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Schulstreik in Kraßnitz 1922

Im April 1922 weigerten sich Bauern in Kraßnitz im Gurktal, ihre Kinder in die Volksschule zu schicken. Der Grund: Der neue Lehrer war ein Sozialdemokrat.

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Ehemaliges Volksschulgebäude im Bergdorf Kraßnitz im Gurktal (Foto: Werner Sabitzer)

Es ist wohl der Alptraum eines jeden Dorfschullehrers: Es ist Unterricht und keiner geht hin. Genau das ist in der Zwischenkriegszeit in der einklassigen Volksschule in Kraßnitz in der Gemeinde Straßburg im Gurktal passiert.

Der Schulstreik begann am 21. April 1922. Die bäuerlichen Eltern verboten ihren Kindern, in die Schule zu gehen. Der Landbund, eine deutschnationale Bauernpartei, unterstützte dieses Vorgehen. Kein einziges Kind tauchte zu Unterrichtsbeginn im Klassenzimmer auf.

Der Grund für diese außergewöhnliche Handlung lag beim neuen Lehrer Hans Pettauer. Er war Sozialdemokrat und Oppositionsführer in der Straßburger Gemeindevertretung. Pettauer sorgte für seine angeblichen „sozialistischen Erziehungsmethoden“ in der bäuerlichen Bevölkerung für Unruhe und Zorn. Dem Lehrer wurde vorgeworfen, er habe in den Klassen „Schülerräte“ gewählt, die unter anderem am Schluss der Stunde beantragt hätten, welche Strafe jene Schüler erhalten sollten, die den Unterricht gestört hatten. Noch dazu habe er den Schülern ein Mitspracherecht eingeräumt, welche Unterrichtsfächer vorgetragen werden sollten. Pettauer habe außerdem den Kindern zu Ostern und zu anderen kirchlichen Festen erzählt, dass die Geschichten vom „auferstandenen Heiland“, von der „unbefleckten Empfängnis“ und von anderen unumstößlichen katholischen „Wahrheiten“ nicht stimmten. Außerdem sei in der Schule nicht mehr gebetet worden.

Einige Väter wandten sich an den Landesschulrat, aber ihre Beschwerden blieben erfolglos. Vorsitzender im Landesschulrat war der konfessionslose sozialdemokratische Landeshauptmann Florian Gröger. Die Sozialdemokratische Arbeiterpartei (SDAP) hatte nach dem Ersten Weltkrieg aufgrund der Armut, Verschuldung, Perspektivlosigkeit und der hohen Arbeitslosigkeit rasch an Mitgliedern und Stimmen bei Wahlen gewonnen. Die teilweise Ablehnung traditioneller gesellschaftlicher Strukturen führte zu Konflikten mit konservativen Bewohnern in ländlichen Regionen.

Das Ende des Schulstreiks

Nach einigen Streikwochen versammelte sich am 1. Juni 1922 in Weitensfeld die Lehrerschaft des Vereines „Gurktal“. Die Lehrer solidarisierten sich mit ihrem Kraßnitzer Kollegen und verfassten eine Entschließung, in der sie den Schulstreik auf der Kraßnitz „auf das Entschiedenste“ verurteilten. Die Lehrer verwahrten sich gegen „die Schädigung einer Lehrperson wegen seiner politischen Gesinnung und Weltanschauung in seiner Amtsstellung“ und verlangten, dass „die Angelegenheit in Kraßnitz eine Herrn Schulleiter Hans Pettauer vollkommen gerecht werdende eheste Erledigung finden soll. Die Behörde wird mit allem Nachdruck aufgefordert, in einem Wiederholungsfalle mit voller Nackensteife das Recht des Lehrers zu wahren.“

Die Lage in Kraßnitz beruhigte sich erst, nachdem Hans Pettauer im Juli 1922 nach Arnoldstein versetzt worden war. In einem Kommentar in der Zeitung „Arbeiterwille“ vom 1. August 1922, heißt es, Pettauer habe „nur mit aller Vorsicht Anlehnung an die Schulreform gesucht und nicht im entferntesten eine Ungesetzlichkeit begangen. Doch die Finsterlinge wollen nicht, daß ihre Kinder gescheiter werden, als sie selber sind, und jeder Lichtstrahl der neuen Zeit soll mit Kutten gebannt werden.“

Hans Pettauer wurde im September 1924 in Arnoldstein Obmann des Arbeiter-Turn-, -Spiel- und -Sportvereins „Freie Turnerschaft“. Am 8. Mai 1925 stellte er im Gemeindeamt den Antrag, den Religionsunterricht in den Schulen abzuschaffen.

