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Justizmord vor 1.000 Jahren

Im Jahr 1012 wurde in Stockerau in Niederösterreich der irische Pilger Koloman ermordet. Er wurde für einen feindlichen Spion gehalten, gefoltert und gehängt.

 

Vor 1.000 Jahren wurde in der Nähe von Stockerau in Niederösterreich ein Fremder angehalten. Der Mann stammte aus Irland und befand sich auf einer Pilgerreise in das Heilige Land. Wegen seines fremdartigen Aussehens wurde er von den Niederösterreichern für einen böhmischen oder ungarischen Spion gehalten und festgenommen.

Politischer Hintergrund waren die Auseinandersetzungen zwischen König Heinrich II. und Herzog Boleslaw I. Chrobry von Polen. Außerdem gab es in dieser Zeit noch immer die Angst vor einen Einfall der Ungarn: Im 10. Jahrhundert waren immer wieder ungarische Truppen in Ostösterreich eingefallen und hatten das Gebiet bis zur Enns besetzt. 955 gelang es in der Schlacht von Lechfeld, die Ungarn dauerhaft zurückzudrängen. Die Gefahr blieb aber.

Koloman, so nannte sich der Fremde, wurde gefoltert und am 17. Juli 1012 laut einer Überlieferung zwischen zwei verurteilten Mördern gehängt. Als zum Tode Verurteilter wurde die Leiche nicht begraben.

Über den irrtümlich Hingerichteten rankten sich bald Mythen: Angeblich soll sich die Verwesung der Leiche verzögert haben. Menschen pilgerten zum Leichnam und es soll zu Wundern gekommen sein. Die Leiche wurde 1013 in der Kirche in Stockerau beigesetzt – an der Stelle, an der sich heute das Kloster St. Koloman befindet. An seinem Grab soll es zu weiteren Wundern gekommen sein, die sich herumsprachen. Eine Kommission ließ das Grab öffnen und überprüfte die Wunden. Dabei soll die Leiche unverwest vorgefunden worden sein.

Der Babenberger Markgraf Heinrich I. ließ die sterblichen Überreste unter Begleitung des Bischofs Megingaud von Eichstätt in seine Residenzstadt Melk überführen und am 13. Oktober 1014 in der St. Peterskirche außerhalb der Melker Burg beisetzen. Dieser Tag ist bis heute der Festtag Kolomans.

Zuerst beschrieben wurde das Ereignis 1017 in der „Chronik“ des Bischofs Thietmar von Merseburg und 1123 in den „Melker Annalen“. Beide Schriften liegen dem zweiteiligen Werk „Passio sancti Colomanni“ des Melker Abtes Echenfried (1122 – 1163) zugrunde, in dem über das Leiden und Wunder am Grab Kolomans in Melk berichtet wird.

 

Koloman-Verehrung

 

Papst Innozenz IV. genehmigte 1244 den 13. Oktober, Kolomans Gedächtnistag, als Feiertag in Österreich und in den benachbarten Provinzen. Für kurze Zeit wurden die Gebeine Kolomans auf Druck des ungarischen Königs nach Stuhlweißenburg gebracht, aber bald wieder nach Melk überführt. Der Schädel soll mit Ausnahme des Unterkiefers in Stuhlweißenburg geblieben sein.

Herzog Rudolf IV. ließ für Koloman 1362 in Melk ein prunkvolles Grabmal errichten. Ein Jahr zuvor war der „Kolomanistein“ in Messing gefasst und in das „Bischofstor“ des Wiener Stephansdoms einmauert worden. Zu dieser Zeit war Koloman Landespatron von Niederösterreich und Schutzpatron der Landsmannschaft „Österreichische Nation“ an der Universität Wien. Als Landespatron wurde er 1663 von Leopold abgelöst.

