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Eine Kirche in der „Höll“

Die Kirche St. Leonhard in Höllein im Gurktal stammt aus dem 11. Jahrhundert. Hier befand sich im Mittelalter eine Knappensiedlung. Aus der Kirche stammt das wertvolle „Hölleiner Kruzifix“.

 

Unter dem Almgehöft vlg. „Fåsch in der Höll“ in Höllein bei Gundersdorf befindet sich eine kleine Kirche, die dem heiligen Leonhard geweiht ist. Das ursprünglich auch dem heiligen Lorenz geweihte Gotteshaus wurde im 11. Jahrhundert errichtet, aber erst 1404 erstmals urkundlich erwähnt.

Im Hochmittelalter wurde im Hölleiner Gebiet Silber abgebaut und hier befand sich eine schon 1045 urkundlich erwähnte Knappensiedlung. In einer Urkunde von 1513 wird der Ort „Dehelen“ genannt.

Als sich Kaiser Friedrich II. Barbarossa 1170 in Friesach aufhielt, überließ er Bischof Roman I. von Gurk den Besitz der Erzgruben in Höllein und von anderen Bergwerken auf Gurker Boden, die bis dahin dem Erzbistum Salzburg vorbehalten waren. Roman I. war der bedeutendste Gurker Bischof im Hochmittelalter. Er begann mit dem Bau des Gurker Doms und ließ die Straßburg errichten. Er gilt auch als Erbauer der Burg Pöckstein, von der heute keine Reste mehr zu sehen sind.

Die Leonhardskirche war früher eine Filialkirche von Friesach. Im Jahr 1780 wurde beantragt, in Höllein eine eigene Kuratie zu errichten. Die ehemalige Pfarrkirche am Petersberg hätte dazu mit einer höheren Geldsumme beitragen sollen. Da es aber zu wenig und weit verstreute Bewohner für die neu zu errichtende Seelsorgestation gab, kam es nicht dazu.

Die Kirche wurde 1993/94 renoviert und danach neu geweiht. Früher gab es auch einen jährlichen Kirchtag beim „Fåsch in der Höll“ der Landwirtsfamilie Mitterdorfer.

Kette um die Kirche

Eine Besonderheit der Leonhardskirche ist eine geschmiedete Kette, mit der Kirche umzogen ist – die sogenannte „Leonhardskette“. Der Sage nach soll diese Kette nach dem Türkeneinfall in das Gurktal von 1478 geschmiedet worden sein – als Folge eines Gelübdes und als Dank, dass der Ort von den Eindringlingen verschont worden sei. Der breite Vorhallenturm dürfte aus dem 14. Jahrhundert stammen und der hölzerne Aufbau ist jüngeren Datums.

Hölleiner Kruzifix

Aus der Kirche stammt eines der bedeutendsten romanischen Sakralkunstwerke Österreichs – das „Hölleiner Kruzifix“ von 1170/80, ein „Vier-Nagel-Typus“. Die Beine des Gekreuzigten sind nebeneinander ans Kreuz geschlagen. Ursprünglich war eine Fußstütze (Suppedaneum) vorhanden. Das knapp ein Meter hohe Kruzifix ist das einzige erhaltene romanische „Großkreuz“ Kärntens. Das schlichte, aber wertvolle Holzkreuz aus der Hölleiner Kirche ist in der „Schatzkammer Gurk“ im Propsthof in Gurk ausgestellt.

Werner Sabitzer

Quellen/Literatur:

Biedermann, Gottfried: Romanik in Kärnten. Reihe: Die Kunstgeschichte Kärntens, hg. von Gottfried Biedermann und Barbara Kienzl. Universitätsverlag Carinthia, Klagenfurt, 1994.

Dehio – Handbuch: Die Kunstdenkmäler Österreichs – Kärnten. 3. Auflage, Wien 2001.