Schulstreik in Pisweg

Ein Jahr nach dem Schulstreik in Kraßnitz kam es in Pisweg zu einer ähnlichen Aktion. Am Ostermontag im April 1923 rief der Ortsschulrat durch den Ortspfarrer einen Schulstreik aus. Der Streik richtete sich gegen die Lehrerin Maria Rosenzopf, die in der zweiten Klasse unterrichtete. Sie war – mit Unterbrechungen – seit 1. Juli 1917 in der Pisweger Schule, galt als gute Lehrerin und wurde von den Bewohnern geschätzt. Weil sie sich aber weigerte, am Sonntag die Messe zu besuchen und auch nicht mehr beichten ging, wollten die Pisweger sie mit dem Streik wieder „katholisch“ machen. Der Schulstreik in Pisweg wurde nach zwei Tagen vom Bezirksschulrat per Machtwort beendet. Schon 1919 hatte es in Pisweg einen Schulstreik gegeben.

Volksschule Kraßnitz

Das heute noch bestehende Volksschulgebäude in Kraßnitz wurde 1925 errichtet, drei Jahre nach dem Schulstreik. Erster Lehrer nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs war Stefan Knafl, der unter den Schülern wegen seiner schlagkräftigen Erziehungsmethoden gefürchtet war. Knafl wurde Landtagsabgeordneter, 1973 Landesrat und 1979 stellvertretender Landeshauptmann. Von 1993 bis zu seinem Tod 2005 war er Obmann des Österreichischen Seniorenbundes. Auf Knafl folgte 1950 Wilhelm Sabitzer als Lehrer in Kraßnitz. Er leitete die Schule bis 1967 und engagierte sich für die Weiterentwicklung des Dorfes. Unter anderem war er Obmann des Sängerbundes Kraßnitz und er verfasste Mundartgedichte.

1953 wurde die erste Telefonleitung von Straßburg nach Kraßnitz errichtet. Die öffentliche Telefonsprechstelle war beim Kraßnitzer Wirt. Im Dezember 1955 wurde ein E-Werk in Betrieb genommen, sodass es im Ort und auch in der Schule erstmals elektrisches Licht gab. Erst im April 1955 baute man eine Wasserleitung für das ganze Dorf; Leitungen wurden auch in das Mesnerhaus und in die Volksschule gelegt, sodass der Schulbrunnen vor dem Haus nicht mehr notwendig war. Das Bergdorf hätte schon viel früher mit Strom, Telefon und einer gemeinsamen Wasserleitung versorgt werden können. Aber einige streitbare Kraßnitzer Bauern wären sich nicht einig geworden, wie Schuldirektor Wilhelm Sabitzer in der Schulchronik vermerkte. Im Juni 1967 fuhr erstmals ein Autobus die enge und schlechte Straße nach Kraßnitz hinauf, um Kinder zu einem Schulausflug abzuholen.

Mit dem Rückgang der Zahl der Kinder verlor die Volksschule Kraßnitz an Bedeutung. Zu Beginn des neuen Jahrtausends wurde sie kurze Zeit noch als Expositur der Volksschule Straßburg weitergeführt und schließlich aufgelassen.

Einklassige Volksschulen mit nur einem Lehrer gab es auch in den Gurktaler Bergdörfern Hausdorf, St. Jakob und Gunzenberg. Der jeweilige Schulleiter war nicht nur für den Unterricht, sondern auch für Reparaturen, die Brennholzbeschaffung und andere Tätigkeiten zuständig. Die Schließung der seit 1869 bestehenden Volksschule in Pisweg konnte verhindert werden, hier wird voraussichtlich noch bis 2021 unterrichtet; seit 1995 ist sie eine Expositur von Gurk.

Werner Sabitzer

(Beitrag erschienen in: Weitensfelder Kulturbote, Nr. 4/2017, S. 4-5)

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Dezember 20, 2017 Posted by | Uncategorized | 2 Kommentare