Koloman wurde nie heilig gesprochen. Er wird aber als „Märtyrer“ bis heute verehrt. Sein Festtag, der 13. Oktober, war Bauernfeiertag und er galt als „Zins- und Diensttag“ – an diesem Tag wurden Schulden zurückgezahlt und auch Urkunden ausgestellt. Kolomans Gebeine befinden sich im linken vorderen Seitenaltar der Melker Stiftskirche. Die älteste Darstellung Kolomans befindet sich in der Kirche St. Coloman bei Schwangau: Die Figur in Mönchstracht ist um 1200 entstanden.

Eine Reihe von Pfarrkirchen in Österreich, Bayern, Südtirol und anderen Ländern sind Koloman geweiht. Einige Orte sind nach ihm benannt, etwa St. Koloman bei Hallein in Salzburg. In Stockerau, dem Ort seiner Hinrichtung, befindet sich das Kloster St. Koloman.

Koloman galt auch als Patron der Gehängten, der Reisenden und des Viehs. Kranke riefen ihn an, wenn sie Kopfschmerzen hatten, sie opferten hölzerne Köpfe. Ein weiterer Brauch war die Opferung von hölzernen Löffeln: Das soll gegen Hals- und Zahnschmerzen gewirkt haben. Die Anrufung Kolomans soll auch bei Ermüdung geholfen haben; für junge Frauen war er Heiratspatron. Früher trugen manche Gläubige ein „Kolomanibüchlein“ mit sich, eine Art „Schutzbrief“. Die Träger glaubten, sie seien geschützt vor Feuer, Dieben, „Hexen“, Gewittern, Gewehrkugeln und Gefahren auf der Reise.

Werner Sabitzer

 

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Dezember 30, 2012 Posted by | Uncategorized | Hinterlasse einen Kommentar

Die „Affäre“ Egon Schiele

Vor 100 Jahren wurde der Künstler Egon Schiele in Neulengbach in Niederösterreich wegen Entführung und Schändung eines minderjährigen Mädchens sowie öffentlicher Unsittlichkeit festgenommen.

 

Der 13. April 1912 sollte das Leben und Wirken Egon Schieles entscheidend ändern. An diesem Tag wurde der 21-jährige Künstler nach einer Einvernahme im Bezirksgericht Neulengbach in Untersuchungshaft genommen. Er stand im Verdacht, ein 14-jähriges Mädchen entführt und geschändet zu haben. Außerdem wurde ihm vorgeworfen, durch einige seiner Bilder die öffentliche Sittlichkeit verletzt zu haben.

Egon Schiele hatte sich im August 1911 in einem aus zwei Zimmern bestehenden „Sommerfrischehaus“ in Neulengbach eingemietet, „um immer hier zu bleiben“, wie er seinem Neulengbacher Onkel Leopold Czihaczek schrieb. Schiele kannte den Ort, er war ab 1907 immer wieder zu Besuch bei den Czihaczeks. Der Künstler wohnte und wirkte davor mit seinem Modell Walburga „Wally“ Neuzil einige Monate in Krumau in Tschechien, dem Geburtsort seiner Mutter. Weil er dort junge Mädchen zeichnete und mit Wally in „wilder Ehe“ zusammenlebte, war er Anfeindungen der Bewohner ausgesetzt, deshalb beschloss er, nach Niederösterreich zurückzukehren.

 

Neulengbacher „Affäre“

 

