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Der Diebstahl der Magdalenenscheibe

Die Magdalenenscheibe aus Weitensfeld im Gurktal stammt aus dem 12. Jahrhundert und ist das zweitälteste Glasgemälde Europas. 1931 wurde das wertvolle Kunstwerk gestohlen.

Karl Hauser, Pfarrer in Weitensfeld im Gurktal, informierte am 12. Jänner 1931 die Gendarmerie, dass die kostbare Magdalenenscheibe aus der Filialkirche St. Magdalen gestohlen worden war. Es handelt sich um eine der wertvollsten Glasmalereien in Europa.

Magdalenenscheibe_ws.jpg

Magdalenen-scheibe 

Das um 1170 entstandene und vermutlich aus Salzburg stammende Kunstwerk ist 58 Zentimeter hoch und 13 Zentimeter breit und stellt Maria Magdalena dar – mit Salbgefäß und einem vergoldeten Weihrauchgefäß, wie es zur Zeit der Entstehung der Scheibe verwendet wurde. Es handelt sich um das älteste Glasgemälde Österreichs und um die zweitälteste erhaltene Glasmalerei im deutschsprachigen Raum; älter sind nur die Prophetenscheiben im Augsburger Dom, die um 1135 bemalt wurden.

 

Erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde das Alter und der Wert der romanischen Scheibe bekannt; der Kunsthistoriker Max Dvorak beschrieb 1912 das Kunstwerk erstmals in einer Publikation. Der Wert der Scheibe wurde auf bis zu 100.000 Schilling geschätzt; nach heutiger Kaufkraft mehrere Hunderttausend Euro.

Kärntens Diözesankonservator Dr. Eduard Mahlknecht schrieb über die Magdalenenscheibe: „Der mittelalterlichen Ästhetik entsprechend kommt allen Farbwerten neben der kompositorischen eine symbolische Bedeutung zu: das Rot, das hier als Weinrot (am Schleier, an den breiten Bordüren) vertreten ist, gilt als Sinnbild der Liebe und des Märtyrertodes, das Geld als Sinnbild der Transzendenz und des göttlichen Lichtes, Grün (am Mantel) als Sinnbild der Hoffnung. Eine besonders akzentuierte Sinnbildlichkeit kennzeichnet hierbei das auf eine einzige Stelle konzentrierte Violett des Salbgefäßes: denn dieses stellt die Farbe des Überganges vom Leben zum Tod und vom Tod zum Leben dar und gibt zudem einen deutlichen Hinweis auf die Salbung Christi durch Magdalena, wobei dieser Hinweis auf das Begräbnisritual, als Vorbereitung auf die Auferstehung, durch das von der heiligen gehaltene Weihrauchfass noch verstärkt wird.“

Nachdem bekannt geworden war, wie wertvoll die Magdalenenscheibe ist, wandten sich auch einige Kunsthändler an den Weitensfelder Pfarrer, in der Hoffnung, dieser würde das Kunstwerk günstig verkaufen. Einer der Interessenten war der Wiener Kunst- und Antiquitätenhändler Adolf Bauer.

Pfarrer unschuldig in U-Haft

Der Diebstahlsverdacht richtete sich zunächst gegen Pfarrer Hauser, der in Teilen der Pfarrgemeinde unbeliebt war. Er war ab 1. Februar 1913 Pfarrer in Weitensfeld und gehörte für die Christlich-soziale Partei der Gemeindevertretung an. Am 15. Mai 1932 verließ er Weitensfeld und wurde Pfarrer in Raibl bei Tarvis.

Hauser verbrachte einige Tage in Untersuchungshaft, bis sich seine Unschuld herausstellte. Ein Kunsthändler aus Wollanig, der wegen Diebstählen aus Kirchen amtsbekannt war, führte die Ermittler auf die richtige Spur: Der Villacher Fotograf Friedrich Dostler hätte ihn ersucht, die Magdalenenscheibe in Weitensfeld zu stehlen und ihm dafür 1.500 Schilling versprochen. Dostler hätte ihm Auftrag des Antiquitätenhändlers Adolf Bauer gehandelt, der ihm einen „Vorschuss“ gegeben hätte. Der Fotograf hatte vor dem Diebstahl den Weitensfelder Pfarrer gebeten, das Glaskunstwerk fotografieren zu dürfen. Ein Kunsthändler hatte zudem Bauer mit dem Pfarrer zusammengebracht, um über einen eventuellen Verkauf der Magdalenenscheibe zu verhandeln. Die Gendarmen verhafteten Dostler und in Wien wurde der vermutliche Auftraggeber Adolf Bauer festgenommen, genannt „Monokelbauer“.

Bauer gab an, Dostler ersucht zu haben, ihm das Glasgemälde zu „bringen“, aber nicht zu „stehlen“. Dostler gestand, die mit Bleistreben eingefasste Scheibe Mitte Dezember 1930 aus der Fensternische herausgeschnitten und Bauer gegeben zu haben. Dostler und Bauer brachten die Magdalenenscheibe nach München. Bauer rief einen Studenten in Berlin an, der das Kunstwerk in München abholte und nach Berlin brachte, wo die Scheibenteile durch Zufall im Besitz von Christina Bondy-Bey, der Frau eines Generalkonsuls, sichergestellt wurden.

Kerkerstrafen

Friedrich Dostler wurde im Jänner 1932 im Landesgericht Klagenfurt wegen des Diebstahls der Magdalenenscheibe sowie einer Marienstatue aus der Kirche in Seltschach zu einem Jahr schweren Kerkers verurteilt. Der Auftraggeber Adolf Bauer erhielt eine fünfmonatige Kerkerstrafe. Der Student wurde freigesprochen. Er konnte glaubhaft versichern, dass er nicht gewusst habe, dass die Glasmalerei gestohlen worden war.

Magdalenenkirchlein 1

Magdalenenkirchlein in Weitensfeld

Die Magdalenenscheibe wurde nach dem Wiederauffinden restauriert und kam 1931 in das Diözesanmuseum in Klagenfurt. Im Magdalenenkirchlein befindet sich ein Duplikat.

Seit 2014 kann das romanische Kunstwerk in der „Schatzkammer“ im Gurker Propsthof besichtigt werden, in der die sakrale Schätze des 2012 geschlossenen Klagenfurter Diözesanmuseums ausgestellt sind.

Werner Sabitzer

 

 

Quellen/Literatur:

Dehio – Handbuch: Die Kunstdenkmäler Österreichs – Kärnten. 3. Auflage, Wien, 2001.

Frodl, Walter: Glasmalerei in Kärnten (1150 – 1500), Wien, 1950.

Mahlknecht, Eduard: Die Magdalenenscheibe aus St. Magdalena bei Weitensfeld um 1170; in: Geschichtsverein für Kärnten, Programm – Erstes Halbjahr 2007, S 11.

Sabitzer, Werner: Land der Hemma. Das Gurktal: Geschichte und Geschichten, Styria Verlag, Wien/Graz/Klagenfurt, 2013.

 

 

 

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Oktober 29, 2017 - Posted by | Uncategorized

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