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Hetzjagd gegen Hosenröcke

Vor 100 Jahren protestierten aufgebrachte Bürger gegen ein modisches Kleidungsstück: Frauen, die Hosenröcke trugen, wurden verfolgt, beschimpft und misshandelt.

Titelblatt der "Wiener Bilder" 1911

Als eine junge Frau am späten Nachmittag des 11. März 1911 das Modehaus in der Kärntnerstraße verließ, bildete sich sofort eine Menschenmenge. Neugierige und Demonstranten schrieen, pfiffen und beschimpften die Dame. Als die Situation zu eskalieren drohte, stiegen die Frau und ihr Begleiter in ein Auto und fuhren weg. Im Gedränge kam es zu einem Unfall: In der Nähe der Johannesgasse wurde ein Pilot von der Menge weggedrängt, von einem Auto gestreift und am Arm verletzt.

Die Frau, eine Angestellte des Modenhauses, hatte die Aufmerksamkeit und den Unmut der Passanten erregt, weil sie ein neues, modisches Kleidungsstück trug – den Hosenrock, der einige Jahre zuvor in Paris kreiert worden war. Mit der so genannten „Jupe Culotte“ konnten Frauen unter anderem auch Radfahren und andere Sportarten besser betreiben.

Allerdings war es zu Beginn des 20. Jahrhunderts noch ein Tabubruch, wenn eine Frau eine Hose trug. Auch der Vatikan verdammte dies als unsittlich. Es waren meist Angestellte von Modenhäusern und bezahlte Models, die vor 100 Jahren den Hosenrock in Wien zu propagieren versuchten – und auf heftigen Widerstand stießen. Aufgebrachte Bürgerinnen und Bürger beschimpften und misshandelten die Frauen und in einigen Fällen musste die Polizei einschreiten.

Am 10. März 1911 verfolgten und beschimpften aufgeregte Passanten in der Kärntner Straße Frauen, die Hosenröcke trugen, und am nächsten Tag musste in der Innenstadt ein Polizei-Aufgebot weitere Frauen schützen, die mit diesem Kleidungsstück unterwegs waren. Am selben Tag kam es auch in Graz zu einem Auflauf wegen einer Hosenrock-Trägerin, die durch die Murgasse und die Herrengasse in das Redaktionsgebäude der „Tagespost“ ging. Einige der Neugierigen verfolgten die Frau bis in den ersten Stock. Als die sie die Redaktion wieder verließ, schrieen und pfiffen ihre Verfolger, bis sie sich in ein Haus flüchtete.

Am 13. März blieb in der Praterstraße im zweiten Bezirk ein Auto wegen Motorschadens stehen. Die Insassen, zwei Offiziere und zwei Begleiterinnen stiegen aus. Als ein Passant das Gerücht verbreitete, die beiden Frauen trügen Hosenröcke, strömten aus allen Richtungen Menschen herbei, sodass der Verkehr zum Erliegen kam. Die Polizei musste einschreiten, sie drängte die Wiener „Vorstadt-Taliban“ ab.

Auch in anderen europäischen Städten kam es zu Protestkundgebungen wegen des Hosenrocks. In Venedig musste eine Frau mit einem „verdächtigen“ Kleid vor aufgebrachten Menschen in ein Lokal flüchten, das sie erst verlassen konnte, nachdem die Polizei eingeschritten war. In England wollte die Textilindustrie sogar ein Klagsbegehren einbringen, um Hosenröcke zu verbieten. Die Kleiderhersteller befürchteten, dass wegen des Hosenrocks der Bedarf an Unterwäsche stark zurückgehen und damit ein Industriezweig gefährdet werden könnte.

Proteste gegen Damenhüte

Zwei Monate nach den Protesten gegen die Hosenröcke gab es in Wien einen Auflauf gegen Damenhüte: Als zwei Frauen mit übergroßen Hüten am 18. Mai 1911 durch die Ruckergasse in Meidling spazierten, bildete sich ein Auflauf von etwa 200 Leuten, darunter viele Kinder. Sie verfolgten „unter Schreien und Lärmen die Damen, die sehr in Verlegenheit waren und nicht wussten, was sie tun sollten“, stand in der „Neuen Freien Presse“ vom 19. Mai 1911. Die beiden Hutträgerinnen flüchteten in die Trainkaserne, der heutigen Meidlinger Kaserne; Polizisten konnten die Demonstranten vertreiben.

Werner Sabitzer

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August 4, 2011 Posted by | Uncategorized | Hinterlasse einen Kommentar

200 Jahre „Carinthia“: „Wochenblatt zum Nutzen und Vergnügen“

Vor 200 Jahren, am 1. Juli 1811, erschien die erste Ausgabe der „Carinthia“. Sie ist die älteste ununterbrochen bestehende Zeitschrift Österreichs.

