dichter des 19. Jahrhunderts in Österreich; heute ist er weitgehend vergessen.
Adolf Ignaz Ritter von Tschabuschnigg wurde am 20. Juli 1809 in Klagenfurt geboren. Sein Vater Leonhard hatte in Klagenfurt ein Haus geerbt. Die kleinadelige Familie Tschabuschnigg stammte aus Oberkärnten. Im Jahr 1637 wurde in Kreuzen Paul Tschabuschnigg geboren, als Sohn eines Hackenschmieds. Mit Unterstützung einer Stiftung des Grafen von Ortenburg konnte der talentierte Bursche im Ausland studieren. Er war wirtschaftlich erfolgreich und wurde 1682 in den Adelsstand erhoben. Einer seiner Söhne, Johann Baptist, war Gewerke und kaufte von den Herren von Leobenegg das Gut Raknitzhof. Er wurde „Reichsritter von Zabuesnig“ und seine Nachfolger waren Handelsherrn in Augsburg und Venedig. Johann Christoph von Zabuesnig (1747 – 1827) war Kaufmann, Schriftsteller, Übersetzer und Bürgermeister in Augsburg. 1817 wurde er mit 72 Jahren zum Priester geweiht.
Adolf Ritter von Tschabuschnigg studierte ab 1826 Rechtswissenschaften an der Universität Wien und war ab 1832 im Staatsdienst tätig. Er unternahm viele Reisen. 1836 kam er als Gerichtspraktikant nach Triest, wo er acht Jahre blieb und sich mit Francesco Dall’Ongaro anfreundete, einem Lyriker und Herausgeber der Kulturzeitschrift „La Favilla“. Seine Eindrücke in Triest hat Tschabuschnigg in zwei Kapiteln seines 1842 erschienenen „Buchs der Reisen“ festgehalten – einen Beitrag über die „Sartorelle“, die Nähmädchen, und einen Text über den Hafen und den Handel. 1844 kam Tschabuschnigg nach Klagenfurt zurück, wo er eine Stelle bei Gericht bekam.
Im Revolutionsjahr 1848 befürwortete er Reformen. In den „Wiener Sonntagsblättern“ schrieb er angesichts des drohenden Zerfalls der Monarchie einen Essay über die Nationalitätenfrage.
1850 wurde er Oberlandesgerichtsrat in Klagenfurt, ab 1854 war er beim Oberlandesgericht Graz tätig und 1859 wurde er Hofrat beim Obersten Gerichtshof in Wien.
Karriere als Schriftsteller
Seine Karriere als Schriftsteller begann mit der Veröffentlichung seiner „Gedichte“ im Jahr 1833. Weitere Gedichte erschienen ab 1838 in der Zeitschrift „Carniola“, einer deutschsprachigen Publikation in Laibach. Das 1841 erschienene Werk „Ironie des Lebens“ war die erste längere Novelle. Die Werke Heinrich Heines hatten einen starken Einfluss auf den Kärntner Literaten.
1846 erschien Tschabuschniggs Erzählung „Das Haus der Grafen Owinski“. In seinen Romanen „Die Industriellen“ (1854) und „Sünder und Thoren“ (zwei Bände 1875) kritisierte der großbürgerliche Liberale die sozialen Missstände in der Monarchie. In „Sünder und Thoren“ beschreibt Tschabuschnigg neue Formen der Geldwirtschaft und die Folgeprobleme. Die zweite Auflage von „Die Industriellen“ erschien 1876 unter dem Titel „Fabrikanten und Arbeiter“. Weitere Werke waren „Buch der Reisen“ (1842), „Neue Gedichte“ (1851), „Aus dem Zauberwalde“ (1856), „Der moderne Eulenspiegel“ (zwei Bände, 1846) und „Grafenpfalz“ (1862).
Die „Gesammelten Werke“ Tschabuschniggs, der auch unter dem auch dem Pseudonym „A. V. T. Süd“ schrieb, erschienen zwischen 1875 und 1877 in sechs Bänden.
„Im Wandel unwandelbar“
Tschabuschniggs politische Karriere begann im Revolutionsjahr 1848 als Mitglied des Kärntner Landtags. 1861 wurde er von den Großgrundbesitzern Kärntens als Abgeordneter in den Reichsrat gewählt und 1870 wurde er Justizminister der Monarchie im Kabinett des Ministerpräsidenten Alfred Graf Potocki. Ab 1870 war er auch Mitglied des Herrenhauses im Parlament in Wien auf Lebenszeit.
Mit seiner Köchin Maria Stephaner hatte er eine Tochter, die den Königlich-Bayrischen Kommerzialrat Benedikt von Zabuesnig in Landshut heiratete.
Adolf Ritter von Tschabuschnigg starb am 1. November 1877 in Wien. Er wurde auf dem Friedhof St. Ruprecht in Klagenfurt begraben. Auf dem Grabstein steht: „Im Wandel unwandelbar.“ Die Stadt Klagenfurt benannte eine Straße nach dem fast vergessenen Dichter und Staatsmann.
Werner Sabitzer
Quellen und weiterführende Literatur:
Hügel, Erika: Adolf I. Ritter von Tschabuschnigg: Nachlass und dichterisches Schaffen. Diss. Wien, 1950.
Kabusch, Josef: Die Chronik von Sachsenburg, 1956.
Kucher, Primus Heinz (Hrsg.): Adolf Ritter von Tschabuschnigg (1809-1877), Wien, 2006.
Adolf Ritter von Tschabuschnigg
Tod und Tödin
Wer ist so spät noch fleißig wach?
und schlägt und plätschert laut im Bach?
Sterbhemden wäscht die Tödin dort,
und pocht und dreht und bleichet fort.
Die Nacht ist schön, voll Mondenschein,
heut mags nicht schwer zu sterben sein.
Die Tödin rührt sich ohne Ruh’n,
als gäb’s noch viel für sie zu tun.
Sie ist ein schönes blasses Weib,
nur fast zu zart der schlanke Leib;
das Aug’ ist ernst und traurig schön!
hat viele brechend wohl geseh’n.
Doch nie hat’s, wie’s noch nie gelacht,
je eine Träne feucht gemacht.
Die ist so spät noch fleißig wach,
und schlägt und plätschert laut im Bach.
Sterbhemden wäscht die Tödin dort,
und pocht und dreht und bleichet fort.
Da schaut der Tod aus seinem Haus
im Freithofgrün, und ruft heraus:
„Du frommes Weib, bist du bereit?
Nun hab’ ich Ruh’, ’s ist Schlafenszeit.“
Leis winkt sie, deckt die Linnen aus,
und schleicht dann still hinein ins Haus.
Der Tod greint sänftiglich sie an,
man sieht’s, er ist ein guter Mann,
Der Haushalt fördert Jahr für Jahr,
’sist gar ein emsig wackres Paar.
Er streckt die Toten in den Schrein,
sie hüllt sie blank in Linnen ein.
Er scharrt sie finster tief hinab,
doch sie pflanzt Blumen auf das Grab.


