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100 Jahre Christine Lavant: Dichterin „durch Zufall“

Die Schriftstellerin Christine Lavant wäre heuer 100 Jahre alt geworden. Ihr Leben war geprägt von Krankheiten und Selbstzweifeln.

Christine Lavant wurde am 4. Juli 1915 in Groß-Edling bei St. Stefan im Lavanttal als neuntes Kind des Bergarbeiters Georg Thonhauser und seiner Frau Anna geboren. Ihr ganzes Leben war geprägt von Krankheit, Leiden und Zweifeln: Das Neugeborene litt wochenlang an Skrofulose – das Gesicht und der Hals waren entzündet und das Kind drohte zu erblinden. Mit drei Jahren bekam Christine eine Lungenentzündung, die später immer wieder auftrat und lebensbedrohende Ausmaße annahm. 1927 erkrankte Christine wieder an Skrofulose sowie an Lungentuberkulose. Nach einer Behandlung mit Röntgenstrahlen, damals eine risikoreiche Angelegenheit, besserte sich der Zustand und das Mädchen konnte die dreiklassige Volksschule in St. Stefan abschließen und 1929 eine Klasse der Hauptschule besuchen. Allerdings brach sie den Schulbesuch ab, da sie zu kränklich für den langen Schulweg schien. Als Folge einer übersehenen Mittelohrentzündung 1930 wurde Christine auf einem Ohr fast taub. In den 1930er-Jahren begann Christine zu malen, sie verschenkte viele Aquarelle. Sie las viel, schrieb erste Texte und strickte für Bauern, wie es schon ihre Mutter getan hatte.

1932 schickte sie ein Roman-Manuskript an den Grazer Leykam-Verlag. Der Verlag reagierte zunächst positiv, veröffentlichte aber das Werk dann doch nicht. Das führte dazu, dass Christine ihre Texte vernichtete und lange Zeit nicht mehr schrieb. Als wieder Depressionen auftraten, begab sie sich 1935 in eine Nervenheilanstalt in Klagenfurt. Darüber schrieb sie einen Text („Aufzeichnungen aus einem Irrenhaus“), der aber erst fast drei Jahrzehnte nach ihrem Tod veröffentlicht wurde.

1937 starb ihr Vater, im Jahr darauf ihre Mutter. 1937 sprach Christine einen Mann an, der auf der Straße malte. Es handelte sich um Josef Benedikt Habernig, einen geschiedenen, um 36 Jahre älteren Kunstmaler, den sie am 22. April 1939 heiratete. Sie erwähnte später, sie habe ihn „aus Sorge“ und „aus Mitleid“ geheiratet. Das Künstlerpaar wohnte in St. Stefan im Lavanttal – in ärmlichen Verhältnissen und von den Bewohnern eher argwöhnisch angesehen.

Josef Habernig wird heute fast ausschließlich im Zusammenhang mit Christine Lavant erwähnt. Aber er war ein bedeutender Landschaftsmaler in Kärnten. Er wurde 1879 am elterlichen Straußhof in St. Peter bei Klagenfurt geboren, erbte das Gut, verlor aber während der Weltwirtschaftskrise Ende der 1920er-Jahre einen Großteil seines Vermögens. Bei einem Aufenthalt in Südtirol im Jahr 1894 entstanden erste Federzeichnungen und Habernig begann eine Ausbildung im Zeichnen und Malen. Der gewünschte Erfolg als Landschaftsmaler stellte sich allerdings nicht ein. Während der NS-Diktatur gab es mehrere Ausstellungen, bei denen auch Bilder von Habernig gezeigt wurden. Nach 1945 wurde der Maler weitgehend vergessen.

Literarische Karriere

Christine verdiente sich durch Stricken etwas Geld, auch ihre Geschwister unterstützen sie. 1945 begann sie wieder zu schreiben. Als sie einen Gedichtband des Schriftstellers Rainer Maria Rilke „aufgedrängt“ bekam, wie sie in einer „Selbstdarstellung“ schrieb, habe sie ihn zunächst nicht lesen wollen, weil sie dabei nicht stricken habe können. Sie sei aber von den Gedichten so fasziniert gewesen, dass sie selber wieder Gedichte geschrieben habe, erwähnte sie. Einige Gedichte schickte sie an Paula Purtscher, der Frau des Augenarztes Dr. Adolf Purtscher, der sie schon im Krankenhaus Klagenfurt behandelt und ihr literarische Bücher geschenkt hatte, darunter Werke von Goethe und Rilke. Die gebildete Paula Purtscher, mit der Christine ab 1935 Briefe wechselte, schenkte ihr eine Schreibmaschine und sandte ihre Gedichte an die Schriftstellerin Paula Grogger weiter. Diese vermittelte im Mai 1946 ein Treffen mit dem befreundeten Verleger Viktor Kubczak, der in Stuttgart den Brentano-Verlag gegründet hatte.

Unter dem Pseudonym „Christine Lavant“ veröffentlichte der Brentano-Verlag in Stuttgart 1948 ihre Erzählung „Das Kind“ und im Jahr darauf den Gedichtband „Die unvollendete Liebe“ und die Erzählung „Das Krüglein“. Eine Dichterlesung anlässlich der „St. Veiter Kulturtage“ 1950 bedeutete für sie einen großen Erfolg. Dort begegnete sie dem Maler Werner Berg, mit dem sie danach freundschaftlich verbunden war und dem sie Liebesbriefe schrieb. Berg schuf Holzschnitte und Ölbilder mit dem Konterfei Christines. Die Schriftstellerin freundete sich auch mit Gerhard und Maja Lampersberg an, die auf ihrem Tonhof in Maria Saal Schriftsteller, Maler und andere Künstler förderten.

1950 übersiedelte Christine in eine Kleinwohnung im Haus ihrer Freundin Gertrud Lintschnig, die mit ihrem Mann in St. Stefan im Lavanttal eine Gemischtwarenhandlung betrieb. Hier wohnte Christine Lavant mit Unterbrechungen bis zu ihrem Tod.

1952 veröffentlichte der Leykam-Verlag ihren Erzählband „Baruschka“. 1956 erschienen die Erzählung „Die Rosenkugel“ im Brentano-Verlag und der Gedichtband „Die Bettlerschale“ im Otto-Müller-Verlag, Salzburg.

Christine Lavant lernte die Schriftstellerin Nora von Wydenbruck kennen, die ihre Werke „Das Kind“, „Das Krüglein“ und „Aufzeichungen aus dem Irrenhaus“ ins Englische übersetzte. Nora von Wydenbruck verbrachte ihre Kindheit und Jugend im Schloss Meiselberg bei Maria Saal, das ihrer Großmutter Friedericke Gräfin Christalnigg gehörte, die mit Carl Maria Fugger von Babenhausen verheiratet war. Nora heiratete den akademischen Maler Alfons Purtscher, den Bruder des Augenarztes Adolf Purtscher, der Christine behandelt und gefördert hatte. Der Vater von Alfons und Adolf, Othmar Purscher (1852-1927) war einer der berühmtesten Augenärzte Österreichs. Er gründete die erste Augenabteilung am Krankenhaus in Klagenfurt. In seinen Aufzeichnungen beschreibt er als schönsten Lohn seiner Arbeit, dass er die Zahl der Blinden in Kärnten mehr als halbieren konnte.

1959 veröffentlichte der Otto-Müller-Verlag Christine Lavants Gedichtband „Spindel im Mond“ und im Jahr darauf erschien der Gedichtband „Sonnenvogel“ im Horst-Heiderhoff-Verlag, Wülfrath. 1962 folgte mit „Der Pfauenschrei“ ein weiterer Gedichtband im Otto-Müller-Verlag. Im Werk „Wirf ab den Lehm. Gedichte und Erzählungen“, von Wieland Schmied im Grazer Stiasny-Verlag herausgegeben, erschien eine Auswahl ihres literarischen Schaffens. 13 Gedichte von ihr wurden in den „Lyrischen Heften“ veröffentlicht.

1963 erlitt Christines Mann einen Schlaganfall, von dem er sich nicht mehr erholte. Er wurde von seiner Tochter in Klagenfurt gepflegt, da sich Christine Lavant dazu gesundheitlich nicht in der Lage fühlte. Josef Benedikt Habernig starb am 4. Oktober 1964 in Klagenfurt. Sein Sohn aus erster Ehe, Gerhard Josef Habernigg (1918 – 1991), war ebenfalls bildender Künstler.

1966 übersiedelte Christine Lavant nach Klagenfurt, kehrte aber nach einem neuerlichen Krankenhausaufenthalt eineinhalb Jahre später wieder nach St. Stefan zurück. Davor erschien im Bläschke-Verlag, Darmstadt, ihr Gedichtband „Hälfte des Herzens“. 1969 veröffentlichte der Otto-Müller-Verlag frühere Erzählungen im Band „Nell“. Ab 1970 musste Christine Lavant mehrmals ins Krankenhaus. Am 7. Juni 1973 starb die Schriftstellerin im Krankenhaus Wolfsberg an den Folgen eines Schlaganfalls.

Auszeichnungen

Christine Lavant wurde für ihr literarisches Wirken mehrfach ausgezeichnet. 1954 wurde ihr der Georg-Trakl-Preis für Lyrik zuerkannt, 1956 erhielt sie den 2. Preis im Lyrik-Wettbewerb der „Neuen Deutschen Hefte“ und 1961 folgte der staatliche Förderungspreis für Lyrik. 1964 erhielt sie neuerlich den Georg-Trakl-Preis für Lyrik sowie den Anton-Wildgans-Preis und 1970 wurde sie mit dem großen österreichischen Staatspreis für Literatur ausgezeichnet.

Werner Sabitzer

Quellen:

Glaser, Inge: Christine Lavant – Eine Spurensuche. Edition Praesens, Wien, 2005.

Granati, Herta K.: Josef Benedikt Habernig. 1879-1964. Carinthia Verlag, Klagenfurt, 1985.

Kraigher, Helga: Josef Benedikt Habernig – ein vergessener Kärntner Künstler. In: Die Brücke. Kärntner Kulturzeitschrift. Heft 4, 1982, S. 61-65.

Lübbe-Grothues, Grete: Lavant, Christine, geborene Thonhauser; in: Neue Deutsche Biographie 13 (1982), S. 744. Onlinefassung: http://www.deutsche-biographie.de/ppn118570285.html

Mai 31, 2015 Posted by | Uncategorized | 1 Kommentar

Die Eskapaden des „Goldfüllfederkönigs“

Ernst Winkler, ein extrem geltungsbedürftiger Geschäftsmann mit krimineller Energie, beschäftigte in der Zwischenkriegszeit mit seinen „Mystifikationen“ und Straftaten Polizei und Strafgerichte.

Der Inhalt des kleinen Koffers, der im September 1926 am Anninger bei Mödling gefunden wurde, war seltsam: Auf der Rückseite einer Visitenkarte mit dem Aufdruck „Graf Henckel Freiherr von Donnersmarck, Fideikommißherr auf Beuthen“ befand sich die Notiz, dass sich der Graf im Wald umgebracht habe, und dass derjenige, der die Leiche fände, 100.000 Goldmark als Belohnung erhalten würde. Viele Menschen beteiligten sich an der Suche, um rasch reich zu werden. Für die Polizei war der Fall aber bald klar: Hinter der mysteriösen Geschichte steckte wieder einmal der 1886 in Ternitz, Niederösterreich geborene Ernst Winkler, der am Kohlmarkt 5 in der Wiener Innenstadt ein Füllfedergeschäft und später eine Filiale am Hohen Markt 5 betrieb. Der egozentrische Geschäftsmann bezeichnete sich selbst als „Goldfüllfederkönig“.

Schon einmal hatte er sich als „Graf Henckel, Freiherr von Donnersmarck“ ausgegeben. Das brachte ihm in Deutschland eine Gefängnisstrafe ein: 1911 fuhr der damals 25-Jährige mit Gehrock, Zylinder und Monokel mit einem gemieteten Automobil in Dresden zum Geschäft des königlichen Hofjuweliers, begleitet von seinem als Diener verkleideten Bruder, und ließ sich die schönsten Schmuckstücke „für seine Tochter“ zeigen. Danach bestellte er den Nobeljuwelier mit dem Schmuck auf sein vermeintliches Schloss. Der Juwelier schöpfte Verdacht. Winkler wurde verhaftet und wegen schwerer Urkundenfälschung zu sechs Jahren Zuchthaus verurteilt. 1914 wurde er vom sächsischen König begnadigt und kehrte nach Wien zurück.

Anonyme Briefe

Fast 20 Jahre nach einem aufsehenerregenden Mord in Deutschland erhielt die Staatsanwaltschaft Karlsruhe 1926 einen in Salzburg aufgegebenen Brief, in dem sich der anonyme Schreiber als der eigentliche Täter bezichtigte. Einige ausländische Medien erhielten ähnliche Schreiben. „Da nun der Unglücklichste aller Menschen in den Tod getrieben worden sei und da dem Schreiber in Berlin und in München von zwei Hellsehern prophezeit worden sei, daß das Jahr 1926 das Jahr seines Todes sein werde, habe er sich entschlossen, durch ein Geständnis sich zu befreien …“, hieß es im anonymen Brief. In weiteren, am Semmering abgeschickten Briefen wurde die „Tat“ geschildert. Wegen des Mordes im Jahr 1907 auf der Kurpromenade in Baden-Baden an der Frau des Geheimen Medizinalrats Molitor wurde der Rechtsanwalt Dr. Karl H. zum Tod verurteilt. Die Strafe wurde in lebenslangen Kerker umgewandelt. Nach 18 Jahren wurde der Verurteilte auf Bewährung entlassen. Weil er sich nicht an die Auflage hielt, sich zum Fall nicht mehr zu äußern, wurde die Freilassung widerrufen. Daraufhin verübte Karl H. in Rom Selbstmord. Im Wiener Sicherheitsbüro verglich man die Handschrift auf den Briefen und forschten Winkler als Urheber der anonymen Schreiben aus. Dieser gestand, die anonymen Briefe geschrieben zu haben. Er gab die Vorwürfe zu und begründete die Tat damit, dass er sich wegen der Verurteilung 1911 in Dresden an den deutschen Behörden rächen wollte. Winkler wurde wegen Irreführung der Behörden angezeigt, das Presseecho war enorm.