Carinthia 1855

Carinthia 1855

Die „Carinthia“ mit dem Untertitel: „Ein Wochenblatt zum Nutzen und Vergnügen“ wurde von einer Gesellschaft von Vaterlandsfreunden gegründet und erschien erstmals am 1. Juli 1811. Sie ist damit die älteste ununterbrochen bestehende Zeitschrift Österreichs und auch eine der ältesten Publikationen dieser Art im deutschen Sprachraum.
Die ersten periodischen Publikationen mit allgemein wissenschaftlichem Charakter in Europa erschienen Mitte des 17. Jahrhunderts. Als erste Wissenschaftszeitschriften gelten die ab 1665 herausgegebenen Publikationen Journal des sçavans und Philosophical Transaction. Das in Paris herausgegebene Journal des sçavans (1816 umbenannt in Journal des savants) war eine Zeitschrift von Gelehrten für Gelehrte. Der Inhalt setzte sich hauptsächlich zusammen aus Buchbesprechungen, Nachrufe auf Gelehrte sowie aus Forschungsbeiträgen und Informationen über neue Erkenntnisse auf den Gebieten der Naturwissenschaften, der Technik und der Anatomie. Dazu kamen Entscheidungen von geistlichen und weltlichen Gerichten. Herausgeber der Zeitschrift Philosophical Transaction war die „Royal Society of London for the Improvement of Natural Knowledge“.
Die erste im deutschsprachigen Raum erschienene Wissenschaftszeitschrift war die in Leipzig in lateinischer Sprache ab 1682 herausgegebene Publikation Acta eruditorum. Sie entwickelte sich zur führenden Wissenschaftszeitschrift im 18. Jahrhundert. Die „Carinthia“ ist nach den in Deutschland erschienenen Publikationen „Göttingsche gelehrten Anzeigen“ (ab 1738) und „Annalen der Physik“ (ab 1799) die drittälteste deutschsprachige Zeitschrift.
Auf dem Titelblatt der ersten Ausgabe der „Carinthia“ befand sich ein zehnzeiliges Werk von Johann Wolfgang von Goethe und das Gedicht „Deutscher Gruß an Deutsche“.

Gründungsredakteur war Carl Mercy aus Stralsund, Buchhandlungs-Commis und Schauspieler am Ständischen Theater. Ihm folgte im Herbst 1811 Stadtphysikus Dr. Johann Gottfried Kumpf, der „durch gediegene Beiträge dem Blatt einen bleibenden Wert“ verleihen wollte. In einem Beitrag im Gründungsjahr heißt es: „Da Kärnten sowohl Deutsche als Slowenen (slovenzi) bewohnen, so gehört es mit in den Plan der ,Carinthia‘, auch manche slowenische Aufsätze zu liefern, da wo nämlich der Raum der Deutschen dieß zu thun gestatten wird“. Der erste slowenisch-sprachige Beitrag war ein Gedicht.
Kumpf gründete 1818 die „Kärntnerische Zeitung“, die bis 1835 bestand und in der Beiträge über Kultur, Literatur und Landeskunde erschienen. Kumpf schrieb Gedichte und sammelte Römersteine auf, die er dem Geschichtsverein für Kärnten überließ.
1814 gab es bereits 900 Abnehmer der „Carinthia“. Ab 1915 leitete Simon Martin Mayer die Redaktion. Von 1821 bis 1890 lautete der Untertitel „Für Vaterlandskunde, Belehrung und Unterhaltung“.
Im Revolutionsjahr 1848 verstand sich die „Carinthia“ als „Constitutionelles Blatt für Zeitinteressen“; die Redaktion leitete damals Vinzenz Rizzi. Der Humanist Rizzi (1816 – 1856) setzte sich unter anderem für die Gleichberechtigung aller Völker in der österreichisch-ungarischen Monarchie ein. Auch in der „Carinthia“ fanden sich nun Themen wie die Pressefreiheit und andere Errungenschaften der Revolution. Kurz danach übernahm wieder Mayer die Redaktionsleitung, aber 1851 löste ihn wieder Rizzi ab.