In Neulengbach schuf Schiele etwa 40 Werke, darunter die Bilder „Herbstbaum in bewegter Luft“, „Eremiten“ und „Meine Schlafkammer in Neulengbach“ sowie Zeichnungen mit halbnackten Mädchen. Diese Kunstwerke und ein Vorfall führten zu seiner Verhaftung: Die 14-jährige Tatjana von Mossig, die Schiele einige Wochen davor kennengelernt hatte, kam im April 1912 zu Schieles Haus. Das Mädchen schilderte, es habe mit den Eltern gestritten, sei zu Hause weggelaufen und bat, bei Schiele bleiben zu dürfen. Schiele und Wally lehnten das zunächst ab, ließen das Mädchen aber bei sich übernachten, da es stark regnete und Tatjana versprach, am nächsten Tag zu ihrer Großmutter nach Wien zu fahren. Am Morgen brachten Schiele und Wally das Mädchen mit dem Zug nach Wien. Der Künstler verbrachte den Abend bei einer Veranstaltung eines Gönners, des Industriellen Carl Reininghaus. Als Schiele sich Tags darauf wieder mit Wally auf dem Westbahnhof traf, war auch Tatjana dabei. Das Mädchen hatte es nicht gewagt, zu ihrer Großmutter zu gehen. Deshalb hatten Wally und das Mädchen die Nacht in einem Hotel verbracht. Alle drei kehrten nach Neulengbach zurück, wo Tatjana eine weitere Nacht blieb. Inzwischen hatte Tatjanas Vater Theobald Ritter von Mossig, ein k. k. Linienschiffsleutnant und ehemaliger Marineattaché, der im Schloss Neulengbach wohnte, eine Abgängigkeitsanzeige erstattet. Als er erfuhr, dass sich Tatjana bei Schiele aufhielt, kam er zu dessen Haus, drohte dem Künstler mit einer Anzeige wegen Verführung einer Minderjährigen und holte seine Tochter ab.

Aufgrund der Anzeige Mossigs begann die Gendarmerie wegen des Verdachts der Entführung nach § 96 Strafgesetz (StG) und auch wegen Verdachts der Schändung (§ 128 StG) zu ermitteln. Den Behörden war zu Ohren gekommen, Schiele verwende junge Mädchen als Modelle und habe in seinem Atelier Bilder, die nackte Mädchen zeigten. Bei einer Hausdurchsuchung wurden in Schieles Domizil 125 Zeichnungen beschlagnahmt, darunter das „Farbblatt, darstellend ein ganz junges, nur am Oberkörper bekleidetes Mädchen“.

Schon im Jänner 1910 hatte Schiele Ärger wegen seiner Kunstwerke: Bei einer Ausstellung der „Neukunstgruppe“ in einem Kunstsalon in Wien wurden 14 seiner Zeichnungen von der Polizei beanstandet. Sie durften nicht aufgehängt oder in einer Mappe aufgelegt werden.

Nachdem die Gendarmerie der Staatsanwaltschaft St. Pölten über den Stand der Ermittlungen in der Neulengbacher „Affäre“ berichtet hatte, beantragte die Staatsanwaltschaft die Einleitung der gerichtlichen Voruntersuchung, es wurde zusätzlich wegen einer Sittlichkeitsübertretung nach § 512 StG ermittelt, da Schiele zugab, seine Zeichnungen mit den halbnackten Mädchen den Kindermodellen und deren Freunden gezeigt zu haben.

Am 13. April 1912 wurde über Egon Schiele nach seiner Einvernahme wegen Verabredungsgefahr die Untersuchungshaft verhängt – die Staatsanwaltschaft nahm an, Schiele könnte Tatjana zu einer günstigen Zeugenaussage bewegen. Der sensible Künstler wurde in die Zelle Nr. 2 des Gefangenenhauses des Bezirksgerichts Neulengbach gesteckt. Hier schuf er 13 Werke auf Papier (Bleistift, Aquarell und Gouache). Der Großteil dieser Zeichnungen befindet sich im Besitz der Albertina.

Nach 17 Tagen in der Zelle brachte man Schiele am 30. April 1912 zur Gerichtsverhandlung in das Kreisgericht St. Pölten. Wegen des Vorwurfs der Entführung und Schändung wurde Schiele am 4. Mai 1912 freigesprochen, aber wegen „gröblicher und öffentliches Ärgernis verursachender Verletzung der Sittlichkeit oder Schamhaftigkeit“ zu drei Tagen Arrest verurteilt, weil er erotische Zeichnungen in einem Raum aufgehängt hatte, der auch Kindern zugänglich war.