Am 15. Februar 1927 wurde der rumänische Tenor Trajan Grosvescu in seiner Wohnung in der Lerchenfelder Straße in Wien von seiner eifersüchtigen Frau Nelly Grosavescu erschossen. Die Täterin wurde wegen „Sinnesverwirrung“ von den Geschworenen freigesprochen. Das passte Ernst Winkler nicht. Unter dem Pseudonym „Adalbert Graf Sternberg“ bestellte er bei Händlern für Nelly Grosavescu Schmuck und andere Wertgegenstände und ließ sie in ein Hotel liefern. Winkler gestand, die Briefe geschrieben haben, behauptete, er hätte nicht gedacht, dass die Händler wirklich liefern würden.

Der Fall Martha Marek

1927 sorgte Winkler mit einem weiteren anonymen Brief für Verwirrung. Als die attraktive Wienerin Martha Marek und ihr Mann im April 1927 im Landesgericht Wien wegen versuchten Versicherungsbetrugs auf der Anklagebank saßen, langte ein anonymer Brief ein: „Die Stimme des Gewissens läßt mir keine Ruhe und keinen Frieden, ich bin gezwungen im Prozeß Marek Ihnen Wichtiges mitzuteilen“, behauptete der Briefschreiber. „Frau Marek hat ihrem Mann selbst das Bein abgeschlagen, und ich lieferte ihr eine Rekord-Spritze mit Morphium, mit welchem sie ihrem Mann eine Einspritzung machte, am Fuße, wo vorher die Stelle mit Tintenblei bezeichnet wurde. Würde ich nicht bestraft werden, stellte ich mich selbst dem Gericht zur Verfügung. – Für meine Beihilfe erhielt ich 200 Schilling.“

Wieder wurde der „Goldfüllfederkönig“ als Briefschreiber verdächtigt, er stritt aber den Vorwurf ab. Martha Marek und ihr Mann wurden wegen vom Vorwurf des Versicherungsbetrugs freigesprochen. Der Mann hatte sich ein Bein abgehackt und dem Paar war es gelungen, vor den Richtern darzustellen, dass es sich um einen Unfall und nicht um Absicht gehandelt hatte. Das Ehepaar schloss mit der Versicherung einen Vergleich. Martha Marek füllte später wieder die Gerichtsspalten der Tageszeitungen. Fünf Jahre nach dem spektakulären Freispruch wegen Versicherungsbetrugs starb Martha Mareks kränkelnder Mann und kurz darauf ihre Tochter. Die trauernde Hinterbliebene erhielt Spenden von mitfühlenden Menschen und ihre Verwandte Susanne Löwenstein setzte Marek zur Erbin ein. Kurz darauf kam auch Löwenstein ums Leben. Als das Erbe aufgebraucht war, nahm Marek eine Untermieterin auf, die sich bald dazu bereit erklärte, eine Lebensversicherung über 5.000 Schilling zu Gunsten ihrer Vermieterin abzuschließen. Eine verhängnisvolle Entscheidung. Kurz darauf war die Untermieterin tot. Der Sohn der Toten schöpfte Verdacht und wandte sich 1936 an die Polizei. Martha Marek wurde festgenommen und am 19. Mai 1938 wegen vierfachen Mordes mit dem Rattengift „Zelio“ zum Tod verurteilt. Die Mörderin wurde zwei Wochen nach der Abweisung des Gnadengesuchs am 6. Dezember 1938 mit dem Fallbeil hingerichtet.

Im Dezember 1930 wurde in Bad Vöslau in Niederösterreich ein Fischhändler ermordet und beraubt. Drei Jahre später langte im Gendarmerieposten Bad Vöslau ein Brief ein, in dem sich Geld befand. Im Schreiben hieß es unter anderem: „Trieben menschlicher Gefühle Folge leistend, bitte ich, den mit gleicher Post an Ihre Adresse gesendeten Betrag von 123 S der Witwe des am 24. Dezember 1930 … ermordeten Franz Frömmel … zu übergeben.“ Der Betrag sei „Teil des dem seinerzeit Ermordeten abgenommenen Geldes“.

Auch in diesem Fall wurde Winkler als Briefschreiber ausgeforscht. Er wurde psychiatrisch untersucht und zu drei Wochen Arrest verurteilt. Im psychiatrischen Gutachten wurde er als „degenerativer Querulant mit abnormer Phantasieanlage“ bezeichnet. Ein weiteres Mal narrte Winkler Polizei und Rettungskräfte, indem er einen Abschiedsbrief eines angeblichen jungen Mädchens verschickte, das in der Wachau aus hoffnungsloser Liebe zu einem Schauspieler „in die Donau“ gegangen sei. Ernst Winkler hängte die Zeitungsberichte über ihn und seine Eskapaden in seinem Geschäft auf.

Plakat des "Goldfüllfederkönigs" als Reaktion auf die Aufforderung von Karl Kraus.

Plakat des „Goldfüllfederkönigs“ als Reaktion auf die Aufforderung von Karl Kraus.

Weitere Strafverfahren

Der „Goldfüllfederkönig“ beschäftigte weiterhin Polizei und Strafgerichte. Wegen des Vorwurfs, gestohlene Füllfederhalter gekauft zu haben, wurde er zu einer Geldstrafe verurteilt. Er musste sich auch wegen illegalen Waffenbesitzes verantworten, weil bei einer Hausdurchsuchung eine Pistole und Munition gefunden worden waren. Ein weiteres Verfahren betraf Irreführung der Behörden, er wurde auch wegen Beleidigung der Burghauptmannschaft in Wien angeklagt. Einen Installateur beschuldigte er in einer Postkarte des Betrugs und nannte ihn einen „polnischen Saujuden“. 1933 stellte er auf die Stufen des Postsparkassenamtes eine „Höllenmaschine“, gefüllt mit Silvesterjuxgegenständen und einem Wecker. Er wurde dafür zu zwei Wochen Arrest verurteilt. Kurze Zeit sorgte er mit einem ähnlichen „Scherz“ vor jenem Juweliergeschäft in Dresden für Aufsehen, das er 22 Jahre vorher als angeblicher adeliger Schmuckkäufer besucht hatte.

Auch die Zivilgerichte hielt Winkler mit Klagen auf Trab. Einer seiner Kontrahenten war sein Hausherr, der einarmige Pianist Paul Wittgenstein, ein Bruder des Philosophen Ludwig Wittgenstein. In dieser Causa soll Winkler einen Brief gefälscht haben. „Das Kleine Blatt“ Wien charakterisierte Winkler in der Ausgabe vom 11. Oktober 1928: „Der sogenannte Goldfüllfederkönig beschäftigt seit Jahren Polizei und Gericht zu Reklamezwecken. Er ersinnt ganz blödsinnige Streiche, derentwegen ihm nicht viel geschehen kann, und erreicht dadurch, daß sich alle Zeitungen Wiens mit ihm andauernd beschäftigen.“ Auch Winklers Rechtsanwalt, der bekannte Strafverteidiger Dr. Hugo Sperber, war ein Original der Zwischenkriegszeit. Friedrich Torberg widmete ihm in seiner „Tante Jolesch“ ein Kapitel, in dem der Schriftsteller auch einen angeblichen Werbespruch des Rechtsanwaltes zitierte: „Räuber, Mörder, Kindsverderber gehen nur zum Doktor Sperber.“

„Ausflug“ in die Politik

Nach den schweren Ausschreitungen am 15. Juli 1927 in Wien ließ der bekannte Journalist Karl Kraus Plakate mit folgender Aufschrift aufhängen: „An den Polizeipräsidenten von Wien Johann Schober. Ich fordere Sie auf, abzutreten.
Karl Kraus Herausgeber der Fackel.“ Ernst Winkler ließ daraufhin Plakate mit der Aufschrift affichieren: „An den Polizeipräsidenten von Wien Johann Schober
Ich fordere Sie auf,
nichtabzutreten.
Gegeben zu Wien, am 22. September 1927 Goldfüllfederkönig E. W.“

Der Exzentriker kündigte an, bei der Bundespräsidentenwahl 1931 antreten zu wollen und versprach allen gesellschaftlichen Gruppen enorme Vorteile. Den Beamten wollte er beispielsweise das Gehalt verdreifachen, den Bauern versprach er finanzielle Unterstützung und den Knechten die Konfiszierung des Grundbesitzes ihrer Arbeitgeber.

„Jaroslav von Zumpferl“

1934 inszenierte Winkler wieder einen „Selbstmord“. Er quartierte sich unter dem Namen „Jaroslav von Zumpferl“ in einem großen Hotel in Berlin ein, ließ sich von Juwelieren Brillanten vorlegen und verließ heimlich das Hotel. In einem zurückgelassenen Koffer befand sich eine halbleere Flasche mit Gift. Die Berliner Polizei stieß bei ihren Ermittlungen bald auf den geltungssüchtigen Geschäftsmann und verständigte die Wiener Polizei, die Winkler festnahm.

Devisenvergehen in der NS-Zeit

Ernst Winkler wurde im Jänner 1945 wegen Verstößen gegen das Devisen- und Zollgesetz zu sechs Jahren Zuchthaus und einer hohen Geldstrafe verurteilt. Die beschlagnahmten Gegenstände wurden als verfallen erklärt. In den Wirren zu Kriegsende kam Winkler am 6. April 1945 frei und forderte seine von den Nazis beschlagnahmten Wertsachen zurück. Er behauptete, ein Widerstandskämpfer gewesen und auch deshalb von den Nazis verfolgt worden zu sein. Nach einem Gnadengesuch wurde die Strafe 1947 auf eineinhalb Jahre bedingt geändert. Die beschlagnahmten Waren und Wertgegenstände erhielt er aber nicht zurück, sie wurden zur Deckung seiner Steuerschulden einbehalten. Noch jahrelang kämpfte Winkler um die Rückgabe der Gegenstände. Er verlor in allen Instanzen, vererbte aber die „Ansprüche“ weiter. Zu Kriegsende wurde der Exzentriker auch beschuldigt, ein Schuhgeschäft geplündert zu haben.

Als Kinderschänder verurteilt

Ernst Winkler wurde in den Nachkriegsjahren beschuldigt, Mädchen mit Geschenken in sein Geschäft gelockt und sich an den Kindern vergangen zu haben. Er wurde dafür 1947 zu 15 Monaten schweren Kerkers verurteilt. 1952 folgte eine weitere Verurteilung zu fünf Jahren schweren, verschärften Kerkers, verschärft durch ein hartes Lager vierteljährlich, weil er zehn Mädchen missbraucht hatte. In einem psychiatrischen Gutachten wurde er als „erblich belasteter, geltungsbedürftiger Psychopath“ beschrieben, dessen „Widerstandskraft gegen kriminelle Impulse … sichtlich herabgesetzt“ sei. Er sei aber „wenn auch in vermindertem Maße, als verantwortungsfähig zu bezeichnen.“ Die Haftstrafe verbüßte Winkler in der Justizanstalt Stein, seine Gnadengesuche wurden vom Bundespräsidenten abgelehnt.

Nach seiner Haftentlassung beging er eine weitere „Mystifikation“. Die bekannte deutsche Edelprostituierte Rosemarie Nitribitt wurde Ende Oktober 1957 in ihrer Wohnung in Frankfurt am Main ermordet aufgefunden. Im Februar 1958 langte bei einer deutschen Staatsanwaltschaft ein anonymer Brief ein, in dem sich der unbekannte Schreiber als Mörder Nitribitts und einer zweiten Prostituierten bezeichnete. Die Behörden in Wien überführten Ernst Winkler als Verfasser der Falschmeldung.

Tod in Lainz

Zuletzt lebte der ehemalige „Goldfüllfederkönig“ von einer Sozialrente in einer Wohnung im „großen Michaelerhaus“ am Kohlmarkt 11. In diesem Haus wohnte auch der Schriftsteller Hans Weigel, den Winkler immer wieder um Geld anbettelte. Trotzdem klagte der Exzentriker weiterhin gegen die Republik Österreich. Er kündigte auch eine „Weltsensation“ an, um danach mit „Heiratsanträgen aus aller Welt überschüttet“ zu werden. Der „Goldfüllfederkönig“ Ernst Winkler, der jahrzehntelang Polizei, Gerichte und Gesellschaft genarrt hatte, starb 88-jährig am 21. Juni 1974 im Versorgungsheim Lainz an Magenkrebs.

Werner Sabitzer

Quellen/Literatur:

Der Goldfüllfederkönig und die kleinen Mädchen. In: Arbeiter-Zeitung vom 24. Oktober 1947, S. 3.

Fünf Jahre für den Goldfüllerkönig. In: Arbeiter-Zeitung vom 14. Februar 1952, S. 4.

„Goldfüllfederkönig“ Ernst Winkler schmollt, weil er nicht Bundespräsident geworden ist. In: Neue Freie Presse vom 13. Oktober 1931, S. 10.

Grieser, Dietmar: Mit allen Mitteln. „Goldfüllfederkönig“ Ernst Winkler. In: Grieser, Dietmar: Verborgener Ruhm. Wien, 2004. S. 252-260.

Kraus, Friederike: Wiener Originale der Zwischenkriegszeit. Diplomarbeit. Universität Wien, 2008.