Sabitzer Werner: Land der Hemma. Das Gurktal: Geschichte und Geschichten. Styria Verlag, Wien/Graz/Klagenfurt, 2013.

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November 19, 2017 Posted by | Uncategorized | Hinterlasse einen Kommentar

Der Diebstahl der Magdalenenscheibe

Die Magdalenenscheibe aus Weitensfeld im Gurktal stammt aus dem 12. Jahrhundert und ist das zweitälteste Glasgemälde Europas. 1931 wurde das wertvolle Kunstwerk gestohlen.

Karl Hauser, Pfarrer in Weitensfeld im Gurktal, informierte am 12. Jänner 1931 die Gendarmerie, dass die kostbare Magdalenenscheibe aus der Filialkirche St. Magdalen gestohlen worden war. Es handelt sich um eine der wertvollsten Glasmalereien in Europa.

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Magdalenen-scheibe 

Das um 1170 entstandene und vermutlich aus Salzburg stammende Kunstwerk ist 58 Zentimeter hoch und 13 Zentimeter breit und stellt Maria Magdalena dar – mit Salbgefäß und einem vergoldeten Weihrauchgefäß, wie es zur Zeit der Entstehung der Scheibe verwendet wurde. Es handelt sich um das älteste Glasgemälde Österreichs und um die zweitälteste erhaltene Glasmalerei im deutschsprachigen Raum; älter sind nur die Prophetenscheiben im Augsburger Dom, die um 1135 bemalt wurden.

 

Erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde das Alter und der Wert der romanischen Scheibe bekannt; der Kunsthistoriker Max Dvorak beschrieb 1912 das Kunstwerk erstmals in einer Publikation. Der Wert der Scheibe wurde auf bis zu 100.000 Schilling geschätzt; nach heutiger Kaufkraft mehrere Hunderttausend Euro.

Kärntens Diözesankonservator Dr. Eduard Mahlknecht schrieb über die Magdalenenscheibe: „Der mittelalterlichen Ästhetik entsprechend kommt allen Farbwerten neben der kompositorischen eine symbolische Bedeutung zu: das Rot, das hier als Weinrot (am Schleier, an den breiten Bordüren) vertreten ist, gilt als Sinnbild der Liebe und des Märtyrertodes, das Geld als Sinnbild der Transzendenz und des göttlichen Lichtes, Grün (am Mantel) als Sinnbild der Hoffnung. Eine besonders akzentuierte Sinnbildlichkeit kennzeichnet hierbei das auf eine einzige Stelle konzentrierte Violett des Salbgefäßes: denn dieses stellt die Farbe des Überganges vom Leben zum Tod und vom Tod zum Leben dar und gibt zudem einen deutlichen Hinweis auf die Salbung Christi durch Magdalena, wobei dieser Hinweis auf das Begräbnisritual, als Vorbereitung auf die Auferstehung, durch das von der heiligen gehaltene Weihrauchfass noch verstärkt wird.“

Nachdem bekannt geworden war, wie wertvoll die Magdalenenscheibe ist, wandten sich auch einige Kunsthändler an den Weitensfelder Pfarrer, in der Hoffnung, dieser würde das Kunstwerk günstig verkaufen. Einer der Interessenten war der Wiener Kunst- und Antiquitätenhändler Adolf Bauer.

Pfarrer unschuldig in U-Haft

Der Diebstahlsverdacht richtete sich zunächst gegen Pfarrer Hauser, der in Teilen der Pfarrgemeinde unbeliebt war. Er war ab 1. Februar 1913 Pfarrer in Weitensfeld und gehörte für die Christlich-soziale Partei der Gemeindevertretung an. Am 15. Mai 1932 verließ er Weitensfeld und wurde Pfarrer in Raibl bei Tarvis.