Die Untersuchungshaft und die dreitägige Arreststrafe veränderten das Leben und Wirken Egon Schieles. Unmittelbar nach der Haftentlassung zog er am 7. Mai 1912 nach Wien. Freunde bewogen ihn, keine halbnackten Mädchen mehr zu zeichnen. Schiele zeichnete keine Kinderakte mehr – mit einer Ausnahme, diese betraf ein Berufsmodell und deren Tochter. „Lieber E. S.“, schrieb Arthur Roessler, ein Förderer Schieles, im Mai 1912 in einer Postkarte an den Künstler, „Es freut mich, dass die ,Affäre‘ für sie so glimpflich ablief, leicht hätte es ärger kommen können.“

Egon Schiele starb am 31. Oktober 1918 28-jährig an der „Spanischen Grippe“. Diese Epidemie forderte kurz nach dem Ende des Ersten Weltkriegs weltweit 20 Millionen Opfer. Drei Tage vor Schieles Tod war seine Frau der Epidemie erlegen.

 

Schieles „Tagebuch“

 

Im Jahr 1922,zehn Jahre nach Schieles Verhaftung, erschien im Wiener Verlag Konegen das Büchlein „Egon Schiele im Gefängnis. Aufzeichnungen und Zeichnungen“, herausgegeben von Arthur Roessler. Darin wird aus einem „Tagebuch“ Schieles zitiert, in dem der Künstler seinen Gefängnisaufenthalt niedergeschrieben haben soll. Das Werk dürfte aber nicht authentisch sein. Laut dem „Tagebuch“ seien ein Gendarmeriebeamter und ein Gemeindediener zu ihm in das Atelier gekommen, um eine Zeichnung wegen „Unanständigkeit“ zu beschlagnahmen. Schiele habe aus Wut den beiden Amtspersonen weitere Zeichnungen gezeigt. Der Gendarm habe daraufhin erklärt: „Die Zeichnungen sind unanständig, die muss ich zu Gericht bringen. Das Weitere werden Sie schon hören!“ Gehört habe Schiele nichts, „aber eingesperrt haben sie mich …“

In der Wochenzeitschrift „Wienerwald Bote“ Nr. 41 vom 7. Oktober 1922 schrieb Johann Zunzer ein Beitrag „Ueber Egon Schiele“. Darin zitierte Zunzer aus Roesslers „Egon Schiele im Gefängnis“ und erhob Vorwürfe: Der Künstler sei nach seiner Verhaftung nicht über den Grund informiert werden, habe den Haftgrund erst nach seiner Überstellung in das Kreisgericht St. Pölten erfahren und sei in einem „dunklen, feuchten Loch“ eingesperrt gewesen. Er sei erniedrigend behandelt worden und habe erst nach vier Tagen Zeichen- und Schreibmaterial erhalten. Abgedruckt wurde auch eine Textstelle, die Schiele angeblich am 18. April 1912 in sein „Tagebuch“ geschrieben habe: „Ich muss mit meinem eigenen Kot wohnen, giftigen stickigen Dunst einatmen. Ich bin unrasiert – ich kann mich nicht einmal ordentlich waschen …“