Kudrnofsky, Wolfgang: Bombenlegen, Hochstapeln und andere Spinnereien. In: Kudrnofsky, Wolfgang: Marek, Matuschka & Co. Kriminalfälle der Ersten Republik. Wien, 1989, S. 109-157.

Anmerkung: Der Beitrag ist in der Ausgabe 5-6/15 der Fachzeitschrift „Öffentliche Sicherheit“ erschienen.

Mai 31, 2015 Posted by | Uncategorized | Hinterlasse einen Kommentar

Schloss Stadlhof im neuen Glanz

Das spätbarocke kleine Schloss Stadlhof bei St. Donat ist ein Juwel des Zollfeldes. Es wurde in den 1770er-Jahren errichtet.

Schloss Stadlhof wurde in den 1770er-Jahren errichtet.

Schloss Stadlhof wurde in den 1770er-Jahren errichtet.

An der alten Straße von St. Veit an der Glan nach Klagenfurt befindet sich nach St. Donat auf der linken Seite am Hang das kleine, in den letzten Jahren renovierte Schloss Stadlhof (auch: Stadelhof). Ursprünglich stand hier ein Gutshof des Klosters St. Georgen am Längsee. Der Name geht möglicherweise auf Hans Stadler zu Pach zurück, der hier, an der Landgerichtsgrenze zwischen Osterwitz und Maria Saal, ein Herrenhaus errichten ließ. Das Gut hieß damals Stadlerhof zu Pach.

Im 16. Jahrhundert war die Familie Jabornigg mit dem Stadlhof belehnt. 1599 ging das Gut an den Tanzenberger Schlossherr Siegmund von Keutschach. Er war einer der letzten einflussreichen Mitglieder der Adelsfamilie Keutschach, deren bedeutendster Vertreter Salzburgs Erzbischof Leonhard (um 1442 – 1519) war. Dieser ließ die Burg Taggenbrunn bei St. Veit an der Glan ausbauen und stattete die Anlage prachtvoll aus. Er erwarb 1502 von Kaiser Maximilian I. Stadt, Gericht und Herrschaft Gmünd und ließ auch das Stift Eberndorf befestigen. Die Machtfülle als Erzbischof ermöglichte es ihm, Güter zu erwerben, die er zum Teil seinen Neffen und anderen Verwandten zuschanzte, darunter die Herrschaften Tanzenberg, Feldsberg, Tiffen und Himmelberg. Die Familie Keutschach hatte auch das von Erzherzog Karl 1565 verliehene Amt des Erblandhofmeisters von Kärnten inne.

Nach dem Tod Siegmunds von Keutschach ging der Stadlhof an die Himmelberger. Als Georg Christof von Himmelberg 1616 starb, verkauften die Vertreter der Erben das Gut an Johann Weber von und zu Ehrental. Er war kaiserlicher Rat und Landschaftssekretär, hatte 1630 die Burg Glanegg und das Schloss Moosburg von Hektor von Ernau erworben, der als Protestant das Land verlassen musste. 1645 kam Weber von und zu Ehrental auch in den Besitz des nach ihm benannten Schlosses Ehrental bei Klagenfurt. Von Webers Tochter und Erbin Anna ging der Stadlhof an ihren Mann Erasmus Seyfried Khrüner von Khrünegg. Sohn Johann Melchior Khrüner von Khrünegg, der mit Maria Konstantia von Ruesdorf verheiratet war, erbte das Gut. Seine Erben verkauften den Besitz an die Familie von Hagenegg. 1716 erwarb Johann Andreas von Jauritsch zu Hertzfeldt (um 1648 – 1726) den Stadlhof. Er war mit der Familie Hagenegg verschwägert, wurde 1691 in den Ritterstand erhoben und war ab 1703 landschaftlicher Kassier in Klagenfurt. Danach kam der Gutshof an den Klagenfurter Juristen Alexander von Paßberg.

Der Umbau des Gutshofes zum heutigen Schloss erfolgte zwischen 1772 und 1780. Der Entwurf für den Bauplan stammt höchstwahrscheinlich von Johann Georg Hagenauer, der unter anderem Schloss Pöckstein und das Priesterseminar in Straßburg errichtete. Ein weiterer Schlossbesitzer war Erasmus Seyfried Kreiner vom Spiritushof. 1797 erwarb Vinzenzia Freiin von Schluga das Schloss, im Jahr darauf wurde Johann Mathias Freiherr von Koller neuer Besitzer. Koller hatte sich 1749 als Eisenhändler in St. Veit an der Glan niedergelassen, war 1769 geadelt und 1792 in den Freiherrenstand erhoben worden. 1784 war er Stadtrichter (Bürgermeister) in St. Veit an der Glan. Er ließ um 1780 am Hauptplatz in St. Veit ein Stadtpalais errichten. In diesem Gebäude ist heute die Bezirkshauptmannschaft untergebracht. Sein Sohn Franz Freiherr von Koller erbte den Stadlhof. 1846 ging der Besitz an Gustav Graf Egger, dessen Mutter Katharina aus der Familie Koller stammte.

Ab 1886 befand sich das Schlossgut im Besitz von Dionys Julius Craigher von Jachelutta, dem einzigen Sohn des Schriftstellers, Übersetzers und Diplomaten Jacob Nicolaus Craigher de Jachelutta. 1896 ging das Anwesen an Viktor Friedrich Ernst von Schönburg-Waldenburg, 1923 an Oskar Schneditz, 1953 an die Familie Dreihann-Holenia und 1975 an Elisabeth Fräss-Ehrfeld. Von 1991 bis 2001 gehörte das Schloss dem Grazer Industriellen Martin Auer, die Mitte der 1990er-Jahre mit der Renovierung begann. Im Jahr 2001 übernahm das Land Kärnten den Besitz. 2009 erwarb der Unternehmer Hermann Fleischhacker Schloss Stadlhof und setzte die Renovierungsarbeiten fort. Heute ist Schloss Stadlhof wieder ein Schmuckstück unter den historischen Bauwerken rund um St. Veit an der Glan.

Werner Sabitzer

Quellen/Literatur:

Dehio – Handbuch: Die Kunstdenkmäler Österreichs – Kärnten. 3. Auflage, Wien 2001.

Fräss-Ehrfeld, Claudia: Geschichte Kärntens, Band 2. Die ständische Epoche, Klagenfurt, 1994.

Kohla, Franz Xaver; Metnitz, Gustav Adolf v.; Moro, Gotbert: Kärntner Burgenkunde. Ergebnisse und Hinweise in Übersicht. Erster Teil: Kärntens Burgen, Schlösser, Ansitze und wehrhafte Stätten. Ein Beitrag zur Siedlungstopographie. Zweite Auflage. Geschichtsverein für Kärnten, Klagenfurt 1973.

Kohla, Franz Xaver; Metnitz, Gustav Adolf v.; Moro, Gotbert: Kärntner Burgenkunde. Ergebnisse und Hinweise in Übersicht. Zweiter Teil: Quellen- und Literaturhinweise zur geschichtlichen und rechtlichen Stellung der Burgen, Schlösser und Ansitze in Kärnten sowie ihrer Besitzer. Geschichtsverein für Kärnten, Klagenfurt 1973.

Sabitzer, Werner: Adelige in Kärnten (unveröff.).

Wiessner, Hermann: Burgen und Schlösser um Wolfsberg, Friesach, St. Veit. Birkenverlag (Kärnten – I ), Wien, 1964.

Nebengebäudes des Schlosses Stadlhof.

Nebengebäude des Schlosses Stadlhof.

Mai 31, 2015 Posted by | Uncategorized | Hinterlasse einen Kommentar

Vor 200 Jahren: Die Abschaffung der Sklaverei

Beim Wiener Kongress 1814/15 wurde nicht nur Europa politisch neu geordnet, sondern auch die Abschaffung des atlantischen Sklavenhandels beschlossen.

 Friedrich Romberg, geboren um 1726 in Westfalen, war ein erfolgreicher Transportunternehmer. Ein Hauptzweig war das Transportgeschäft zwischen den österreichischen Niederlanden und Wien. Seine guten Beziehungen zu den in Brüssel residierenden Ministern der österreichischen Verwaltung und zum Kaiserhof in Wien brachten ihm große Vorteile im Handel. Er errichtete Unternehmen in Ostende, Brügge, Bordeaux und Gent und wurde auch Reeder. Als ihn Kaiser Joseph II. 1781 besuchte, hatte Romberg bereits eine Flotte mit 94 Schiffen. Seine Firma Romberg & Cie in Gent transportierte Sklaven von Afrika nach Santo Domingo und Kuba. Ein Teil seiner Schiffe segelte unter der kaiserlichen Flagge. Auch die Firma Romberg, Bapts & Cie in Bordeaux spezialisierte sich auf den Sklavenhandel. Pro Schiff wurden an der Küste von Mosambik etwa 300 Afrikaner übernommen, in die Karibik verschifft und dort verkauft. Romberg, Bapts & Cie erwarb oder verwaltete in Santo Domingo Baumwoll- und andere Plantagen und brachte die Produkte auf dem Rückweg nach Europa.

Der Habsburger Joseph II., Kaiser des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation „befreite“ zwar mit dem Untertanenpatent vom 1781 die Bauern in Österreich, er billigte aber den Sklavenhandel. Er adelte 1783 Friedrich Romberg für seine erfolgreiche Wirtschaftstätigkeit und erhob ihn 1784 in den Freiherrenstand. Joseph II. nobilitierte auch einen anderen Teilhaber der Firma Romberg, Bapts & Cie, Johann Jakob Bethmann, der 1776 in den Reichsritterstand erhoben wurde. Der Ausbruch der Revolution in Frankreich und in Haiti sowie Lieferprobleme der Plantagenbesitzer und eine Wirtschaftskrise bedeutete für die Firma Romberg, Bapts & Cie 1793 den Ruin.

22 Jahre nach dem Zusammenbruch der Firma Romberg, Bapts & Cie wurde in Wien die Abschaffung des atlantischen Sklavenhandels beschlossen. Im September 1814 kamen Staatsmänner aus allen Staaten Europas mit Ausnahme des Osmanischen Reichs zum „Wiener Kongress“, um Europa nach dem Sturz Napoleons I. neu zu ordnen. Die Verhandlungen unter der Leitung des österreichischen Staatskanzlers Klemens Fürst Metternich dauerten bis zur Unterzeichnung der „Wiener Schlussakte“ fast acht Monate.

Beim Wiener Kongress wurde auch ein wichtiger Beschluss gefasst, der sich nicht mit der Neuordnung Europas befasste: Es ging um die Abschaffung des Sklavenhandels über den Atlantik. Im britischen Königreich hatte sich schon Ende des 18. Jahrhunderts die Abolitionsbewegung für ein Verbot des Sklavenhandels eingesetzt und 1807 wurde der Sklavenhandel in Großbritannien gesetzlich untersagt. Der französische Staatsmann und Diplomat Charles-Maurice de Talleyrand-Périgord unterstützte die Briten und schlug in der Sitzung des „Komitees der Acht“ (Österreich, Preußen, Russland, Großbritannien, das wiederhergestellte Frankreich, Spanien, Portugal und Schweden) am 10. Dezember 1814 in Wien vor, eine Kommission einzurichten, die sich mit einer Einschränkung bis hin zu einer Aufhebung des „Handels mit Negern“ befassen sollte. Die Delegierten der Königreiche Spaniens und Portugals betrachteten den Vorschlag als Einmischung in ihre Kolonialpolitik. In der Achter-Konferenz vom 16. Jänner 1815 regte der britische Außenminister Robert Stewart Viscount Castlereagh an, die Verhandlungen über ein Verbot des Sklavenhandels beim Kongress in gleichrangigen „Sondersitzungen“ der acht Mächte zu führen. Metternich ließ über diese „Frage der öffentlichen Moral und Menschlichkeit“ offen abstimmen, die iberischen Vertreter wurden überstimmt und das Thema wurde im Kongress weiter behandelt.

Die erste Sonderkonferenz zur Abschaffung des Sklavenhandels wurde am 20. Jänner 1815 im Quartier des britischen Außenministers abgehalten – mit hochrangigen Vertretern der acht Nationen. Ab der zweiten Sitzung nahm auch Fürst Metternich an den Verhandlungen teil. Friedrich von Gentz, Berater von Fürst Metternich und Protokollführer beim Kongress, entwarf innerhalb kurzer Zeit einen Entwurf einer Absichtserklärung. Nach vier Sitzungen einigten sich die Mächtevertreter am 8. Februar 1815 auf eine Deklaration. Demnach wurde der Handel mit schwarzafrikanischen Sklaven – als den Prinzipien der Humanität und der allgemeinen Moral Hohn sprechend – stigmatisiert und seine „völlige Abschaffung“ verlangt. Ein zeitliches Limit wurde aber nicht vorgegeben. Die Zustimmung des portugiesischen Delegierten wurde ihm „abgekauft“. Der Text erlangte als Beilage 15 der Wiener Schlussakte Rechtsverbindlichkeit.

Ab 1816 beschäftigte sich eine Botschafterkonferenz in London mit dem weiteren Vorgehen. 1817 wurde Spanien davon überzeugt, den Sklavenhandel bis 1820 einzustellen. Erst nach 1850 ging der Transport von versklavten Schwarzafrikanern über den Nordatlantik zurück.

Schlussakte des Wiener Kongresses („Österreichisches Exemplar“), 1815. Das Dokument ist bis 21. Juni 2015 in der Ausstellung „Europa in Wien. Der Wiener Kongress 1814/15“ im Unteren Belvedere in Wien zu sehen.

Schlussakte des Wiener Kongresses („Österreichisches Exemplar“), 1815. Das Dokument ist bis 21. Juni 2015 in der Ausstellung „Europa in Wien. Der Wiener Kongress 1814/15“ im Unteren Belvedere in Wien zu sehen.