Hauser verbrachte einige Tage in Untersuchungshaft, bis sich seine Unschuld herausstellte. Ein Kunsthändler aus Wollanig, der wegen Diebstählen aus Kirchen amtsbekannt war, führte die Ermittler auf die richtige Spur: Der Villacher Fotograf Friedrich Dostler hätte ihn ersucht, die Magdalenenscheibe in Weitensfeld zu stehlen und ihm dafür 1.500 Schilling versprochen. Dostler hätte ihm Auftrag des Antiquitätenhändlers Adolf Bauer gehandelt, der ihm einen „Vorschuss“ gegeben hätte. Der Fotograf hatte vor dem Diebstahl den Weitensfelder Pfarrer gebeten, das Glaskunstwerk fotografieren zu dürfen. Ein Kunsthändler hatte zudem Bauer mit dem Pfarrer zusammengebracht, um über einen eventuellen Verkauf der Magdalenenscheibe zu verhandeln. Die Gendarmen verhafteten Dostler und in Wien wurde der vermutliche Auftraggeber Adolf Bauer festgenommen, genannt „Monokelbauer“.

Bauer gab an, Dostler ersucht zu haben, ihm das Glasgemälde zu „bringen“, aber nicht zu „stehlen“. Dostler gestand, die mit Bleistreben eingefasste Scheibe Mitte Dezember 1930 aus der Fensternische herausgeschnitten und Bauer gegeben zu haben. Dostler und Bauer brachten die Magdalenenscheibe nach München. Bauer rief einen Studenten in Berlin an, der das Kunstwerk in München abholte und nach Berlin brachte, wo die Scheibenteile durch Zufall im Besitz von Christina Bondy-Bey, der Frau eines Generalkonsuls, sichergestellt wurden.

Kerkerstrafen

Friedrich Dostler wurde im Jänner 1932 im Landesgericht Klagenfurt wegen des Diebstahls der Magdalenenscheibe sowie einer Marienstatue aus der Kirche in Seltschach zu einem Jahr schweren Kerkers verurteilt. Der Auftraggeber Adolf Bauer erhielt eine fünfmonatige Kerkerstrafe. Der Student wurde freigesprochen. Er konnte glaubhaft versichern, dass er nicht gewusst habe, dass die Glasmalerei gestohlen worden war.

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Magdalenenkirchlein in Weitensfeld

Die Magdalenenscheibe wurde nach dem Wiederauffinden restauriert und kam 1931 in das Diözesanmuseum in Klagenfurt. Im Magdalenenkirchlein befindet sich ein Duplikat.

Seit 2014 kann das romanische Kunstwerk in der „Schatzkammer“ im Gurker Propsthof besichtigt werden, in der die sakrale Schätze des 2012 geschlossenen Klagenfurter Diözesanmuseums ausgestellt sind.

Werner Sabitzer

 

 

Quellen/Literatur:

Dehio – Handbuch: Die Kunstdenkmäler Österreichs – Kärnten. 3. Auflage, Wien, 2001.

Frodl, Walter: Glasmalerei in Kärnten (1150 – 1500), Wien, 1950.

Mahlknecht, Eduard: Die Magdalenenscheibe aus St. Magdalena bei Weitensfeld um 1170; in: Geschichtsverein für Kärnten, Programm – Erstes Halbjahr 2007, S 11.

Sabitzer, Werner: Land der Hemma. Das Gurktal: Geschichte und Geschichten, Styria Verlag, Wien/Graz/Klagenfurt, 2013.

 

 

 

Oktober 29, 2017 Posted by | Uncategorized | Hinterlasse einen Kommentar

Neues Leben auf Burg Taggenbrunn

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Alfred Riedls Weingut: Andre Hellers „Weinhexe“ unter der Ruine Taggenbrunn.

Die Ruine Taggenbrunn, einst mächtige Burg der Salzburger Fürsterzbischöfe, ist nach der Neugestaltung des Burgbergs ein Wahrzeichen im Raum St. Veit an der Glan geworden.