Der Beitrag im „Wienerwald Boten“ blieb nicht unwidersprochen. In der Ausgabe Nr. 43 vom 21. Oktober 1922 erschien eine Entgegnung des Funktionärs der Richtervereinigung, Zweigverein St. Pölten, Landesgerichtsrat Dr. Max Scheffenegger. Der Richter zitierte aus dem Gerichtsakt des Kreisgerichts St. Pölten Vr. VI. 201/12 (der Akt ist heute nicht mehr auffindbar). Demnach sei sich Egon Schiele niemals über den Grund seiner Verhaftung im Unklaren gewesen, „denn er wurde erst nach einem eineinhalbstündigen richterlichen Verhör, in dessen Verlauf er sich zu allen ihm kundgegebenen Verdachtsmomenten (es handelte sich um ein schweres Sexualdelikt, das er angeblich an einem unmündigen Kind verübt hatte) geäußert hatte, verhaftet, weil mit Grund zu fürchten war, dass er das Kind beeinflussen werde“. Die Anklage sei Schiele nicht erst nach seiner Überstellung nach St. Pölten mitgeteilt worden, sondern „knapp elf Tage nach seiner Verhaftung, noch in Neulengbach ihrem vollen Umfange nach“. Schiele habe sich während seiner Haft auch niemals beschwert und ihm sei der Wiener Rechtsanwalt Dr. Hans Weiser als Strafverteidiger zur Verfügung gestanden. Der Angeklagte sei nicht wegen seiner „Unschuld“ aus der Haft entlassen worden, sondern nach Verbüßung seiner dreitägigen, rechtskräftigen Arreststrafe. „Egon Schiele wurde nicht wegen des angeklagten Verbrechens verurteilt, weil die hiefür einzig maßgebende Person als Zeuge bei der Hauptverhandlung ihre in der Voruntersuchung abgelegte Aussage in einem entscheidenden Punkte abgeschwächt hatte“, schrieb Richtervertreter Scheffenegger. „Der infolgedessen einigermaßen geringer erscheinenden Schuld, die das Gesetz noch immer mit acht Tagen bis zu sechs Monaten strengen Arrests belegt, wurde das Gericht sodann mit der erwähnten dreitägigen Strafe gerecht, die nur deshalb so gelinde ausgefallen ist, weil auf die 21 Tage Untersuchungshaft Rücksicht genommen wurde.“

Das Gefangenenhausim Bezirksgericht Neulengbach mit den sechs Zellen für Männer und drei für Frauen wurde 1956 aufgelassen. Die Zelle Nr. 2, in der Schiele in Untersuchungshaft saß, diente später als Kohlenlager. Die Kunsthistorikerin Prof. Alessandra Comini beschäftigte sich schon in den 1960er-Jahren mit Schieles Neulengbacher Zeit. Sie fand heraus, welches Haus der Künstler gemietet hatte (Neulengbach, Au Nr. 48) und wies 1963 anhand des von Schiele am 19. April 1912 in der Haft gemalten Bildes „Die eine Orange war das einzige Licht“ nach, dass der Künstler in der Zelle Nr. 2 eingesperrt war. Die Initialen „M H“ auf der Zellentür waren auch auf Schieles Zeichnung zu sehen.

 

Egon-Schiele-Saal im Landesgericht Wien

 

Im Landesgericht für Strafsachen Wien gibt es einen „Egon-Schiele-Saal“. Der Künstler war aber niemals hier. Die Bezeichnung beruht auf folgender Begebenheit: Als die Einrichtung eines Gerichtssaales im „Zweierlandl“ (Wiener Landesgericht II) „zerhackt und verheizt“ werden sollte, bemühte sich ein leitender Richter um die Erhaltung der schönen alten Möbel. Um mehr Eindruck zu hinterlassen, erwähnte er, dass vor diesem Richtertisch der berühmte Künstler Egon Schiele gestanden sei. Daraufhin wurden die Möbel gerettet und in den Raum in das Landesgericht gebracht, der seitdem als Egon-Schiele-Saal bezeichnet wird. Heute finden hier Berufungsverhandlungen von Urteilen der Bezirksgerichte statt.

Werner Sabitzer

Dezember 30, 2012 Posted by | Uncategorized | 1 Kommentar

Vor 500 Jahren: Rachemord in Villach

Vor 500 Jahren wurde der friaulische Adelige Antonio Savorgnan vor der Pfarrkirche in Villach erschlagen. Es handelte sich um einen Racheakt.

