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100 Jahre Christine Lavant: Dichterin „durch Zufall“

Die Schriftstellerin Christine Lavant wäre heuer 100 Jahre alt geworden. Ihr Leben war geprägt von Krankheiten und Selbstzweifeln.

Christine Lavant wurde am 4. Juli 1915 in Groß-Edling bei St. Stefan im Lavanttal als neuntes Kind des Bergarbeiters Georg Thonhauser und seiner Frau Anna geboren. Ihr ganzes Leben war geprägt von Krankheit, Leiden und Zweifeln: Das Neugeborene litt wochenlang an Skrofulose – das Gesicht und der Hals waren entzündet und das Kind drohte zu erblinden. Mit drei Jahren bekam Christine eine Lungenentzündung, die später immer wieder auftrat und lebensbedrohende Ausmaße annahm. 1927 erkrankte Christine wieder an Skrofulose sowie an Lungentuberkulose. Nach einer Behandlung mit Röntgenstrahlen, damals eine risikoreiche Angelegenheit, besserte sich der Zustand und das Mädchen konnte die dreiklassige Volksschule in St. Stefan abschließen und 1929 eine Klasse der Hauptschule besuchen. Allerdings brach sie den Schulbesuch ab, da sie zu kränklich für den langen Schulweg schien. Als Folge einer übersehenen Mittelohrentzündung 1930 wurde Christine auf einem Ohr fast taub. In den 1930er-Jahren begann Christine zu malen, sie verschenkte viele Aquarelle. Sie las viel, schrieb erste Texte und strickte für Bauern, wie es schon ihre Mutter getan hatte.

1932 schickte sie ein Roman-Manuskript an den Grazer Leykam-Verlag. Der Verlag reagierte zunächst positiv, veröffentlichte aber das Werk dann doch nicht. Das führte dazu, dass Christine ihre Texte vernichtete und lange Zeit nicht mehr schrieb. Als wieder Depressionen auftraten, begab sie sich 1935 in eine Nervenheilanstalt in Klagenfurt. Darüber schrieb sie einen Text („Aufzeichnungen aus einem Irrenhaus“), der aber erst fast drei Jahrzehnte nach ihrem Tod veröffentlicht wurde.

1937 starb ihr Vater, im Jahr darauf ihre Mutter. 1937 sprach Christine einen Mann an, der auf der Straße malte. Es handelte sich um Josef Benedikt Habernig, einen geschiedenen, um 36 Jahre älteren Kunstmaler, den sie am 22. April 1939 heiratete. Sie erwähnte später, sie habe ihn „aus Sorge“ und „aus Mitleid“ geheiratet. Das Künstlerpaar wohnte in St. Stefan im Lavanttal – in ärmlichen Verhältnissen und von den Bewohnern eher argwöhnisch angesehen.

Josef Habernig wird heute fast ausschließlich im Zusammenhang mit Christine Lavant erwähnt. Aber er war ein bedeutender Landschaftsmaler in Kärnten. Er wurde 1879 am elterlichen Straußhof in St. Peter bei Klagenfurt geboren, erbte das Gut, verlor aber während der Weltwirtschaftskrise Ende der 1920er-Jahre einen Großteil seines Vermögens. Bei einem Aufenthalt in Südtirol im Jahr 1894 entstanden erste Federzeichnungen und Habernig begann eine Ausbildung im Zeichnen und Malen. Der gewünschte Erfolg als Landschaftsmaler stellte sich allerdings nicht ein. Während der NS-Diktatur gab es mehrere Ausstellungen, bei denen auch Bilder von Habernig gezeigt wurden. Nach 1945 wurde der Maler weitgehend vergessen.

Literarische Karriere

Christine verdiente sich durch Stricken etwas Geld, auch ihre Geschwister unterstützen sie. 1945 begann sie wieder zu schreiben. Als sie einen Gedichtband des Schriftstellers Rainer Maria Rilke „aufgedrängt“ bekam, wie sie in einer „Selbstdarstellung“ schrieb, habe sie ihn zunächst nicht lesen wollen, weil sie dabei nicht stricken habe können. Sie sei aber von den Gedichten so fasziniert gewesen, dass sie selber wieder Gedichte geschrieben habe, erwähnte sie. Einige Gedichte schickte sie an Paula Purtscher, der Frau des Augenarztes Dr. Adolf Purtscher, der sie schon im Krankenhaus Klagenfurt behandelt und ihr literarische Bücher geschenkt hatte, darunter Werke von Goethe und Rilke. Die gebildete Paula Purtscher, mit der Christine ab 1935 Briefe wechselte, schenkte ihr eine Schreibmaschine und sandte ihre Gedichte an die Schriftstellerin Paula Grogger weiter. Diese vermittelte im Mai 1946 ein Treffen mit dem befreundeten Verleger Viktor Kubczak, der in Stuttgart den Brentano-Verlag gegründet hatte.

Unter dem Pseudonym „Christine Lavant“ veröffentlichte der Brentano-Verlag in Stuttgart 1948 ihre Erzählung „Das Kind“ und im Jahr darauf den Gedichtband „Die unvollendete Liebe“ und die Erzählung „Das Krüglein“. Eine Dichterlesung anlässlich der „St. Veiter Kulturtage“ 1950 bedeutete für sie einen großen Erfolg. Dort begegnete sie dem Maler Werner Berg, mit dem sie danach freundschaftlich verbunden war und dem sie Liebesbriefe schrieb. Berg schuf Holzschnitte und Ölbilder mit dem Konterfei Christines. Die Schriftstellerin freundete sich auch mit Gerhard und Maja Lampersberg an, die auf ihrem Tonhof in Maria Saal Schriftsteller, Maler und andere Künstler förderten.