Auf einem felsigen Hügel östlich von St. Veit an der Glan befindet sich die Burgruine Taggenbrunn. Aus dem verbliebenen Mauerwerk lässt sich erahnen, dass es sich um eine mächtige Festung handelte. Taggenbrunn zählte im Spätmittelalter und in der beginnenden Neuzeit zu den bedeutendsten Burgen im Herzogtum Kärnten.

Die Burg steht auf historischem Boden: Auf dem Felshügel befand sich im 6. Jahrhundert vor Christus eine keltische Siedlung. Auch die Römer siedelten auf dem Berg.

Taggenbrunn befand sich im Besitz des Erzstiftes Salzburg, das in Kärnten mehrere Besitzungen hatte, darunter die Herrschaften Friesach, Hüttenberg, Althofen und Maria Saal. Die Besitzungen Salzburgs in Kärnten gehen auf eine Schenkung des ostfränkischen Königs Ludwig II. („der Deutsche“) im Jahr 860 zurück. Die Kirche St. Peter in der Nähe der Burg wurde im Mai 927 urkundlich erwähnt. St. Peter bei Taggenbrunn zählt somit zu den ältesten Pfarrkirchen Kärntens.

Die Burg Taggenbrunn wurde im ersten Drittel des 12. Jahrhunderts errichtet. Die Salzburger Erzbischöfe hatten die Burg (Hoch-)Osterwitz während des Investiturstreits durch „Vergessen des Lehensbandes“ an den Herzog von Kärnten verloren und wollten einen neuen Verwaltungsstützpunkt in der Nähe der Herzogstadt St. Veit an der Glan errichten. Erbauer war der salzburgische Ministeriale Tageno (Tagenus) von Pongau, der von der neuen Burg aus die Herrschaft verwaltete und sich „von Taggenbrunn“ nannte. Die Burg wurde 1157 als „Castrum Takenbrunne“ erstmals urkundlich erwähnt. Ein „Rahuinus de Takkenbrunnen“ scheint in einer Urkunde aus 1142 auf. Im 12. Jahrhundert erwähnt wurden auch Rudgerus und Otto von Taggenbrunn. Tagenos Nachfahren hatten die Burg bis zum Aussterben der Familie im Jahr 1240 als Lehen inne, danach verwalteten verschiedene salzburgische Pfleger, Vögte und Burggrafen die Herrschaft Taggenbrunn. Der erste war Engelbert(us) Buzzo (Puzzo). Er stammte aus einer Ministerialenfamilie, die für die Gurker Bischöfe die Burg Straßburg verwaltete. Der Name geht auf ihren Stammsitz, dem Putzenhof unter der Burg Straßburg zurück. Die Buzzonen starben im 14. Jahrhundert aus.

Zerstörungen der Burg

Im Jahr 1258 wurde die Burg Taggenbrunn im Zuge der Auseinandersetzungen zwischen dem erwählten Bischof von Salzburg, Philipp II. von Spanheim, und Bischof Ulrich von Seckau stark beschädigt. Philipps Bruder, Herzog Ulrich III. von Kärnten, hatte die Burg eingenommen. Im Frieden von St. Radegund 1268 erhielt der Salzburger Erzbischof Wladislaus von Schlesien die Burg wieder zurück. Erzbischof Wladislaus ließ die Schäden beheben und die Burg ausbauen.