Selbstständige Zeitschrift

Ende 1854 kam es zu einem Neubeginn der Publikation. Die „Carinthia“ konnte nicht mehr als Beilage der „Klagenfurter Zeitung“ erscheinen, da in der nun täglich erscheinenden „Klagenfurter Zeitung“ ein eigener Unterhaltungsteil eingerichtet wurde. Die Einstellung der „Carinthia“ konnte aber durch den Einsatz von Simon Martin Mayer und anderer Interessierter abgewendet werden. Mayer führte die Carinthia bis 1863 als selbstständiges Wochenblatt weiter. Gedruckt wurde die Publikation bei Leon in Klagenfurt.
1863 drohte abermals das Ende; diesmal verpflichtete sich der 1844 gegründete „Geschichtsverein für Kärnten“ für die Weiterführung der Publikation – gemeinsam mit dem 1848 gegründeten „Naturhistorischen Landesmuseum“ (später: Naturwissenschaftlicher Verein). Die beiden Vereine gaben von 1864 bis 1890 Monatshefte der „Carinthia“ heraus – Untertitel war „Zeitschrift für Vaterlandskunde, Belehrung und Unterhaltung“; ab 1869 wurden keine belletristische Beiträge mehr veröffentlicht.
Redaktionsleiter waren Ernst Rauscher (1863), Dr. Heinrich Weil (1864/65), Dr. Ludwig Jßleib (1866 bis 1868) sowie J. Leodegar Canaval und Anton Ritter von Gallenstein (1869 bis 1874). Von 1875 bis 1890 redigierte die Fachzeitschrift der Klagenfurter Botaniker und Sammler Markus Freiherr von Jabornegg (1837 – 1910).

„Neue Carinthia“

Kritik an der mangelnden wissenschaftlichen Qualität mancher Beiträge war einer der Ursachen für die letzte große Krise der Zeitschrift im 19. Jahrhundert. 1890 wurde der Titel in „Neue Carinthia. Zeitschrift für Geschichte, Volks- und Altertumskunde für Kärnten“ geändert; allerdings nur für einen Jahrgang. Die Diskussionen führten zu einer grundlegenden Reform: Bei der turbulenten Generalversammlung des Geschichtsvereins für Kärnten im Jahr 1890 wurde eine Trennung in zwei Zeitschriften beschlossen: Ab 1891 veröffentlichte die „Carinthia I“ historisch-volkskundliche Beiträge und die „Carinthia II“ Artikel naturwissenschaftlichen Charakters.

Die „Carinthia I“ wurde von nun allein vom Geschichtsverein herausgegeben und trug bis 1930 den Untertitel „Mittheilungen des Geschichtsvereines für Kärnten“. Es gab sechs Hefte jährlich. Forschungsgebiet war die Landesgeschichte Kärntens.
Simon Laschitzer legte ein Programm für die „neue Carinthia“ vor. Laschitzer, ein Bauernsohn aus Unterbrückendorf bei Launsdorf, maturierte mit Vorzug am k. k. Gymnasium in Klagenfurt, studierte Geschichte und Kunstgeschichte in Wien und absolvierte 1873 bis 1875 den Institutskurs für österreichische Geschichtsforschung. Von 1888 bis 1897 war er Vorstand der k. k. Studienbibliothek in Klagenfurt. 1890 bis 1897 war er Direktor-Stellvertreter des Geschichtsvereins für Kärnten und Redakteur der „Carinthia I“. Danach zog er wieder nach Wien, wo er Bibliothekar an der k. k. Akademie der bildenden Künste war. Er starb am 10. September 1908 in Wien, wurde aber auf seinen Wunsch auf dem Friedhof St. Ruprecht in Klagenfurt begraben.
Auf Laschitzer folgte im Jahr 1898 August von Jaksch als Schriftleiter der „Carinthia I“. Er betreute 15 Jahrgänge bis 1912 und war auch als Autor tätig. Nach seinem Rücktritt war 1913 ein dreiköpfiges Redaktionskomitee für die Herausgabe verantwortlich und 1914 übernahm Gymnasialprofessor Dr. Martin Wutte allein die Schriftleitung. Wutte, geboren 1876 in Obermühlbach, studierte Geschichte und Geografie in Graz (1901 Dr. phil.) und unterrichtete danach in Graz, Marburg und am Staatsgymnasium Klagenfurt. Er war 1919 in Saint Germain Sachbearbeiter für Kärnten in der österreichischen Delegation zur Vorbereitung der Kärntner Volksabstimmung. 1923 wurde er Direktor des Landesarchivs. Wutte, seit 1905 Mitarbeiter der „Carinthia I“, bestimmte die Linie der Zeitschrift während des Kärntner Abwehrkampfs 1918/20: Die „Carinthia I“ habe ihre Spalten der wissenschaftlichen Erörterung von geschichtlichen, siedlungsgeographischen und statistischen Problemen geöffnet, deren Aufhellung zur Verteidigung der Einheit und Freiheit Kärntens notwendig war“, schrieb Wutte 1930 in der Festschrift zur Zehnjahresfeier der Kärntner Volksabstimmung. „Der Wissenschaft dienend, durfte sie gegenüber den Versuchen, die Politik der Gewalt, die da gegen Kärnten eingeschlagen wurde, mit wissenschaftlichen Scheingründen zu rechfertigen, nicht schweigen.“