Sklavereiverbot in Österreich

Schon drei Jahre vor der Erklärung beim Wiener Kongress, wurden mit dem Inkrafttreten des Allgemeinen Bürgerlichen Gesetzbuchs (ABGB) am 1. Jänner 1812 in Österreich-Ungarn Sklaverei und Leibeigenschaft verboten. „Jeder Mensch hat angeborne, schon durch die Vernunft einleuchtende Rechte, und ist daher als eine Person zu betrachten. Sclaverey oder Leibeigenschaft, und die Ausübung einer darauf sich beziehenden Macht, wird in diesen Ländern nicht gestattet“, heißt es im § 16 ABGB.

  • 16 AGBG enthielt das weltweit erste Verbot der Sklaverei. In Frankreich war zwar schon während der Revolution die Abschaffung der Sklaverei proklamiert worden, aber 1804 wurde der Sklavenhandel in den französischen Kolonien wieder erlaubt. Und in Großbritannien war 1807 zwar die Sklaverei verboten worden, nicht aber der Sklavenhandel, der bis 1832 erlaubt war.

Mit dem Hofkanzleidekret vom 19. August 1826 wurde klargestellt, dass das Sklaverei-Verbot nach § 16 ABGB auch den Transport von Sklaven auf österreichischen Schiffen einschließt. Jeder Sklave, der österreichisches Gebiet oder ein österreichisches Schiff betritt, erlangt sofort die persönliche Freiheit und wer einen ehemaligen Sklaven in seiner Freiheit hindert, begeht das Verbrechen der öffentlichen Gewalttätigkeit. Mit dieser Klarstellung wollte man vor allem die Beteiligung österreichischer Reeder am lukrativen Transport von Sklaven in das Osmanische Reich über dalmatinische Hafenstädte verhindern. Dalmatien, das an das Osmanische Reich grenzte, war nach dem Wiener Kongress der österreichisch-ungarischen Monarchie zugefallen.

Lukrativer Wirtschaftszweig

Sklavenhandel war bis ins 19. Jahrhundert einer der lukrativsten Wirtschaftszweige. Etwa zehn Millionen Menschen aus Afrika wurden als Sklaven nach Europa und in die Neue Welt verschifft. Ende des 15. Jahrhunderts kamen etwa 1.000 Sklaven aus Afrika nach Europa. Mitte des 18. Jahrhunderts verschifften die Händler etwa 80.000 Sklaven pro Jahr; mehr als die Hälfte davon aus Westafrika. Sklavenhändler-Nationen waren vor allem die Niederlande und Frankreich. 1621 gründeten die Holländer die Westindien-Kompa­nie, die zwei Jahre später bereits 15.000 Sklaven in das eroberte Brasilien brachte. 1646 landeten die ersten schwarzen Sklaven in der holländischen Kolonie Neu Amsterdam, dem heutigen New York. Engländer mischten ab Mitte des 17. Jahrhunderts im Sklavenhandel mit. 1786 verschifften die Engländer 53.000 afrikanische Sklaven in die Neue Welt, die Franzosen 23.000, die Holländer 11.000, die Portugiesen 8.700 und die Dänen 1.250. Auch preußische Unternehmen waren an Sklaventransporten beteiligt.

Darstellung der Hinrichtung des Sklavenhändlers Nathaniel Gordon 1862 in New York.

Hinrichtung des Sklavenhändlers Nathaniel Gordon 1862 in New York (zeitgenössische Darstellung im Zollmuseum in Manhattan).

Als erste Sklavenhandelsnation verbot Dänemark 1792 die Sklaverei über den Atlantik ab dem 1. Jänner 1803. Großbritannien untersagte wie erwähnt 1807 den Sklavenhandel – die Sklaverei selbst verbot das britische Königreich erst 1832. 1823 wurde in Großbritannien eine Anti-Slavery-Society gegründet. Zwischen Frankreich, Portugal und Spanien gab es „gegenseitige Untersuchungsabkommen“. Aufgrund dieser Abkommen konnten verdächtige Schiffe der jeweils anderen Länder kontrolliert werden. Die Niederlande setzten dem Sklavenhandel 1863 ein Ende und in den USA wurde die Sklaverei im Dezember 1865 abgeschafft. Brasilien verabschiedete 1871 ein Gesetz zur teilweisen Abschaffung der Sklaverei und 1880 wurden die letzten 700.000 Sklaven in die Freiheit entlassen. In Kuba endete die Sklaverei 1880.

Werner Sabitzer

 Quellen:

Curtin, Philip D.: The Atlantic Slave Trade. A Census. University of Wisconsin Press, Madison, 1975.

Stauber, Reinhard: Der Wiener Kongress. Böhlau UTB, Wien, Köln, Weimar, 2014.

Zeuske, Michael: Sklaven und Sklaverei in den Welten des Atlantiks. 1400–1940. Umrisse, Anfänge, Akteure, Vergleichsfelder und Bibliographien. LIT, Berlin, 2006.

Mai 31, 2015 Posted by | Uncategorized | Hinterlasse einen Kommentar

Khevenhüller auf der Straßburg

Marmorgrabplatte von Christoph Khevenhüller.

Marmorgrabplatte von Christoph Khevenhüller.

Khevenhüllertor auf der Burg Hochosterwitz: 1582 errichtet; mit dem Khevenhüllerwappen und einem Relief des Erbauers der Burg, Georg II. von Khevenhüller.

Khevenhüllertor auf der Burg Hochosterwitz: 1582 errichtet; mit dem Khevenhüllerwappen und einem Relief des Erbauers der Burg, Georg II. von Khevenhüller.

Augustin Khevenhüller war Verwalter auf Schloss Straßburg im Gurktal. Mit seinem in Straßburg geborenen Sohn Christoph begann vor 500 Jahren der Aufstieg der Familie Khevenhüller zu einer der führenden Adelsfamilien in Kärnten.

Die eindrucksvolle Burg Hochosterwitz mit 14 Torbauten in der Gemeinde St. Georgen am Längsee ist das Wahrzeichen Kärntens. Bis zur Mitte des 12. Jahrhunderts befand sich die Burg im Besitz des Erzbistums Salzburg; danach fiel sie an den Kärntner Landesfürsten. Lehensnehmer der Burgherrschaft über mehrere Jahrhunderte waren die Schenken von Osterwitz. Georg Schenk von Osterwitz führte 1475 in der Schlacht gegen die Türken bei Rann eine Truppe von Rittern aus Kärnten, der Steiermark und Krain an, wurde gefangen genommen und nach Konstantinopel gebracht, wo er starb – bevor das Lösegeld aufgebracht werden konnte. Sein gleichnamiger Sohn starb am 30. Mai 1478, mit ihm erlosch das Geschlecht der Schenken von Osterwitz. Im November 1541 wurde die Burg vom Landesfürsten an Christoph Khevenhüller zu Aichelberg verpfändet – als Dank für die Unterstützung Khevenhüllers im Kampf gegen die Türken. Seitdem befindet sich die Burg im Besitz der später in den Fürstenstand erhobenen Familie Khevenhüller.

Mit dem im Gurktal geborenen Christoph Khevenhüller zu Aichelberg begann vor 500 Jahren der Aufstieg des Geschlechtes der Khevenhüller zu einer der mächtigsten Adelsfamilien in Kärnten. Schon seine Vorfahren hatten als Handelsherren und Bürger in Villach nach und nach den Besitz in Kärnten vermehrt, Verdienste für das Land Kärnten erworben und in Adelsfamilien eingeheiratet. Der Villacher Bürger Hans Khevenhüller erhielt 1427 vom Landesfürsten die Burg Aichelberg bei Wernberg als Pfand und 1431 als erbliches Lehen. Er führte daraufhin den Namenszusatz „zu Aichelberg“.

Christophs Großvater Hans Khevenhüller zu Aichelberg diente Kaiser Friedrich III. und stand ihm bei, als er in der Burg Wiener Neustadt von aufständischen Bürgern belagert wurde. Hans erlitt bei diesen Auseinandersetzungen schwere Verletzungen. 1452 wurde er von Friedrich III. zum Ritter geschlagen. Hans Khevenhüller zu Aichelberg starb 1480. Mit seiner Frau Christine von Zillnhart hatte er drei Kinder: Ludwig, Augustin und Florentia, die Nonne wurde. Ludwig starb unverheiratet.

Der zweite Sohn Augustin Khevenhüller zu Aichelberg, geboren um 1460 auf Burg Landskron, war Reichshofrat und Kämmerer des Kaisers Maximilian I. Er heiratete Siguna von Weißpriach, die ihr reiches Erbe in die Ehe einbrachte. Das Familienwappen der Weißpriach wurde mit jenem der Khevenhüller vereinigt. Unter Kardinal Raimund Peraudi, dem ersten Ausländer unter den Gurker Bischöfen, war Augustin Khevenhüller Anwalt des Bischofs und hatte einen Wohnsitz auf Schloss Straßburg. Er vertrat den Kardinal bei Streitigkeiten mit dem mächtigen Gurker Dompropst Wilhelm Welzer von Eberstein. Als Kardinal Peraudi 1501 Matthäus Lang von Wellenburg zu seinem Koadjutor ernannte und ihm auch das Recht der Nachfolge einräumte, bestimmte Lang unter anderem Augustin Khevenhüller als seinen bevollmächtigten Prokurator und Anwalt für die Übernahme des neuen Amtes. Matthäus Lang wurde 1505 Bischof von Gurk und 1519 zum Erzbischof von Salzburg ernannt. Er war auch Diplomat am Kaiserhof. Augustin Khevenhüller führte einige Jahre lang mit anderen Räten die weltlichen Regierungsgeschäfte des Bischofs und war auch Verwalter der Gurker Herrschaft Waisenberg im Trixental. Ab 1510 gehörte er als Vertreter Kärntens dem Wiener Regiment an. Augustin besaß neben der Stammburg Aichelberg bei Wernberg und dem Stadthaus in Villach weitere Realitäten. Seine Frau Siguna von Weißpriach brachte die Herrschaft Hardegg bei Zweikirchen in die Ehe ein. Diesen Besitz veräußerte Augustin 1509 an die reiche Villacher Handelsfamilie Leininger (zu Hardegg).

Um den Venezianerkrieg zu finanzieren, berief Kaiser Maximilian im Februar 1519 Delegationen aus den Erbländern nach Salzburg. Der Kärntner Vertretung gehörte Augustin Khevenhüller an.

Augustin Khevenhüller zu Aichelberg hatte mehrere Söhne, darunter Christoph und Siegmund. Christoph wurde der Stammvater der Frankenburger Linie und Siegmund der Stammvater der Hochosterwitzer Linie.

Relief des Christoph Khevenhüller und seiner beider Ehefrauen in der Hauptstadtpfarrkirche Villach (Renaissance-Epitaph).

Relief des Christoph Khevenhüller und seiner beider Ehefrauen in der Hauptstadtpfarrkirche Villach (Renaissance-Epitaph).

Christoph Khevenhüller zu Aichelberg

Augustins Sohn Christoph wurde am 24. Dezember 1503 auf Schloss Straßburg geboren und verbrachte hier seine Kindheitsjahre. Er studierte in Wien und Padua und machte seine Kavalierstour durch Italien, Frankreich, die Niederlande und Deutschland. 1533 heiratete er auf Schloss Straßburg die erst 14-jährige Elisabeth Mannsdorfer, die aus einer sehr vermögenden Oberkärntner Familie stammte. Ihr Vater Hans Mannsdorfer war Vizedom der Grafschaft Ortenburg, danach „Urbarer“ des Landesfürsten in Oberkärnten und schließlich Finanzverwalter des Landes Kärnten. Nach seinem Tod 1535 trat Elisabeth das reiche Erbe an. 1537 ließen Christoph und Elisabeth auf dem ererbten Grundstück in Spittal an der Drau gegenüber dem gerade entstehenden Schloss Porcia einen Wohnsitz erbauen. Das stattliche Anwesen bestand neben der Residenz aus Nebengebäuden, einem Ziergarten und einem „Baumgarten“. Der verbliebene Teil des Haupthauses dient seit 1936 als Rathaus der Stadtgemeinde Spittal an der Drau. In Villach kaufte Christoph zwei weitere Häuser. Eines befand sich am Hauptplatz beim oberen Tor und ging nach der Erbteilung an Christophs Bruder Siegmund. Dessen Sohn Georg, der auch die Burg Hochosterwitz ausbaute, ließ das Haus um 1570 zu einem prächtigen Stadtpalais umgestalten. Es war ab der Mitte des 17. Jahrhunderts Sitz der Familie Canal, ab 1889 Rathaus und wurde im Zweiten Weltkrieg durch Bomben zerstört.

Christoph Khevenhüller war auch erfolgreicher Unternehmer: Mit anderen Unternehmern betrieb er ab 1538 mit Bewilligung des Salzburger Erzbischofs Matthias Lang von Wellenburg ab 1538 ein Eisenbergwerk in der Krems bei Gmünd. Das Konsortium errichtete in Kremsbrücke den ersten Floßofen in Österreich. Ab 1541 war Christoph Inhaber einer Seifensiederei in Spittal an der Drau, der einzigen in Oberkärnten. Er verpachtete den Betrieb.

Christoph Khevenhüller war ein enger Gefolgsmann des gleichaltrigen Erzherzogs Ferdinand, eines Bruders des Kaisers Karl V. Erzherzog Ferdinand war ab 1521 Erzherzog von Österreich und erhielt durch die Reichsteilung die habsburgischen Erblande, darunter Innerösterreich mit Kärnten. 1526 wurde Ferdinand König von Böhmen und 1527 König von Kroatien und Ungarn. Im Jänner 1531 wurde er in Köln zum römisch-deutschen König gewählt und 1558 folgte er seinem Bruder Karl V. nach dessen Amtsverzicht als Kaiser des Heiligen Römischen Reiches nach.