Ein knappes Vierteljahrhundert später kam es zur nächsten Zerstörung der Burg. Nach dem Tod König Rudolfs I. von Habsburg lehnten sich Kärntner und steirische Adelige mit Unterstützung des Erzbischofs von Salzburg und des Bistums Bamberg im Jahr 1292 gegen den Landesfürsten aus dem Haus Görz-Tirol auf, angeführt vom mächtigen Kärntner Graf Ulrich von Heunburg. Die Aufständischen überfielen die Herzogstadt St. Veit und nahmen Ludwig, den Sohn des Landesfürsten Meinhard von Görz-Tirol gefangen. Meinhard hatte St. Veit als Herzogssitz bestimmt und seinen Sohn nach Kärnten geschickt. Ludwig wurde nach seiner Gefangennahme auf der Burg Taggenbrunn festgehalten. Als sich herzogliche Truppen Kärnten näherten, wurde Ludwig von Görz-Tirol auf die Burg (Hohen-)Werfen in Salzburg gebracht, die dem Erzbistum Salzburg gehörte. Der salzburgische Pfleger auf Taggenbrunn ließ die Burg in Brand setzen und flüchtete nach Salzburg. Der Adelsaufstand wurde 1293 niedergeschlagen.

Als 1308 Otto III. von Liechtenstein-Murau Landeshauptmann von Kärnten wurde, erhielt er vom Erzbischof von Salzburg die Erlaubnis, auf Taggenbrunn zu residieren. Das Herzogtum Kärnten wurde nun bis zu zum Tod Ottos im Jahr 1211 von der Burg Taggenbrunn aus verwaltet.

Um 1354 war die Burg offenbar Lehen der Grafen Pfannberg. In diesem Jahr ließ sich Salzburgs Erzbischof Ortolf eine Bestätigung des Grafen Zacharias von Hohenrain ausstellen, derzufolge das Erzbistum Salzburg die Herrschaft Taggenbrunn nach dem Aussterben der Pfannberger wieder zurückbekommen werde. Von den Pfannbergern dürfte Taggenbrunn an die verschwägerte Grafenfamilie Montfort übergegangen sein, die es bis 1460 als Lehen innehatten.

Bei den drei Türkeneinfällen 1473, 1475 und 1478 diente die Burg als Fluchtort für die Bevölkerung. Die Türken verzichteten bei ihren Raubzügen auf die Belagerung und Erstürmung Taggenbrunns.

1480 drangen während der kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen Kaiser Friedrich III. und Matthias Corvinus ungarische Truppen mit Unterstützung des Salzburger Erzbischofs in Kärnten ein. Der Erzbischof hatte ihnen 1479 die Burg Taggenbrunn als Stützpunkt zur Verfügung gestellt. Kaiserliche und Kärntner Truppen eroberten daraufhin die Burg und zerstörten sie. 1482 dankte Erzbischof Bernhard von Rohr ab, der Streit um Taggenbrunn ging weiter. 1485 versuchte der Hauspfleger von Taggenbrunn, Albrecht, ein unehelicher Sohn des letzten Burgschenken von Osterwitz, Burg Hochosterwitz an sich zu reisen, es misslang ihm und er wurde in St. Veit an der Glan geköpft.

1490 verließen die ungarischen Besatzer das Herzogtum Kärnten. Nach dem Ende der Auseinandersetzungen mit den Ungarn waren die Salzburger Besitzungen in Kärnten und in der Steiermark weitgehend zerstört oder beschädigt. Maximilian I., Sohn und Nachfolger des Kaisers Friedrich III., gab Taggenbrunn 1494 wieder dem Erzbistum Salzburg zurück.

Burgausbau unter Leonhard von Keutschach

Einen Aufschwung erfuhr die Herrschaft Taggenbrunn unter dem Salzburger Erzbischof Leonhard von Keutschach. Er ließ die Burg zwischen 1497 und 1503 ausbauen und aufwändig befestigen – mit mächtigen Mauern und drei Rundtürmen für Geschütze. Er stattete die Burg prachtvoll aus und ließ unterhalb der Burg das Marhaus, das Pfleghaus und einen dreigeschoßigen Schüttkasten (Getreidespeicher) errichten. Am Schüttkasten befindet sich ein Wappenstein mit der Jahreszahl 1503. Leonhard von Keutschach ließ auch die Festung Hohensalzburg zu ihrer heutigen Größe ausbauen. Die Herrschaft Taggenbrunn ging in den Pfandbesitz der Neffen des Erzbischofs, Wolfgang II. und Siegmund von Keutschach, über und blieb noch einige Zeit als erzbischöfliches Lehen bei deren Nachfahren.