Als Graf Antonio Savorgnan am 27. März 1512 die Stadtpfarrkirche Villach verließ, warteten seine Feinde vor dem Tor. Als ein Schlag seinen Schädel spaltete, fiel der friaulische Adelige zum Boden. Dann soll laut einem zeitgenössischen Bericht ein großer Hund zum Sterbenden gekommen sein und begonnen haben, ausgetretene Gehirnteile zu fressen.
Die Mörder rächten sich mit dieser grausamen Tat für den Tod ihrer Verwandten im Jahr davor.
Im Jahr 1420 hatten venezianische Truppen Udine erobert; seitdem herrschte die Republik Venezien über Friaul. Die meisten adeligen Feudalherren hatten sich aber mit der neuen Macht arrangiert. Aber die Bevölkerung litt unter der Herrschaft, den hohen Steuern, der Wehrpflicht und anderen Auswüchsen des Feudalsystems. Klerus und Adel hatten Privilegien; adelige Familien stritten auch untereinander um Machtzuwachs. So war die friaulische Grafenfamilie Savorgnan mit einer Reihe anderer adeliger Grundbesitzer verfeindet. Die Savorgnans beuteten die Bauern auf ihrem Herrschaftsgebiet aus, umgekehrt sorgten sie aber auch für sie, wenn es beispielsweise eine Missernte gab.
Die Aufstände der unzufriedenen Bauern und Proletarier begannen im Jahr 1509. Bewaffnete Bauern nahmen die Burg Sterpo ein und zerstörten sie. Ein Hauptziel der Aufständischen war die Burg der reichen Adelsfamilie Colloredo. 1510 kam es zu Kämpfen zwischen friaulischen Adeliger, die von Venezien zurückkehrten, und aufständischen Bauern.

Der Faschingsdienstag-Aufstand

Im Jahr darauf eskalierte die Situation. Und der 1457 geborene Antonio Savorgnan wollte durch die Unruhen profitieren. Der charismatische Feudalherr, der sich mit den venezianischen Besatzern arrangiert hatte, inszenierte am Faschingsdienstag, den 27. Februar 1511 einen Angriff vermeintlicher „venezianischer“ Truppen auf Udine. Die Angreifer wurden von seinem Neffen kommandiert. Graf Savorgnan forderte die Bewohner auf, die Stadt zu verteidigen und den Besitz der mit den Savorgnans verfeindeten Familie della Torre zu plündern. Die Bewohner begannen darauf, auch andere Adelspaläste zu plündern, nur der Besitz von Savorgnan blieb verschont. Viele Mitglieder der adeligen Familien von Udine wurden von den Rebellen ermordet, die Leichen wurden geschändet. Dann zogen die Aufständischen die prunkvollen Kleider der Adeligen an und feierten in dieser Maskerade „Fasching“
Antonio Savorgnans hatte ein wesentliches Ziel erreicht – viele seiner adeligen Rivalen waren tot oder geflüchtet. Um zu verhindern, dass seine Aktion, die die blutigen Aufständen ausgelöst hatten, verraten wurde, ermordete er zwei seiner Kämpfer sowie einen dritten Zeugen und warf die Leichen in einen Brunnen.
Einige Tage später kam eine reguläre militärische Truppe nach Udine, um die öffentliche Ordnung wieder herzustellen. Inzwischen hatten aufständische Bauern eine Reihe von Burgen belagert und eingenommen. Die offiziellen Truppen besiegten nach und nach die Rebellen.
Die venezianische Regierung verurteilte die wesentlichen Führer der Aufständischen zum Tod. Antonio Savorgnan flüchtete in das Herzogtum Kärnten und versteckte sich in Villach. Die friaulischen Adeligen Spilimbergo und Colloredo spürten ihn in der Draustadt auf und erschlugen ihn vor der Kirche.

Werner Sabitzer

Dezember 30, 2012 Posted by | Uncategorized | Hinterlasse einen Kommentar