Erzherzog Ferdinand bestellte Christoph Khevenhüller 1525 zum Verwalter (Vizedom) der bedeutenden Grafschaft Ortenburg. Christoph Khevenhüller war an der Niederschlagung des Bauernaufstands 1525 beteiligt und er erwarb sich Verdienste bei Kämpfen gegen die Osmanen in Ungarn.

Sein Reichtum ermöglichte es ihm, seinem Landesfürsten Ferdinand Kredite zu gewähren, sodass er in dessen Gunst stieg. 1537 wurde er Rat in der Hofkammer und 1546 Hofkammerpräsident. Er war Abgesandter auf den Reichstagen und bei Kaiser Karl V. Er war auch Generalkriegskommissär und 1540 wurde er Landeshauptmann von Kärnten. Da er weiterhin in der Hofkammer diente und auch mit diplomatischen Missionen beauftragt wurde, führte sein späterer Schwiegervater Moritz Welzer auf Frauenstein als Landesverweser die Geschäfte in Kärnten.

Mit Pfandbrief vom 22. November 1541 erhielt Christoph, wie erwähnt, vom Landesfürsten die Burgherrschaft Hochosterwitz und das Amt Kraig als Pfand. König Ferdinand behielt sich das Rückkaufrecht vor, verzichtete aber später mit Zusatzvertrag darauf. Hochosterwitz und Kraig waren 1509 von Ferdinands Vater, Kaiser Maximilian I., an Bischof Matthäus Lang von Wellenburg verpfändet worden.

Am 8. Juli 1542 erhielt Christoph Khevenhüller vom St.-Georgs-Ritterorden die durch einen Brand schwer beschädigte Burg Landskron. Er nannte sich daraufhin „Khevenhüller Freiherr zu Aichelberg und Landskron“ und begann, die Burg Landskron instandzusetzen. Durch Zukäufe wurde Landskron eine große Grundherrschaft. Christoph Khevenhüller vergrößerte seinen Besitz mit den Ämtern Reichenau und Lieserhofen, dem Hof Fresach und weiteren Grundstücken in Oberkärnten. 1551 erwarb er das Amt und Gericht Himmelberg sowie das Amt Sommeregg. Später kamen die Ämter Sternberg und Hohenwart hinzu. Ein Privileg Ferdinands I. aus dem Jahr 1555 berechtigte Christoph, sich „von Aichelberg auf Landskron und Sommeregg“ zu nennen.

In Villach kaufte er 1548 ein stattliches Gebäude am Hauptplatz und 1553 ein angrenzendes Haus. Hier quartierte sich im Mai und Juni 1552 Kaiser Karl V. ein, der sich beim Fürstenaufstand vor seinem Widersacher Moritz von Sachsen auf der Flucht aus Innsbruck befand. Khevenhüller war in Innsbruck gewesen und hatte Karl V. die Zuflucht offeriert. Heute dient das Haus als „Hotel Post“. Der Fürstenaustand wurde mit dem Kompromissfrieden von Passau 1552 beendet.

Christophs Frau Elisabeth starb 1541 in Wiener Neustadt an den Folgen einer schweren Geburt. Vier Jahre später heiratete Christoph Khevenhüller Anna Maria Welzer auf Frauenstein.

Nach dem Tod des Gurker Bischofs Johannes VI. von Schönburg am 9. Jänner 1555 betraute König Ferdinand I. nicht wie üblich den Gurker Dompropst mit der Fortführung der Geschäfte bis zur Einsetzung des neuen Bischofs, sondern Christoph Khevenhüller und den Vizedom in Kärnten, Georg Paradeiser. Nach einem Protest des Dompropstes wurden die Geschäfte aber diesem übertragen. Christoph Khevenhüller war zu dieser Zeit schon an Gicht erkrankt und hatte deshalb 1555 um seine Entlassung aus seinen öffentlichen Ämtern gebeten. Er starb am 3. April 1557 auf Schloss Landskron und wurde in der Stadtpfarrkirche Villach beigesetzt. In der Khevenhüllerkapelle der Stadtpfarrkirche befindet sich ein Renaissance-Epitaph mit einem Relief, das ihn und seine beiden Ehefrauen darstellt.

Christoph hatte acht Kinder: Aus der ersten Ehe stammten die Söhne Hans und Barthlmä sowie die Töchter Emerentiana, Ursula und Anna. Emerentiana starb als Kind, Ursula heiratete Mauritz Freiherrn von Dietrichstein und Anna wurde die Ehefrau von Achatz Freiherr von Paradeiser. Mit seiner zweiten Frau Anna hatte Christoph den Sohn Moritz und die beiden Töchter Genoveva und Maria. Genoveva heiratete Johann Adam Freiherr von Jörger; Maria ehelichte Bartholomä von Egkh und nach dessen Tod Friedrich Freiherr von Paradeiser.

 

Totenschild Christoph Khevenhüllers (Stadtmuseum Villach).

Totenschild Christoph Khevenhüllers (Stadtmuseum Villach).

Hans Graf Khevenhüller von Frankenburg

Nach dem Tod von Christoph Khevenhüller spaltete sich die Adelsfamilie in zwei Linien: Sein ältester Sohn Hans begründete die Frankenburger Linie. Er wurde am 16. April 1538 in Spittal an der Drau geboren und studierte ab 1549 mit seinem Bruder Barthlmä acht Jahre lang in Padua. 1558 trat er in den Dienst des Erzherzogs und späteren Kaisers des Heiligen Römischen Reiches, Maximilian II., dessen Truchsess er im Jahr darauf wurde. 1563 erhielt Hans Khevenhüller die Kämmerer-Würde. Er unternahm mehrere diplomatische Missionen und wurde 1570 Hofmeister und oberster Kämmerer bei den Erzherzögen Matthias und Maximilian, den Söhnen Maximilians II. 1571 reiste er zum vierten Mal als Sondergesandter nach Spanien; 1572 wurde er kaiserlicher Gesandter und ständiger Botschafter am spanischen Hof. 1581 erhielt er anstelle eines Gehalts die Herrschaft Frankenburg mit Kammer und Kogl am Attersee als erbliches Lehen. Die Herrschaft Frankenburg wurde am 19. Juli 1593 zur Grafschaft erhoben. Hans Khevenhüller zu Aichelberg wurde damit zum Reichsgrafen Khevenhüller zu Frankenburg. 1587 wurde er Ritter des Ordens vom Goldenen Vließ.

Der kunstsinnige Diplomat starb am 4. Mai 1606 in Madrid, wo er bis zu seinem Tod Botschafter war. Er blieb unverheiratet und war kinderlos. Die Grafschaft Frankenburg und der Grafentitel gingen nach seinem Tod an seinen um ein Jahr jüngeren Bruder Barthlmä über. Die Grafschaft Frankenburg blieb bis ins frühe 19. Jahrhundert im Besitz der Familie Khevenhüller.

Moritz Khevenhüller zu Aichelberg

Christophs jüngster Sohn Moritz Christoph, geboren am 24. November 1549 in Villach, spielte eine weniger bedeutende Rolle. Er erhielt 1570 bei der Erbteilung die Herrschaft Sommeregg. Er heiratete 1576 in Graz Sybilla von Montfort. 1587 übernahm er die Herrschaft Paternion pfandweise und 1592 erwarb er sie endgültig. Das benachbarte Amt Töplitsch brachte er in die Herrschaft Paternion ein. Als Moritz Christoph Khevenhüller am 7. August 1596 in St. Johann im Pongau starb, hinterließ er seinem Sohn Augustin Schulden. Dieser verkaufte die Herrschaft Paternion 1599 seinem Onkel Barthlmä.

Barthlmä Reichsgraf Khevenhüller

Barthlmä Khevenhüller, geboren am 22. August 1539 Villach studierte mit seinem Bruder Hans in Padua und unternahm eine längere Kavalierstour nach Deutschland, in die Schweiz, nach Frankreich, Spanien, Italien und schließlich in das Heilige Land. Im März 1562 kehrte er nach Kärnten zurück. Wie sein Bruder Hans diente er später am Hof und nahm an den Krönungsfeiern Maximilians II. in Prag und Frankfurt teil. Ab 1563 versah er Dienst bei Erzherzog Karl und 1564 kämpfte er als Rittmeister unter Wilhelm von Grasswein gegen türkische und siebenbürgische Truppen; 1565 gelang dem Regiment die Eroberung von Tokaj.

1566 wurde er Mundschenk und Kämmerer des Erzherzogs und er beteiligte sich am Feldzug Maximilians II. gegen die Türken. 1571 begleitete er Erzherzog Karl nach Gastein zum Empfang von dessen Braut Maria von Bayern. Außerdem begleitete er Kaiserin Maria und Erzherzogin Margarete auf ihren Reisen durch Kärnten. Es folgten diplomatische Missionen und weitere Feldzüge. Barthlmä Khevenhüller, seit 1593 Freiherr auf Landskron und Wernberg, war von 1581 bis 1607 ständiger Burggraf in Klagenfurt. Er ließ zwischen 1590 und 1603 Schloss Velden als Alterssitz errichten.

1605 wurde Barthlmä in den Reichsgrafenstand erhoben.1606 wurde er Sprecher der Landstände. Er baute ein Wirtschaftsimperium auf und führte moderne Methoden im Bergbau ein.

Barthlmä Graf Khevenhüller lebte auf Schloss Landskron und war dreimal verheiratet. 1570 verehelichte er sich mit Anna, geb. von Schernberg-Goldegg, 1582 heiratete er Blanka Ludmilla, geb. Gräfin von Thurn und Valsassina und 1596 Regina, geb. von Thannhausen. Insgesamt hatte er 18 Kinder, aber nur vier Töchter und drei Söhne überlebten ihn.

Als Barthlmä am 16. August 1613 in Spittal starb, war sein Sohn und Haupterbe Hans aus seiner dritten Ehe noch nicht volljährig. Deshalb führte die Witwe Regina die Geschäfte vorerst weiter. Hans heiratete Maria Elisabeth von Dietrichstein.

Schicksalsjahr 1629

Wie ein Großteil des Kärntner Adels waren auch die meisten Angehörigen der Familie Khevenhüller Protestanten geworden. Barthlmä galt als Oberhaupt der Protestanten in Kärnten. Angesichts der Türkengefahr wurde dem Kärntner Adel 1578 die Religionsfreiheit zugesichert. Mächtige protestantische Adelige halfen zudem dem Landesfürsten mit Darlehen aus. 1598 wurde Barthlmä Khevenhüller mit seinem Cousin Franz nach Graz zitiert, weil sie sich geweigert hatten, in Kraig einen katholischen Pfarrer einzusetzen.

Während der Gegenreformation erließ Ferdinand II. 1628 ein folgenschweres Generalmandat. Es sah vor, dass alle Adeligen, die sich weigerten, katholisch zu werden, das Land verlassen mussten.

Barthlmäs Sohn und Erbe Hans Graf Khevenhüller weigerte sich, zum Katholizisimus zu konvertieren und musste 1629 Kärnten verlassen. Seine Herrschaft Paternion erwarb Hans Widmann, ein Kaufmann aus Villach, der als Händler in Venedig reich geworden war. Das Schloss Paternion und großer Grundbesitz im Raum Paternion befinden sich noch heute im Besitz der (Grafen-)Familie Foscari-Widmann-Rezzonico. Das von Christoph erworbene zweite Haus in Villach, das heutige „Hotel Post“, ging nach der Auswanderung Paul Khevenhüllers ebenfalls an Hans Widmann. Von Paul Khevenhüller erwarb Widmann 1628 die Herrschaft Sommeregg. Das Villacher Stammhaus und die Herrschaft Landskron wurden von der Familie Dietrichstein übernommen. Die von Barthlmä Khevenhüller 1591 erworbene Burg Mannsberg wurde 1627 an das Domkapitel Gurk veräußert. Die Stammburg Aichelberg ging in den Besitz von Hans Siegmund Graf von Wagensberg über. Den in Kärnten verbliebenen Khevenhüllers blieben nur mehr Hochosterwitz, Schloss Annabichl und ein Stadthaus in Klagenfurt.

Die Hochosterwitzer Linie

 Christophs Bruder Siegmund, geboren am 2. Mai 1507 auf der Burg Hardegg bei Zweikirchen, war ab 1543 landesfürstlicher Vizedom in Kärnten. 1529 war er unter den Kärntner Adeligen, die bei der Verteidigung der Stadt Wien gegen die türkischen Belagerer unterstützen. 1530 folgte er seinem Bruder Christoph als Hauptmann von Ortenburg nach und heiratete im gleichen Jahr Katharina von Gleinitz. Er war auch Pfleger der Landgerichte Pittersberg und Goldenstein. 1542 erbte er die Stammburg Aichelberg und ließ sie instand setzen. Siegmund erhielt auch eines der Häuser in Villach. Er besaß weiters einen Hof bei St. Martin in Villach, den er 1546 zum Schloss Mörtenegg ausbauen ließ. Ab 1550 hatte er die Herrschaft Karlsberg als Pfand inne.

Das Pfandrecht auf die Burgherrschaft Hochosterwitz ging nach Christoph Khevenhüllers Tod 1557 an seinen ältesten Sohn Hans über. Da sich dieser aber als Diplomat meist in Spanien aufhielt, trat er das Pfandrecht an seinen Cousin Georg II. Khevenhüller ab, den Sohn von Siegmund.

