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Liebe, Flucht und Rassenwahn

Ein Buch eines Vorarlberger Richters dokumentiert die dramatische Geschichte einer verbotenen Liebe im Nationalsozialismus.

Er war „Arier“, sie „Volljüdin“ und ihre Liebe galt als „Rassenschande“ nach den Nazi-Gesetzen. Der junge Kölner Heinrich Heinen hatte sich 1938 in die Schneiderin Edith Meyer verliebt, wollte sie heiraten, aber in der NS-Diktatur galten seit 1935 die Rassengesetze – die Eheschließung und sexuelle Beziehungen zwischen jüdischen und „arischen“ Deutschen waren verboten.

Im Dezember 1941 wurde Edith Meyer als Jüdin in das Ghetto nach Riga deportiert. Heinrich Heinen verließ zu Ostern 1942 unerlaubt seine Arbeitsstelle in Berlin und machte sich auf die Suche nach seiner Geliebten. Ohne Reisepapiere kam er nach Riga und wurde beim Versuch, in das Ghetto einzudringen, von lettischen SS-Leuten angehalten, aber wieder freigelassen, nachdem er seinen Wehrpass vorgezeigt hatte. Heinen gelang es kurze Zeit später, die Stacheldrahtsperre zu überwinden und seine Geliebte unter den rund 25.000 Ghetto-Bewohnern zu finden. Das Paar flüchtete aus dem schwer bewachten und mit Stacheldraht umzäunten Ghetto unter abenteuerlichen Umständen über Berlin in die Nähe von Köln und reiste nach Vorarlberg. Ziel war die Schweiz, um dort zu heiraten. Beim Versuch, von Feldkirch aus über die Grenze in die Schweiz zu gelangen, wurden die beiden Deutschen verhaftet. Edith Meyer wurde der SS überstellt, einige Wochen im Gefangenenhaus Innsbruck festgehalten und in das Konzentrationslager Auschwitz gebracht, wo sie vermutlich schon kurz nach der Ankunft ermordet wurde. Auch eine Jüdin, die das Paar auf der Flucht eine Woche lang bei sich aufgenommen hatte, wurde in das KZ Auschwitz eingewiesen, wo die schwangere Frau knapp vier Wochen später umkam. Eine Verwandte hatte sie denunziert.

Kerker wegen „Rassenschande“

Heinrich Heinen wurde von einem NS-Sondergericht wegen „Rassenschande“ zu fünf Jahren Kerker verurteilt und im Straflandesgericht Feldkirch inhaftiert. Am 30. August 1942 setzten Heinen und seine sechs Zellengenossen den Fluchtplan um. Heinen und ein zweiter Insasse würgten einen Mithäftling bewusstlos. Ein dritter Häftling betätigte die Glocke. Als ein Hilfsaufseher in der Zelle nachschauen wollte, überwältigten ihn die Häftlinge und stahlen ihm die Schlüssel und die Pistole. Die Häftlinge überwältigten auch einen zweiten Wachebediensteten, entwaffneten ihn und sperrten ihn zu seinem Kollegen in eine Zelle. Heinen und drei Mithäftlinge suchten nun im Gefängnis nach Edith Meyer, sie wussten nicht, dass die Jüdin bereits abtransportiert worden war. Die Ausbrecher versorgten sich in der Aufnahmekanzlei mit Zivilkleidung und flüchteten aus dem Gefängnis. Zwei Tage später wurden der Kölner und ein weiterer Geflüchteter auf einer Parkbank in Hohenems von der Polizei gestellt. Eine Frau hatte die Polizei verständigt. Nachdem Heinen eine Pistole gezogen hatte, wurde er von zwei Schüssen aus dem Karabiner eines Hilfsgrenzbediensteten niedergestreckt. Ein Schuss in die Brust war tödlich. Der verwegene Deutsche verblutete.

Mehr als ein halbes Jahrhundert später recherchierten zwei deutsche Historiker die dramatische Liebesgeschichte und wandten sich unabhängig voneinander an das Landesgericht Feldkirch, um in eventuell noch vorhandenen Prozessakten Einsicht zu nehmen.

Dr. Alfons Dür, damals Vizepräsident des Landesgerichts Feldkirch, machte sich auf die Suche nach den Akten von 1942 und wurde fündig. Die Geschichte ließ ihn nicht los. Dür, seit 2008 im Ruhestand, forschte weiter und veröffentlichte nun das ungewöhnliche Drama unter dem Titel „Unerhörter Mut“.*

Alfons Dür recherchierte auch die Nachkriegskarrieren der Mitglieder des Sondergerichts: Der nationalsozialistische Staatsanwalt, der Heinen angeklagt und in mehreren Verfahren Todesurteile verhängt hatte, musste zwar nach dem Ende der NS-Diktatur 1945 seinen Dienst quittieren, konnte aber ab 1954 wieder als Staatsanwalt arbeiten. Die „Minderbelastetenamnestie“ von 1948 machte eine Wiedereinstellung vieler ehemaliger Nationalsozialisten möglich. Er wurde Oberstaatsanwalt und war später bis zu seiner Pensionierung im Jahr 1967 Richter im Obersten Gerichtshof in Wien.

Werner Sabitzer

* Alfons Dür: Unerhörter Mut. Eine Liebe in der Zeit des Rassenwahns. Haymon Verlag, Innsbruck, 2012.

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September 25, 2012 - Posted by | Uncategorized

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