Martin Wutte betreute die „Carinthia I“ 25 Jahre lang bis 1938. 1939 wurde sein Schüler Gotbert Moro Schriftleiter. Wutte blieb Autor bis zu seinem Tod 1948.
Dr. Gotbert Moro, geboren 1902, war Direktor des Kärntner Landesmuseums und des Landesarchivs und betreute die „Carinthia I“ bis 1970 als Schriftleiter.
Ab 1932 gab es zwei Hefte jährlich, davor wurden schon jeweils drei Hefte zu zwei Bänden jährlich zusammengelegt.
Auf Gotbert Moro folgte 1971 Dr. Wilhelm Neumann. Er war bis 1990 Schriftleiter der „Carinthia I“, mit Ausnahme des Jahres 1975: In diesem Jahr war Dr. Alfred Ogris für die Publikation verantwortlich. 1991 übernahm Ogris die Schriftleitung. Er war von 1960 bis 1963 Volksschullehrer an zweisprachigen Volksschulen in Kärnten, studierte Geschichte und Germanistik in Wien, promovierte 1967 mit einer Dissertation über Völkermarkt und war ab 1968 Archivar am Kärntner Landesarchiv. Sieben Jahre war er an der Pädagogischen Akademie in Klagenfurt tätig, 1983 habilitierte er sich an der Universität Wien. Er hielt Vorlesungen an den Universitäten Wien, Klagenfurt und Graz und von 1981 bis zur Pensionierung 2001 war er Direktor des Kärntner Landesarchivs. Sein Nachfolger als Archiv-Direktor wurde Dr. Wilhelm Wadl, er leitet seit 2008 auch die „Carinthia I“ (Untertitel: „Zeitschrift für geschichtliche Landeskunde von Kärnten“). Die nun 200 Jahre alte, vom Geschichtsverein für Kärnten herausgegebene „Carinthia I“ blieb die einzige periodische historisch-wissenschaftliche Publikation in Kärnten. Sie dient „Vertretern unterschiedlichster wissenschaftlicher Disziplinen als Sprachrohr“, wie Dr. Wilhelm Wadl anlässlich des Wechsels des Redaktionsleiters 2008 in der „Carinthia“ anmerkte. Die geschichtliche Landeskunde könne nur dann fruchtbare Ergebnisse hervorbringen, wenn seie möglichst interdisziplinär betrieben werde und wenn ein räumlich begrenztes Gebiet mit verschiedensten Methoden und quer durch alle Zeiträume beforscht werde, betonte Wadl: „Die Carinthia I wird auch weiterhin Vertretern wissenschaftlicher Fachdisziplinen und mit wissenschaftlichen Methoden arbeitenden Laien gleichermaßen offen stehen. Auch im Interesse des Lesepublikums der Carinthia I ist gerade diese Mischung aus wissenschaftlichen Spezialuntersuchungen und gediegener Heimatkunde wichtig.“

Werner Sabitzer

Quellen:
Ogris, Alfred: Die Geschichtsvereins-Zeitschrift „Carinthia I“ unter den Redaktionen Laschitzer, Jaksch, Wutte und Moro (1890/91 – 1970). In: Carinthia I, 184. Jg., Klagenfurt 1994, S. 407-428.
Wadl, Wilhelm: Zum Wechsel in der Redaktion. In: Carinthia I, 198. Jg., Klagenfurt 2008, S. 623-624.

Schriftleiter der „Carinthia I“

Carl Mercy (1811)
Johann Gottfried Kumpf (1811 bis 1814)
Johann Ritter von Jenull (1814/15)
Simon Martin Mayer (1815 bis 1848)
Vinzenz Rizzi (1848)
Simon Martin Mayer (1849 bis 1851)
Vinzenz Rizzi (1851 bis 1854)
Simon Martin Mayer (1855 bis 1862)
Ernst Rauscher (1863)
Heinrich Weil (1864/65)
Ludwig Ißleib (1866 bis 1868)
J. Leodegar Canaval und Anton Ritter von Gallenstein (1869 bis 1874)
Markus Freiherr von Jabornegg (1875 bis 1890)
Simon Laschitzer (1890 bis 1897)
August von Jaksch (1898 bis 1912)
Martin Wutte (1913 bis 1938)
Gotbert Moro (1939 bis 1970)
Wilhelm Neumann (1971 bis 1990, außer 1975)
Alfred Ogris (1975 und 1991 bis 2007)
Wilhelm Wadl (seit 2008)

August 4, 2011 Posted by | Geschichte, Kärnten - Geschichte | | Hinterlasse einen Kommentar