Georg, geboren am 5. März 1534, war einer der bedeutendsten Vertreter der Familie Khevenhüller. Schon als 23-Jähriger wurde er Landesverweser, davor war er Landesvizedom, und von 1565 bis zu seinem Tod am 9. September 1587 in Klagenfurt war er Landeshauptmann von Kärnten. Er machte auch Karriere am Hof des Erzherzogs Karl von Innerösterreich in Graz und wurde 1568 Geheimer Rat. Außerdem war er Präsident der Hofkammer, die für die Finanzen Innerösterreichs zuständig war. Er kaufte von Erzherzog Karl am 18. März 1571 die Burg Hochosterwitz, die er, wie erwähnt, schon als Pfand inne gehabt hatte. Er ließ die Burg von 1570/71 bis 1583 zur heutigen Gestalt um- und ausbauen. 1565 erhielt Georg von Erzherzog Karl II. die Ehrenfunktion des erblichen Oberststallmeisters von Kärnten verliehen – gemeinsam mit seinen drei Cousins Hans, Bartholomäus und Moritz. Solche Hofämter wurden grundsätzlich an alte, verdiente Adelsfamilien vergeben. Kaiser Maximilian II. erhob 1566 Georg und seine drei Cousins in den erblichen Reichsfreiherrenstand mit dem Namenszusatz „auf Landskron und Wernberg“. Die Adelserhebung erfolgte „in Anbetracht der getreuen Dienste, welche die Khevenhüller als ehrliche Ritterliche vom Adel von uralten Zeiten an seinen Vorfahren bewiesen haben“, wie es in der Begründung hieß. Georg war auch Hauptmann der Grafschaft Pisino. Er übernahm das Schloss Mörtenegg in St. Martin bei Villach, das Amt Kraig, Schoss Freyenthurn, die Weidenburg bei Mauthen im Gailtal und das Venezianerhaus am Hauptplatz in Villach. 1586 kaufte er die Herrschaft Karlsberg, die er als Pfand erhalten hatte. 1573 erwarb er die Burg Dürnstein an der kärntnerisch-steirischen Grenze, 1574 die Grafschaft Mitterburg/Pazin in Istrien, 1576 die Herrschaft Obertrixen, 1577 das Gericht zu Annabichl, 1578 Schloss Weißenfels bei Tarvis, 1580 die Herrschaft und Stadt Gmünd, 1581 die Herrschaft Mahrenberg in der Untersteiermark und 1587, kurz vor seinem Tod, die Herrschaft Neudenstein. Am Neuen Platz in Klagenfurt ließ er 1568 als Landeshauptmann seine Residenz errichten. Dazu kamen Mautrechte und andere Privilegien. Schloss Freudenberg verkaufte Georg an seinen Schwager Mechisedech Seenuß und die Herrschaft Himmelberg-Piberstein übergab er seinem Cousin Hans, der dafür auf seinen Anteil an Wernberg verzichtete. Georg wurde Obersthofmeister bei Erzherzog Karl und erwarb sich auch Verdienste bei Kämpfen in Kroatien gegen osmanische Truppen. 1572 wurden ihm die Güter der Propstei Maria Wörth verpfändet.

Für seine zweite Frau Anna ließ er das kleine Schloss Annabichl in Klagenfurt errichten. Auch Georg war Protestant. Auf seiner Burg Hochosterwitz wirkte der Prädikant Michael Gothard Christalnick. Der katholische Erzherzog Karl II. stand seinem protestantischen Obersthofmeister Georg tolerant gegenüber. 1580 quittierte Georg Khevenhüller seine Ämter in der innerösterreichischen Regierung in Graz und blieb in Kärnten.

Schwindel bei der Ahnengalerie

Als Hans Khevenhüller, der spätere Reichsgraf von Frankenburg, von Maximilian II. die Kämmerer-Würde erhalten sollte, wurde er 1562 von Neidern angeschwärzt, er könne die Position nicht bekleiden, weil die Khevenhüller noch nicht lange dem Adel angehörten. Voraussetzung für diese hohe Auszeichnung war neben außerordentlichen Verdiensten der Nachweis von je acht väterlichen und mütterlichen adeligen Ahnen. Hans Khevenhüller reiste daraufhin zu seinem Cousin Georg, der damals noch Landesverweser in Kärnten war. Georg Khevenhüller erstellte einen Stammbaum der Familie mit einer schriftlichen Erklärung, aus der hervorging, dass die Familie Khevenhüller schon seit 300 Jahre lang adelig sei und Angehörige der Familie seit 200 Jahren viele Ehrenämter für die Habsburger innegehabt hätten. In seinem 1568 fertiggestellten Stammbaum, in einem zweiten Stammbaum von 1571 und in seiner 1583/84 verfassten Abhandlung „Der Herren Khevenhüller Lebens-Beschreibung“ setzte Georg Khevenhüller den Beginn der Geschichte seiner Familie in Kärnten im 12. Jahrhunderts an – mit dem „Stammvater Siegmund“. Dass Georg keine Dokumente bzw. andere Quellen nennen konnte, erklärte er damit, dass die Unterlagen beim schweren Erdbeben von 1348 im Raum Villach und beim Villacher Stadtbrand 1524 vernichtet worden seien. Georg stellte fälschlicherweise auch eine Verwandtschaft zum mächtigen Adelsgeschlecht der Aufensteiner her und bezeichnete dieses als Vorbesitzer der Hochosterwitz und Verteidiger der Burg gegen die Truppen der Gräfin Margarete Maultasch. „Stammvater Siegmund“ soll laut Georgs „Ahnenforschung“ mit einer Aufensteinerin verheiratet gewesen sein.

Allerdings kamen die Aufensteiner erst eineinhalb Jahrhunderte später von Tirol nach Kärnten und waren nie auf der Burg Hochosterwitz. Dort saßen, wie erwähnt, bis 1478 die Schenken von Osterwitz. Die Khevenhüller stammen vermutlich aus Khevenhüll in der Oberpfalz und dürften erst im späten 14. Jahrhundert nach Kärnten gekommen sein – als Dienstleute des Bischofs von Bamberg. Das Bistum Bamberg hatte in Kärnten großen Grundbesitz: Villach und das Kanaltal, Feldkirchen, Griffen und das obere Lavanttal.

Dennoch billigte Erzherzog Karl von Innerösterreich Georg Khevenhüller mit dem Kauf der Hochosterwitz zu, das Uhu-Wappen der Aufensteiner zu führen und Hans Khevenhüller erhielt 1563 von Maximilian II. die Kämmerer-Würde.

Hochosterwitz Georg Khevenhüller Tafel 1576

Die katholischen Khevenhüller auf Hochosterwitz

Georg Khevenhüllers Sohn und Erbe Franz II. (1562–1607) übernahm die Burg Hochosterwitz. Sein Vater hatte bestimmt, dass die Burg niemals veräußert werden dürfe. Franz II. hatte drei Söhne: Barthelmä (1594–1649), Siegmund (1597–1656) und Franz III. (1598–1636). Letzterer erbte 1619 die Burg Hochosterwitz und deklarierte sich 1628 als Katholik. Er starb kinderlos. Ehrenreich Khevenhüller (1640–1675), ein Sohn des als Protestant ins Exil gegangenen Siegmund, konvertierte 1666 zum Katholizismus und konnte so den Hochosterwitzer Besitz fortführen. Er wurde am 27. Juni 1673 in den Reichsgrafenstand erhoben.

Sein Enkel Johann Joseph (1706–1776) Johann Joseph war Diplomat und hatte höchste Hofämter inne. Er war Obersthofmeister in Österreich unter der Enns, Oberstkämmerer und Obersthofmarschall. Zudem war er Mitglied des elitären Ordens zum goldenen Vließ. 1728 heiratete er Karolina, geb. Gräfin von Metsch, Tochter und Erbin des letzten Reichsgrafen von Metsch. 1751 wurde Johann Joseph gestattet, auch den Familiennamen seines Schwiegervaters zu führen. Den Namen Khevenhüller-Metsch führen auch seine Nachkommen.

Oberhaupt der Hochosterwitzer Linie der Khevenhüller ist seit dem Tod seines Vaters Maximilian im Jahr 2010 Johannes (X. Reichsfürst von) Khevenhüller-Metsch, geboren 1956. Da er aber mit seiner Familie in Rom lebt, überließ er die Burg Hochosterwitz und den dazugehörigen Grundbesitz seinem drei Jahre jüngeren Bruder Karl (Graf) Khevenhüller-Metsch.

In Klagenfurt, Villach, Pörtschach am Wörther See und Spittal an der Drau erinnern Straßenbezeichnungen an herausragende Vertreter der einst mächtigen Adelsfamilie Khevenhüller.

Werner Sabitzer

Quellen/Literatur:

Aelschker, Eduard: Geschichte Kärntens I und II. Verlag Johann Leon, Klagenfurt, 1885.

Clam-Martinic, Georg: Österreichisches Burgenlexikon. Burgen und Ruinen, Ansitze, Schlösser und Palais. 2. Auflage. Landesverlag, Linz, 1992.

Dehio – Handbuch: Die Kunstdenkmäler Österreichs – Kärnten. 3. Auflage, Wien, 2001.

Fräss-Ehrfeld, Claudia: Geschichte Kärntens, Band 2: Die ständische Epoche. Verlag Johannes Heyn, Klagenfurt, 1994.

Ginhart, Karl: Die Burg Hochosterwitz in Kärnten. Filser, Wien 1927.

Grueber, Paul: Die Burg Hochosterwitz. Verlag Kollitsch, Klagenfurt, 1925.

Khevenhüller-Metsch, Georg: Die Burg Hochosterwitz in Kärnten und ihre Geschichte. Selbstverlag. Hochosterwitz, 1953.

Khevenhüller-Metsch, Georg; Ginhart, Karl: Die Burg Hochosterwitz in Kärnten. Selbstverlag, Klagenfurt, 1939.

Khevenhüller-Metsch, Rudolf; Schlitter, Hanns (Hg.): Aus der Zeit Maria Theresias. Tagebuch des Fürsten Johann Josef Khevenhüller-Metsch, Kaiserlichen Obersthofmeisters 1742 – 1776. Verlag Adolf Holzhausen, Wien, 1907.

Kohla, Franz Xaver; Metnitz, Gustav Adolf v.; Moro, Gotbert: Kärntner Burgenkunde. Ergebnisse und Hinweise in Übersicht. Erster Teil: Kärntens Burgen, Schlösser, Ansitze und wehrhafte Stätten. Ein Beitrag zur Siedlungstopographie. Zweite Auflage. Geschichtsverein für Kärnten, Klagenfurt, 1973.

Kohla, Franz Xaver; Metnitz, Gustav Adolf v.; Moro, Gotbert: Kärntner Burgenkunde. Ergebnisse und Hinweise in Übersicht. Zweiter Teil: Quellen- und Literaturhinweise zur geschichtlichen und rechtlichen Stellung der Burgen, Schlösser und Ansitze in Kärnten sowie ihrer Besitzer. Geschichtsverein für Kärnten, Klagenfurt, 1973.

Leitner, Friedrich W.: Anmerkungen zu den Inschriftenträgern im Bezirk St. Veit an der Glan – die Inschriften an Gebäuden, kirchlicher Ausstattung und Geräten, Rechtsdenkmälern – Flurdenkmälern. In: Rudolfinum, 2004, S. 295-315.

Obersteiner, Jakob: Die Bischöfe von Gurk 1072 – 1822. Reihe: Aus Forschung und Kunst, 5. Band. Verlag des Geschichtsvereines für Kärnten, Klagenfurt, 1969.

Sabitzer, Werner: Adelige in Kärnten (unveröff. Manuskript).

Sabitzer, Werner: Land der Hemma. Das Gurktal: Geschichte und Geschichten, Styria Verlag, Wien/Graz/Klagenfurt, 2013.

Webernig, Evelyne: Der Landeshauptmann von Kärnten. Ein historisch-politischer Überblick. Klagenfurt, 1983.

Webernig, Evelyne: Landeshauptmann und Vizedomamt in Kärnten bis zum Beginn der Neuzeit. Ein historisch-politischer Überblick. Klagenfurt, 1987.

Wiessner, Hermann; Seebach, Gerhard: Burgen und Schlösser in Kärnten: Klagenfurt, Feldkirchen, Völkermarkt (Kärnten II). Wien, 1965.

Wißgrill, Franz Karl; Odelga, Karl von (Fortsetzung): Schauplatz des landsässigen Nieder-Österreichischen Adels vom Herren- und Ritterstande von dem XI. Jahrhundert an, bis auf jetzige Zeiten. Fünfter Band. Druckerei Christian Fridrich Wappler, Wien, 1804.

Wurzbach, Constantin von: Khevenhüller, Johann (VII.) Graf. In: Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich. Band 11. Verlag L. C. Zamarski, Wien, 1864.

Schloss Straßburg

Anmerkung: Bei diesem Beitrag handelt es sich um Teil 19 einer 24-teiligen Serie über Adel im Gurktal in der Quartalszeitschrift „Weitensfelder Kulturbote“.

Mai 31, 2015 Posted by | Uncategorized | Hinterlasse einen Kommentar

Schatzkammer Gurk: Kunstschätze im Propsthof

In der neuen „Schatzkammer Gurk“ im Propsthof neben dem Gurker Dom sind 275 sakrale Kunstgegenstände aus dem früheren Diözesanmuseum Klagenfurt ausgestellt.

 

Propsthof Gurk

Propsthof Gurk

Gurker Fastentuch

Pieta

Pieta

Monstranzen und Kelche

Monstranzen und Kelche

Magdalenenscheibe von Weitensfeld: Älteste Glasmalerei Österreichs

Magdalenenscheibe von Weitensfeld: Älteste Glasmalerei Österreichs

Die Magdalenenscheibe aus Weitensfeld, um 1170 entstanden, ist das älteste Glasgemälde Österreichs. Das 58 Zentimeter hohe Kunstwerk stellt Maria Magdalena dar – mit Salbgefäß und einem vergoldeten Weihrauchgefäß, wie es zur Zeit der Entstehung der Scheibe verwendet wurde. Fast wäre die wertvolle Glasmalerei für immer verloren gewesen. Am 12. Jänner 1931 zeigte der Weitensfelder Pfarrer an, dass die Magdalenenscheibe aus der Filialkirche St. Magdalen fehlte. Zunächst verdächtigten die Ermittler den Pfarrer, die Scheibe verkauft zu haben, aber bald wurden die tatsächlichen Täter verhaftet. Das Kunstwerk war im Dezember 1930 gestohlen und nach Berlin gebracht worden, wo die Scheibe sichergestellt wurde. Der Dieb und der Auftraggeber wurden zu Gefängnisstrafen verurteilt. Die Magdalenenscheibe wurde restauriert und kam in das Diözesanmuseum nach Klagenfurt. Im Kirchlein St. Magdalen befindet sich ein Duplikat. Heuer übersiedelte die Magdalenenscheibe wieder in das Gurktal.