1688 zeichnete Johann Weichard Valvasor Burg Taggenbrunn von der Nordseite. 1692 verlegte Pfleger Georg Adam von Goldberg den Amtssitz von Taggenbrunn nach Maria Saal. Die Burg war danach nicht mehr ständig bewohnt und verfiel nach und nach. 1770 wurden in der Burgkapelle St. Johannes noch regelmäßig Messen gelesen und der Zustand der Burg wurde als „leidlich“ beschrieben. Ende des 18. Jahrhunderts wurde die bereits beschädigte Burgkapelle säkularisiert und das frühgotische Abendmahlrelief kam nach St. Peter bei Taggenbrunn. Drei Kanonen sowie Gewehre, Rüstungen und Schwerter wurden nach Maria Saal gebracht. Steinerne Tür- und Fensterstöcke und andere Teile der Burg dienten Bewohnern in St. Veit und in der Umgebung als Baumaterial.

Mehrmaliger Besitzerwechsel

Als 1803 durch den Reichsdeputationshauptschluss das Fürsterzbistum Salzburg als souveränes Fürstentum aufgelöst wurde, kamen Taggenbrunn und die anderen salzburgischen Besitzungen zur Habsburg-Monarchie. Etwas mehr als ein halbes Jahrhundert war Taggenbrunn Staatsdomäne. Antonie Edle von Rayer kaufte Taggenbrunn am 16. Dezember 1858 vom k. k. Kameralamt. Ihr Sohn Franz Freiherr von Rayer, ein k. k. Legationssekretär, übernahm im April 1859 die Herrschaft. 1883 erwarb Peter Paulitsch das Gut und verkaufte es noch im selben Jahr an den Großgrundbesitzer und Unternehmer Stefan Kleinszig.

Stefan Kleinszig (Clanscig), geboren am 22. Dezember 1822 in der Nähe von Görz, übersiedelte mit seinem Cousin Johann in den 1840er-Jahren nach Kärnten. Johann errichtete in Twimberg ein Sägewerk und Stefan arbeitete als Landarbeiter in Treffen und später als Holzknecht in Afritz. Mit seiner ersten Frau Anna betrieb er mehrere Kohlenmailer und pachtete einen Bauernhof in Bodensdorf. Für den Eisenbahnbau durch Kärnten lieferte er Lärchenschwellen. Er errichtete in Triest einen Lagerplatz und lieferte Holz in die Mittelmeerländer. Am Südufer des Ossiacher Sees baute er das Hotel „Annenheim“. Als Stefan Kleinszig 1883 das Gut Taggenbrunn kaufte, war er bereits Großgrundbesitzer und besaß Hunderte Hektar Wald, unter anderem in Wolschart und in der Wimitz. Er ließ neben der Ruine Taggenbrunn ein Herrenhaus errichten. Das Gut Taggenbrunn blieb fast 130 Jahre im Besitz der Familie Kleinszig.

Stefan Kleinszig starb am 11. August 1897. Sein Sohn Josef aus der zweiten Ehe, geboren am 4. September 1891 in Taggenbrunn, übernahm das Gut 1919, nachdem er als Oberleutnant aus dem Ersten Weltkrieg zurückgekehrt war. Er starb am 21. Juni 1962. Im Jahr darauf übernahm sein Sohn Ing. Heinz Kleinszig das landtäfliche Gut Taggenbrunn. Er arbeitete in der Bundeswirtschaftskammer in Wien und heiratete 1965 Heidemarie Possek aus der Gemeinde Weitensfeld, eine Nachfahrin des Sensenindustriellen Johann Spitzer in Kleinglödnitz. Heinz Kleinszig begann 1973 mit der Revitalisierung der Ruine. 1975 eröffnete er eine Burgschenke. In der Ruine errichtete er unter anderem Wohnräume und einen Veranstaltungsraum. Nach dem frühen Tod von Heinz Kleinszig wurde es wieder ruhig auf Taggenbrunn. Ab 2003 versuchte Leopold Fasching, der Ruine etwas Leben einzuhauchen.