1950 übersiedelte Christine in eine Kleinwohnung im Haus ihrer Freundin Gertrud Lintschnig, die mit ihrem Mann in St. Stefan im Lavanttal eine Gemischtwarenhandlung betrieb. Hier wohnte Christine Lavant mit Unterbrechungen bis zu ihrem Tod.

1952 veröffentlichte der Leykam-Verlag ihren Erzählband „Baruschka“. 1956 erschienen die Erzählung „Die Rosenkugel“ im Brentano-Verlag und der Gedichtband „Die Bettlerschale“ im Otto-Müller-Verlag, Salzburg.

Christine Lavant lernte die Schriftstellerin Nora von Wydenbruck kennen, die ihre Werke „Das Kind“, „Das Krüglein“ und „Aufzeichungen aus dem Irrenhaus“ ins Englische übersetzte. Nora von Wydenbruck verbrachte ihre Kindheit und Jugend im Schloss Meiselberg bei Maria Saal, das ihrer Großmutter Friedericke Gräfin Christalnigg gehörte, die mit Carl Maria Fugger von Babenhausen verheiratet war. Nora heiratete den akademischen Maler Alfons Purtscher, den Bruder des Augenarztes Adolf Purtscher, der Christine behandelt und gefördert hatte. Der Vater von Alfons und Adolf, Othmar Purscher (1852-1927) war einer der berühmtesten Augenärzte Österreichs. Er gründete die erste Augenabteilung am Krankenhaus in Klagenfurt. In seinen Aufzeichnungen beschreibt er als schönsten Lohn seiner Arbeit, dass er die Zahl der Blinden in Kärnten mehr als halbieren konnte.

1959 veröffentlichte der Otto-Müller-Verlag Christine Lavants Gedichtband „Spindel im Mond“ und im Jahr darauf erschien der Gedichtband „Sonnenvogel“ im Horst-Heiderhoff-Verlag, Wülfrath. 1962 folgte mit „Der Pfauenschrei“ ein weiterer Gedichtband im Otto-Müller-Verlag. Im Werk „Wirf ab den Lehm. Gedichte und Erzählungen“, von Wieland Schmied im Grazer Stiasny-Verlag herausgegeben, erschien eine Auswahl ihres literarischen Schaffens. 13 Gedichte von ihr wurden in den „Lyrischen Heften“ veröffentlicht.

1963 erlitt Christines Mann einen Schlaganfall, von dem er sich nicht mehr erholte. Er wurde von seiner Tochter in Klagenfurt gepflegt, da sich Christine Lavant dazu gesundheitlich nicht in der Lage fühlte. Josef Benedikt Habernig starb am 4. Oktober 1964 in Klagenfurt. Sein Sohn aus erster Ehe, Gerhard Josef Habernigg (1918 – 1991), war ebenfalls bildender Künstler.

1966 übersiedelte Christine Lavant nach Klagenfurt, kehrte aber nach einem neuerlichen Krankenhausaufenthalt eineinhalb Jahre später wieder nach St. Stefan zurück. Davor erschien im Bläschke-Verlag, Darmstadt, ihr Gedichtband „Hälfte des Herzens“. 1969 veröffentlichte der Otto-Müller-Verlag frühere Erzählungen im Band „Nell“. Ab 1970 musste Christine Lavant mehrmals ins Krankenhaus. Am 7. Juni 1973 starb die Schriftstellerin im Krankenhaus Wolfsberg an den Folgen eines Schlaganfalls.

Auszeichnungen

Christine Lavant wurde für ihr literarisches Wirken mehrfach ausgezeichnet. 1954 wurde ihr der Georg-Trakl-Preis für Lyrik zuerkannt, 1956 erhielt sie den 2. Preis im Lyrik-Wettbewerb der „Neuen Deutschen Hefte“ und 1961 folgte der staatliche Förderungspreis für Lyrik. 1964 erhielt sie neuerlich den Georg-Trakl-Preis für Lyrik sowie den Anton-Wildgans-Preis und 1970 wurde sie mit dem großen österreichischen Staatspreis für Literatur ausgezeichnet.

Werner Sabitzer

Quellen:

Glaser, Inge: Christine Lavant – Eine Spurensuche. Edition Praesens, Wien, 2005.

Granati, Herta K.: Josef Benedikt Habernig. 1879-1964. Carinthia Verlag, Klagenfurt, 1985.

Kraigher, Helga: Josef Benedikt Habernig – ein vergessener Kärntner Künstler. In: Die Brücke. Kärntner Kulturzeitschrift. Heft 4, 1982, S. 61-65.

Lübbe-Grothues, Grete: Lavant, Christine, geborene Thonhauser; in: Neue Deutsche Biographie 13 (1982), S. 744. Onlinefassung: http://www.deutsche-biographie.de/ppn118570285.html

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Mai 31, 2015 - Posted by | Uncategorized

1 Kommentar »

  1. Sehr gut und anschaulich gestaltet, danke

    Kommentar von Walter Wohlfahrt | Juni 2, 2015 | Antwort


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