Das romanische Glasgemälde ist eines der wertvollsten Exponate in der neuen „Schatzkammer Gurk“, in der sich nun die Schätze des 2012 geschlossenen Diözesanmuseums Klagenfurt befinden. Anlass für die Gründung des Diözesanmuseums im Jahr 1917 war die Bedrohung von kirchlichen Kunstwerken und sakralen Gegenständen durch Verfall, Verkauf und Diebstahl. Aus Dachböden, Sakristeien und entlegenen Kirchen wurden Kunstgegenstände geborgen und restauriert. Ab 1937 war das Museum in der bischöflichen Residenz in Klagenfurt öffentlich zugänglich. 1974 übersiedelte das Museum in das neue Haus beim Dom, das anstelle der alten Jesuitenkaserne errichtet wurde. Die Museumsräume im dritten Stock waren allerdings nur über einen kleinen Lift und eine unansehnliche Stiege erreichbar. Deshalb begab man sich auf die Suche nach einem neuen Quartier für die kirchlichen Schätze.

Als 2008 die Salvatorianer aus Gurk abzogen, suchte man nach einer Nachnutzung des ehemaligen Propsteigebäudes. Die gotisch und barock gewölbten Räume im Erdgeschoß wurden als geeignete Museumsräume betrachtet. Nach einem Architekturwettbewerb wurde 2012 das Siegerprojekt des Architekturbüros „Winkler + Ruck“ präsentiert. Nach der Restaurierung und Adaptierung der Räume im Propsthof wurden die Kunstwerke transportsicher verpackt und in das Gurktal gebracht. Die Kosten für die Errichtung des Museums und der Arrondierungsmaßnahmen im Außenbereich betrugen rund von 1,5 Millionen Euro. Leiter der Schatzkammer ist Diözesankonservator Dr. Eduard Mahlknecht.

„Bereicherung der Seele“

Die Schatzkammer wurde am 30. April 2014 vom Diözesanbischof Dr. Alois Schwarz und vom Gurker Stiftspfarrer Monsignore Mag. Gerhard Christoph Kalidz offiziell eröffnet. „Mit dieser Schatzkammer sichern wir europäische Kultur und stärken das Selbstbewusstsein, das sich aus der Geschichte der Religion und der Kultur speist“, sagte Bischof Schwarz bei der Eröffnung und Segnung des neuen Museums. Die Exponate würden die „Kraft der Spiritualität vieler Jahrhunderte“ atmen und vor allem auf Jesus Christus verweisen. Die Schatzkammer Gurk solle die Glaubensgeschichte Kärntens in sakralen Kunstwerken sichtbar machen und die Besucherinnen und Besucher sollten eine „Bereicherung der Seele“ erfahren, betonte der Bischof. Landeshauptmann Dr. Peter Kaiser würdigte bei der Eröffnungsfeier die Bedeutung der Katholischen Kirche als Kunst- und Kulturträger. Das neue Museum sei eine „große Bereicherung für die Kultur unseres Landes“.

275 Exponate in zehn Ausstellungsräumen

Mit der neuen „Schatzkammer“ hat Gurk als Zentrum der Hemma-Verehrung neben dem berühmten romanischen Dom eine weitere bedeutende Kunsteinrichtung und touristische Attraktion. In zehn Räumen sind auf 920 Quadratmetern Fläche 275 Exponate ausgestellt – nach Epochen gegliedert.

Im ersten Raum sind wechselnde Ausstellungen vorgesehen. Derzeit ist hier das Werden der Schatzkammer dokumentiert. Die angrenzende ehemalige Dreifaltigkeitskapelle der Propstei mit dem Sternrippengewölbe beherbergt Glasgemälde und liturgische Kleidung. Bei der Restaurierung der Kapelle wurden Wand- und Dekormalereien aus dem 16. und 17. Jahrhundert freigelegt.

Im anschließenden Raum wird das wertvolle Gurker Fastentuch aufbewahrt, das in der Fastenzeit im Dom hängt. Es ist das älteste und größte Fastentuch Kärntens. Angefertigt wurde es vom Maler Konrad in Friesach im Auftrag des Gurker Dompropstes Johann III. Hinderkircher. Meister Konrad vollendete das Werk 1458. Das 80 Quadratmeter große Kunstwerk zeigt Bilder aus dem Alten und Neuen Testament.

Im Romanik-Raum befinden sich die wertvollsten Exponate der Schatzkammer. Neben der Magdalenenscheibe ist hier das „Hölleiner Kruzifix“ ausgestellt. Es stammt aus dem ehemaligen Knappenkirchlein Höllein im Gurktal und ist eines der berühmtesten romanischen Sakralkunstwerke Österreichs. Die um 1170/80 entstandene Figur ist ein „Vier-Nagel-Typus“ – die Füße des Gekreuzigten sind nebeneinander ans Kreuz geschlagen. Ein weiteres wertvolles romanisches Relikt aus dem Gurktal ist ein Wachssiegel des Gurker Bischofs Roman I., der den Gurker Dom und das Schloss Straßburg erbauen ließ. Das im Durchmesser sieben Zentimeter große Siegel wurde 2013 bei der Sanierung des Hanserkirchleins in Altenmarkt in einem Reliquienbehältnis entdeckt. Das aus der Mitte des 12. Jahrhunderts stammende Behältnis befand sich in einer Altar-Vertiefung, die mit einem Stein mit römischen Inschriften verschlossen war. Im Romanikraum hängt eine der ältesten Glocken Österreichs. Sie stammt aus der Kirche in Flatschach und wurde im 11. Jahrhundert gegossen.

In der Schatzkammer befinden sich viele weitere sakrale Wertgegenstände aus dem Gurktal, darunter das Fastentuch von Steuerberg. Es entstand um 1530 und zeigt auf 25 Bildern die Passionsgeschichte Christi. Aus der Flattnitzer Kirche stammt eine Kreuzigungsdarstellung und aus dem Schloss Straßburg eine 1490 geschnitzte Figur aus Lindenholz, die den heiligen Sebastian mit Pfeileinschüssen darstellt.

Der fünfte Raum ist der Gotik gewidmet – in Kärnten gibt es viele gotische Fresken und Flügelaltäre. In zwei weiteren Räumen sind Weihnachtskrippen und Heilige ausgestellt. Im Raum acht sind sakrale Kunstwerke aus der Renaissance zu sehen und im neunten Raum befinden sich Exponate aus der Barockzeit, ebenso Gegenstände, die einen Einblick in die Volksfrömmigkeit und Hemma-Verehrung geben. Im letzten Ausstellungsraum gibt es liturgische Kostbarkeiten, wie Monstranzen, Kreuze, Kelche und Messbücher (Missale). Der abschließende Gewölbesaal ist für Vorträge und andere Veranstaltungen gedacht.

Werner Sabitzer

SCHATZKAMMER GURK (Diözesanmuseum): Propsthof, 9342 Gurk, www.dom-zu-gurk.at. Öffnungszeiten: 1. Mai bis 31. Oktober: täglich von 10 bis 18 Uhr; 1. November bis 30. April: Besichtigung nur nach Vereinbarung für Gruppen. Eintrittspreise: Erwachsene 6,00 €, ermäßigt 5,00 €, Kinder und Jugendliche (6 bis 16 Jahre) 2,50 €, Familien zahlen nur für ein Kind, Gruppen (ab 15 Personen) 3,50 €, Schulklassen 2 € pro Schüler/-in, mit Führung 3 €, Führungen: 2,50 €, für Gruppen ab 15 Personen: 1,00 €.

Mai 31, 2015 Posted by | Uncategorized | Hinterlasse einen Kommentar

Die Propstei St. Virgil in Friesach

Auf dem Virgilienberg in Friesach befand sich fast vier Jahrhunderte lang ein Kollegiatstift. 1964 wurde der aus dem Gurktal stammende Villacher Stadtpfarrer Dr. Johannes Sabitzer Propst von St. Virgil. Er war der letzte Propst auf dem Virgilienberg.

In Friesach befindet sich auf dem Virgilienberg die Ruine einer gotischen Kirche. Hier gründete Salzburgs Erzbischof Eberhard II. zwischen 1233 und 1240 ein Kollegiatstift zu Ehren des 1233 heilig gesprochenen Virgil von Salzburg. Virgil stammte aus Irland und ließ im achten Jahrhundert Kärnten missionieren. Mehr als zwei Jahrzehnte vor der Gründung von St. Virgil war in Friesach bereits das Kollegiatstift St. Barthlmä errichtet worden.

Vorsteher des Kollegiats am Virgilienberg war der Propst, dem ein Dekan und sieben Kanoniker unterstanden. Der Dekan und die Kanoniker bildeten das Kapitel, das eine eigene Rechtspersönlichkeit war und das Recht hatte, verbindliche Normen über innere Angelegenheiten zu erlassen. Für die Verwaltung des Kapitels war der Propst zuständig; bei einer Vermögensänderung musste er aber die Zustimmung des Kapitels einholen. Die Stiftsherren wurden in ihrer Abwesenheit von Vikaren vertreten. Beschließendes Organ war die Kapitelversammlung.

Das Kollegiatsstift war mit Grundbesitz und Rechten ausgestattet, aus denen die Stiftsherren die Einkünfte (Pfründe, Präbande) bezogen. Die Kanoniker waren neben ihren Aufgaben im Kollegiatstift als Kapläne, Prediger, erzbischöfliche Notare, Anwälte, Richter, Beichtväter für Honoratioren, Lehrer und Spendeneintreiber für öffentliche Bauvorhaben tätig. Erster Propst auf dem Virgilienberg war Pfarrer Hartwig (Hartewicus) von Lieding im Gurktal. Er starb um 1260.

In der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts hatten die Pröpste auch das Amt des Vizedoms von Friesach inne. Die Stadt gehörte zum Erzstift Salzburg. Vor hier aus wurden die salzburgischen Besitzungen in Kärnten verwaltet.

In der Propstei befand sich eine bedeutende Bibliothek. Am 24. August 1309 zerstörte ein Brand die Propstei. Die Kirche wurde wieder aufgebaut.

Durch Zwangsverkäufe und hohe Steuern sanken die Erträge des Kollegiatstiftes Mitte des 16. Jahrhunderts beträchtlich. Die Reformation im ausgehenden 16. Jahrhundert führte zu einer schweren Krise für St. Virgil; zudem fiel die Stiftskirche 1582 einem Stadtbrand zum Opfer. Spätestens 1591 wurde der Propst von St. Virgil als grundbesitzender Prälat in die Reihe der geistlichen Landstände Kärntens aufgenommen.

Das Ende des Kollegiatsstiftes

Zu Beginn des 17. Jahrhunderts drohte wegen Schulden und Steuerrückständen die Exekution des Stiftes; dazu kam ein Personalproblem. Spätestens 1608 verlor das Kollegiatkapitel St. Virgil seine Rechtspersönlichkeit. Die materiellen Rechte (Temporalien) und die geistlichen Befugnisse des Dekans von St. Virgil gingen zum Kapitel von St. Barthlmä über; ebenso das Kapitelgut der sieben Kanoniker, darunter 47 Höfe, Huben, Zulehen und Keuschen. Die geistlichen Befugnisse verblieben bei der Virgilkirche und wurden vom Salzburger Erzbischof Wolf Dietrich von Raitenau aufgehoben. Damit hörte das Kollegiatkapitel am Virgilienberg zu bestehen auf. Die Propstpräbende mit den geistlichen Befugnissen und materiellen Rechten blieb bestehen.

Wolf Dietrich von Raitenau

Erzbischof Wolf Dietrich Graf von Raitenau, der das Kollegiatstift St. Virgil aufgehoben hatte, wurde im Oktober 1611 wegen eines Konflikts mit Bayern auf der Flucht nach Kärnten von bayrischen Truppen gefangen genommen und auf die Festung Hohenwerfen und später in die Feste Hohensalzburg gebracht. Er trat 1612 als Erzbischof zurück. Sein Neffe und Nachfolger als Erzbischof, Markus Sittikus Graf von Hohenems, hielt ihn bis zu seinem Tod auf Hohensalzburg weiter gefangen. Wolf Dietrich setzte am 15. April 1600 seinen Bruder Rudolf anstelle des anderen Bruders Hans Ulrich als Vizedom in Friesach ein. Rudolf übersiedelte nach Friesach und hatte dieses Amt bis 1613 inne. Er war Pfleger auf Burg Taggenbrunn von 1589 bis 1600 und er erwarb 1605 von der oberösterreichischen Familie Losenstein die Herrschaft Rosegg mit dem Eigentumsrecht am Faaker See sowie 1610 das Schloss Kronegg im Maltatal von Anton von Kronegg. Er erhielt 1601 die Herrschaft Gmünd als Pfand und kaufte sie 1611 dem Kaiser ab, von 1610 bis 1615 ließ er in Gmünd das neue Schloss erbauen; wurde im Oktober 1612 mit seinem verschuldeten Bruder Wolf Dietrich von bayrischen Truppen gefangen genommen, aber im Jänner 1912 wieder entlassen. Rudolfs Sohn Wolf Dietrich II. Graf von Raitenau (1601 – 1639) erbte unter anderem die Herrschaft Rosegg, wo er zeitweise wohnte und das Schloss renovieren ließ. Nach seinem Tod verkaufte seine Mutter Maria Sidonia die Herrschaft Gmünd an Catharina Gräfin zu Lodron. Der Sohn von Wolf Dietrich II., Rudolf Hannibal Graf von Raitenau, war der letzte männliche Spross der Grafenfamilie Raitenau. Das Erbe ging an die fünf Kinder seiner Schwester Maria Anna Katharina von Welsperg.