Weingut Taggenbrunn

Im Jahr 2011 erwarb der bekannte Kärntner Unternehmer Franz Riedl den Burgberg mit der Ruine und den historischen Nebengebäuden. Der Gründer und Inhaber des Uhrenkonzerns „Jacques Lemans“ ließ den Waldbewuchs auf dem Burgberg entfernen und nach aufwändiger Bodenbearbeitung 2014 auf zwölf Hektar 60.000 Weinstöcke pflanzen. Die Ruine ist nun weithin sichtbar und ein neues Wahrzeichen in der Region geworden.

Die Arbeiten auf der Burgruine sind noch im Gang; in den alten Mauern soll unter anderem ein Uhrenmuseum entstehen. Das ehemalige Marhaus, der große Stall aus 1803 und weitere Bauten strahlen im neuen Glanz und der über 500 Jahre alten Getreidespeicher wurde ebenfalls restauriert. Dort gibt es zwei Veranstaltungsräume und im Kreuzgewölbe lagern Weinfässer. Die „Weinresidenz“ mit 40 Zimmern und Suiten und der Heurige werden am 1. Juli 2017 eröffnet. In der Nähe ist ein zwei Hektar großer Skulpturenpark geplant; der Künstler André Heller entwarf die 15 Meter hohe Figur „Zeitgöttin“.

Werner Sabitzer

 

Quellen/Literatur:

Dehio – Handbuch: Die Kunstdenkmäler Österreichs – Kärnten. 3. Auflage, Wien, 2001.

Dopsch, Heinz; Spatzenegger, Hans (Hg.): Geschichte Salzburgs, Stadt und Land. Salzburg, 1988.

Fräss-Ehrfeld, Claudia: Geschichte Kärntens, Band 2. Die ständische Epoche, Klagenfurt, 1994.

Kohla, Franz Xaver; Metnitz, Gustav Adolf v.; Moro, Gotbert: Kärntner Burgenkunde. Ergebnisse und Hinweise in Übersicht. Erster Teil: Kärntens Burgen, Schlösser, Ansitze und wehrhafte Stätten. Ein Beitrag zur Siedlungstopographie. Zweite Auflage. Geschichtsverein für Kärnten, Klagenfurt, 1973.

Kohla, Franz Xaver; Metnitz, Gustav Adolf v.; Moro, Gotbert: Kärntner Burgenkunde. Ergebnisse und Hinweise in Übersicht. Zweiter Teil: Quellen- und Literaturhinweise zur geschichtlichen und rechtlichen Stellung der Burgen, Schlösser und Ansitze in Kärnten sowie ihrer Besitzer. Geschichtsverein für Kärnten, Klagenfurt, 1973.

Kleinszig, Heinz: 1883 – 1983. 100 Jahr Taggenbrunn im Familienbesitz. Dareb Druck, Klagenfurt, 1983.

Sabitzer, Werner: Land der Hemma. Das Gurktal: Geschichte und Geschichten, Styria Verlag, Wien/Graz/Klagenfurt, 2013.

Stejskal, Herbert: Kärnten – Geschichte und Kultur in Bildern und Dokumenten. Von der Urzeit bis zur Gegenwart, Klagenfurt, 1985.

Wiessner, Hermann: Burgen und Schlösser um Wolfsberg, Friesach, St. Veit. Birkenverlag (Kärnten – I ), Wien, 1964.