Propstei St. Virgil

Der verbliebene Teil des ehemaligen Kollegiatsstiftes wurde als Propstei St. Virgil weitergeführt und der Erzbischof von Salzburg ernannte weiterhin den Propst. 1752 zerstörte ein neuerlicher Brand die Kirche und die anderen Gebäude am Virgilienberg. Zwei Jahre später wurde zwar der Chor der Kirche wieder eingedeckt und es wurden wieder Messen gefeiert; die anderen Gebäude waren aber nicht mehr bewohnbar. Nach einem ersten Versuch 1783 wurde die Stiftskirche St. Virgil unter Kaiser Josef II. 1786 profanisiert (als Kirche aufgelassen). Wohin die Reliquie des heiligen Virgils gebracht wurde, lässt sich nicht mehr eruieren.

Mit der Entweihung der Kirche endeten auch die geistlichen Rechte. Der Propst verlor seine Titelkirche. Ihm verblieb aber der Grund auf dem Virgilienberg, deshalb blieb die Propstei bestehen. Der Propst war aber kein „Titularpropst“, da die Propstei weder untergegangen ist noch formell aufgehoben wurde. Mit dem Tod des Propstes Dominikus Tschernigoy 1789 fiel die Propstpräbende an den Fürstbischof von Salzburg.

Mit der neuen, tief greifenden Diözesanregelung von Kaiser Josef II. wurde aber die Propstei St. Virgil nicht wie andere salzburgische Besitzteile in Kärnten an die Diözese Gurk übergeben, sondern verblieb bei Salzburg, der Erzbischof verlor aber seinen Einfluss in Friesach. Von der Propstei auf dem Virgilienberg war nur mehr eine kleine Grundherrschaft übrig, bestehend aus zehn Huben und drei Zulehen sowie dem kleinen Grundstück auf dem Virgilienberg. Die Grundherrschaft verlor auch als Einnahmequelle für die künftigen Pröpste an Bedeutung, sie warf nur selten Erträge ab.

 St. Virgil, Gmünd und Villach

Mit der josephinischen Kirchenreform 1786 wurde die Kirche dem Staat untergeordnet. Der Kaiser zog 1787 zudem das Ernennungsrecht der Bischöfe, Äbte und Pröpste an sich.

Salzburgs Fürsterzbischof Hieronymus Graf Colloredo von Waldsee und Mels (1732 – 1812) musste unter anderem die Erzdiakonate Friesach-Kappel und Gmünd an die Diözese Gurk abtreten. Die offizielle Übergabe erfolgte Mitte April 1789. In der Abtretungsurkunde fehlte aber die Propstei am Virgilienberg. Gurks Fürstbischof Franz Xaver Altgraf von Salm-Reifferscheidt ernannte am 28. August 1789 Johann Nepomuk Holzer zum Dechanten und Stadtpfarrer von Gmünd, das nun zur Diözese Gurk gehörte. Kurz darauf verlieh Fürsterzbischof Colloredo die Propstei St. Virgil an Dechand Holzer und ersuchte Fürstbischof Salm-Reifferscheidt, die Investitur Holzers als Propst vorzunehmen. Salm setzte daher Holzer am 28. Oktober 1789 als Propst von St. Virgil ein. Die Rechtslage bei der Propsteinsetzung war aber unklar. Es kam zu einer rechtlichen Prüfung. Nach der Säkularisierung (Verweltlichung) des Salzburger Kirchenbesitzes 1806 teilte der Gurker Bischof im Jahr darauf dem zuständigen k. k. Landesgubernium in Graz mit, dass er nun der Rechtsnachfolger für die Verleihung des Metropoliten für alle in seiner Diözese liegenden, „vorbehaltenen“ Benefizien sei und argumentierte, dass der Erzbischof von Salzburg Holzer die Propstei erst nach der Abtretung des Salzburger Diözesenanteils an die Diözese Gurk verliehen habe.

Der Stadtbrand 1816 in Friesach, bei dem 70 Häuser zerstört wurden, bedeutete das endgültige Aus für die Propsteianlage auf dem Virgilienberg. Die Mauersteine des ausgebrannten Propsthofes wurden von den Friesachern abgetragen und für Bauten in der Stadt verwendet. 1823 wollte man die Stiftskirche nochmals eindecken, es kam aber nicht mehr dazu, sodass auch Reste der Kirche ab 1825 als „Steinbruch“ dienten. Von der ehemaligen gotischen Stiftskirche blieben nur das Presbyterium und die nördliche Kapelle übrig.

Nach dem Tod Holzers am 13. November 1818 kam es zu Problemen bei der Nachlassverwaltung. Holzer hatte sich in den letzten Jahren nicht mehr um die Propstei gekümmert, Außenstände ließen sich kaum eintreiben. In den folgenden Jahren beschäftigten sich Behörden und Gerichte mit der Angelegenheit.

Wegen der Ernennung eines Nachfolgers wandte sich der Gurker Fürstbischof Kardinal Franz II. Xaver Altgraf von Salm-Reifferscheidt-Krautheim (1749 – 1822) an das Gubernium in Graz und wies darauf hin, dass die Propstei seit langer Zeit mit der Stadtpfarre Gmünd verbunden sei. Das solle aufrecht erhalten bleiben. Kaiser Franz I. folgte der Empfehlung und ernannte Holzers Nachfolger als Dechant und Stadtpfarrer von Gmünd, Leopold Anton Praskowitz, auch zum Nachfolger als Propst von St. Virgil. Die Investitur (Amtseinweisung) erfolgte von Fürstbischof Salm am 22. März 1820. Praskowitz erhielt vom Kaiser die Auflage, die auf der Propstei lastenden Verbindlichkeiten zu erfüllen. Der neue Propst erhielt die Temporalien.

Praskowitz war der erste vom Kaiser ernannte Propst vom Virgilienberg. In der landesfürstlichen Verordnung vom 14. November 1806 wurde bestimmt, dass jene Benefizien, die der Salzburger Fürstbischof 1789 nicht ausdrücklich dem Gurker Ordinariat abgetreten hatte, dem Landesherrn und Kaiser zukamen.

Probleme mit der Finanzverwaltung gab es auch nach dem Amtsantritt von Praskowitz. Die Propsteiverwaltung wurde nach Straßburg verlegt, Verwalter war Anton Balthasar.

Nach dem Tod von Praskowitz am 18. April 1846 folgte ihm erstmals seit 1606 nicht der Stadtpfarrer von Gmünd als Propst vom Virgilienberg nach, sondern der Klagenfurter Domdechant Johann Michael Achatz. Nach der Revolution 1848 wurde die Grundherrschaft aufgehoben („Bauernbefreiung“). Das bedeutete auch einen beträchtlichen Rückgang der ohnehin schon geringen Einnahmen für den Propst. Achatz wurde 1949 Propst in Straßburg und resignierte als Propst auf dem Virgilienberg. Der einzige Bewerber für die Nachfolge, Alois Zwischenberger, starb, bevor ihn Kaiser Franz Joseph die Propstei verleihen konnte. Neuer Propst wurde 1850 der Gurker Domkapitular Thomas Michael Moser. Nach der Grundentlastung verblieb ihm nur mehr ein 1,4 Hektar großes, teils bewaldetes Grundstück auf dem Virgilienberg mit den Ruinen der Stiftskirche und des Propsthauses. Auf diese kleine Immobilie stützte sich die weitere Vergabe des Propsttitels und der damit verbundenen Rechte. Die Präbande war unbedeutend, der Inhaber bekam Unterhalt aus dem Religionsfonds. Moser verpachtete 1855 die Wiese auf dem Virgilienberg und resignierte 1861. Ihm folgte wieder der Stadtpfarrer von Gmünd, Johann Rauscher, danach der Villacher Stadtpfarrer Johannes Pleschutznig, der 1903 zurücktrat, weil er Propst von St. Barthlmä in Friesach wurde. Sein Nachfolger Dr. Gabriel Lex, Ehrendomherr und Stadtpfarrer von St. Veit/Glan, starb 1909 und im Jänner 1910 übernahm Dr. Hermann Arzlhuber, Dechant und Stadthauptpfarrer von Villach, das Amt des Propstes auf dem Virgilienberg.

Nach der Auflösung der Monarchie 1918 ging das Vergaberecht der Propstei vom Kaiser an den Papst über. Der Propst-Titel war bei vielen Priestern begehrt, auch wenn er wie auf dem Virgilienberg keine besondere Bedeutung mehr hatte.

Ende Dezember 1935 ersuchte der Pfarrausschuss von St. Jakob in Villach den Fürstbischof Adam Hefter, die Propstei für immer mit der Stadthauptpfarre St. Jakob in Villach zu vereinen. Das wurde abgelehnt.

Nach dem Tod Arzlhubers 1941 blieb die Propstei vorerst unbesetzt. Die Verwaltung erfolgte vom Propst von St. Barthlmä in Friesach. Erst 1949 wurde wieder ein Propst auf dem Virgilienberg berufen – der Villacher Stadtpfarrer Franz Ninaus. Das Recht des Propstes, die Inful zu tragen, wurde 1951 aufgehoben. Die Inful war eine Art Bischofsmütze (Mitra), eine um die Stirn gelegte Wollbinde, deren Enden im Nacken herunterhingen. Ninaus war also der letzte infulierte Propst von St. Virgil. Er starb am 14. November 1963.

Johannes Sabitzer – letzter Propst von St. Virgil

Nachfolger von Propst Ninaus wurde der Villacher Stadtpfarrer Monsignore Dr. Johannes Sabitzer. Papst Johannes XXIII. verlieh ihm am 28. Februar 1964 die Propstei auf dem Virgilienberg. Johannes Sabitzer wurde am 15. Mai 1910 in Straßburg im Gurktal geboren. Nach der Priesterweihe am 28. Juni 1934 war er Kaplan in Althofen und ab 1936 studierte er in Rom Choralwissenschaften. Ab 1939 war er wieder Kaplan in Althofen und in St. Johann am Pressen. Danach wurde er Domkapellmeister und Dozent für Choralwissenschaften am Priesterseminar. Am 1. Oktober 1952 erhielt er die Haupt- und Stadtpfarre St. Jakob in Villach übertragen. Von 1952 bis 1979 war er auch Vorsitzender des Dekanats Villach-Stadt.

Bischof DDr. Egon Kapellari würdigte Sabitzer bei dessem 50-jährigen Priesterjubiläum 1984, er habe „viele Brücken zwischen Kirche und kulturellem Leben im Lande gebaut“. Papst Johannes Paul II. kehrte bei seinem Österreich-Besuch auch im Haus des Stadtpfarrers Sabitzer ein.

Fürstbischof DDr. Joseph Köstner ernannte Sabitzer 1964 zum „Konsistorialrat“ und 1982 erfolgte seine Ernennung zum „Päpstlichen Kaplan“. Dr. Johannes Sabitzer starb am 25. August 1992 in Villach. Mit ihm erlosch die Reihe der Pröpste vom Virgilienberg. Die Propstpräbande ruht seit damals.

Der verbliebene Grundbesitz der Propstei umfasste die Wiese auf dem Virgilienberg, auf dem die Chorruine steht. Das Grundstück war verpachtet; es gab fast keine Einkünfte mehr.

Kirchenruine St. Virgil

Wegen Einsturzgefahr begannen bei der Kirchenruine 1894 Sicherungsmaßnahmen. Anfang der 1920er-Jahre drohten Teile der Ruine auf darunterliegende Wohnhäuser zu stürzen. Deshalb erging ein Abbruchbescheid, der allerdings wieder aufgehoben wurde, nachdem 1927 Sicherungsmaßnahmen an der Ruine erfolgten. Ein Jahr davor war der Triumphbogen eingestürzt. Heute sind nur mehr einige Mauerreste des Propsthofes und die Mauern des Chores der Stiftskirche erhalten. 1977 und 1993/94 erfolgten vom Bauorden Konservierungsarbeiten an der Chorruine auf dem Virgilienberg.

Werner Sabitzer

 

Quellen/Literatur:

Dehio-Handbuch. Die Kunstdenkmäler Österreichs. Kärnten. Anton Schroll, Wien, 2001.

Hohenauer, Franz Lorenz: Die Stadt Friesach. Ein Beitrag zur Profan- und Kirchen-Geschichte von Kärnten. Mit einem lithographirten Situations-Plane der alten und neuen Stadt. Nebst einem Anhange: Die Olsa, ein Eisenbergbau und Hochofen bei Friesach. Herausgegeben von der Direktion des Historischen Vereines für Kärnten. Klagenfurt, 1847.

Sacherer, Johannes: St. Virgil zu Friesach. Das Kollegiatstift auf dem Virgilienberg und seine Pröpste. Verlag des Geschichtsvereines für Kärnten, Klagenfurt, 2000.

Zedrosser, Thomas: Die Stadt Friesach in Kärnten. Ein Führer durch ihre Geschichte, Bau- und Kunstdenkmäler. Verlag Ferd. Kleinmayr, Klagenfurt, 1953.

 

Ruine der Kollegiatskirche St. Virgil in Friesach

Ruine der Kollegiatskirche St. Virgil in Friesach

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Mai 31, 2015 Posted by | Uncategorized | Hinterlasse einen Kommentar