 

 

Eigentümer von Taggenbrunn

1140: Erzstift Salzburg

1152: Fürsterzbistum Salzburg

1480: Kaiserlicher Besitz

1494: Fürsterzbistum Salzburg

1803: Staat Österreich

1858: Antonie Edle von Rayer

1859: Franz Freiherr von Rayer

1883: Peter Paulitsch

1883: Familie Kleinszig

2011: Alfred Riedl

 

 

 

Oktober 20, 2017 Posted by | Uncategorized | Hinterlasse einen Kommentar

„Rast ich, so rost ich!“

Vor 200 Jahren wurde in Eisentratten Hans Gasser geboren. Er war einer der bedeutendsten Bildhauer des 19. Jahrhunderts in Mitteleuropa.

Die weltberühmte Staatsoper in Wien wird von zwei Monumentalbrunnen begrenzt, die vor 150 Jahren vom Kärntner Bildhauer Hans Gasser geschaffen wurden. Er zählte zu den bedeutendsten Bildhauern des 19. Jahrhunderts in Mitteleuropa. In Wien gibt es weitere Werke der Bildhauerkunst an Gasser, darunter die Kaiserin-Elisabeth-Statue im Westbahnhof, das „Donauweibchen“ im Stadtpark, Statuen im Arsenal und das Grabdenkmal Wolfgang Mozarts auf dem sehenswerten Biedermeier-Friedhof St. Marx. In Kärnten schuf er unter anderem die Christus-Statue in der Lodron-Gruft in Gmünd und das Christalnigg-Grabmonument in St. Michael im Zollfeld.

Kindheit in Eisentratten

Hans Gasser wurde am 2. Oktober 1817 in Eisentratten bei Gmünd geboren, wo sein Vater Jakob Gasser Tischlermeister und Holzschnitzer war. Schon als Volksschüler in Gmünd schnitzte Hans Figuren, unter anderem für Weihnachtskrippen.

Konstantin Graf Lodron-Laterano, Schlossherr in Gmünd, und seine kunstsinnige Frau Aloisia (Luise) förderten den talentierten Burschen. Über Lodrons Vermittlung kam Gasser im Frühjahr 1838 nach Wien, wo er im November 1838 an der Akademie der bildenden Künste zu studieren begann. Zwei seiner vier Brüder wohnten ebenfalls in Wien, bei einem konnte er die erste Zeit wohnen. Über Vermittlung des Fürsten Lobkowitz, Komtur des Deutschen Ordens in Wien, erhielt Gasser freie Unterkunft und ein Atelier in einem Gebäude des Deutschen Ordens in der Singerstraße.

1839 erhielt Gasser den ersten Bildhauerpreis, ein weiterer folgte 1840. Ab 1840 studierte er an der Kunstakademie in München. Er unternahm Studienreisen nach Nürnberg und Regensburg, wo er unter anderem mit dem Bildhauer Ludwig von Schwanthaler und dem Maler Wilhelm von Kaulbach in Kontakt war.

Ab 1846 war Gasser wieder in Wien, wo er unter anderem vom Staatskanzler Klemens Wenzel Fürst Metternich Aufträge erhielt. Von Dezember 1850 bis Oktober 1851 lehrte er an der Akademie der bildenden Künste in Wien. Danach mehrten sich die Aufträge. Gasser wirkte an der Ausstattung der großen Ringstraßenbauten in Wien mit. Er schuf Kunstwerke in Wiener Neustadt, Graz, Budapest, Triest, London, Oxford und in anderen Städten. Im Auftrag des Großherzogs Karl Alexander von Sachsen-Weimar fertigte Gasser in Weimar das Denkmal für den Dichter Christoph Martin Wieland (1733 – 1813). Das Modell entstand 1854 im Wiener Atelier. Die Statue wurde in der königlichen Gießerei in München in Erz gegossen und am 3. September 1857 in Weimar enthüllt. Der Künstler wurde Ehrenbürger der Stadt Weimar. Gasser benützte auch ein Atelier im ehemaligen Palais Thun-Valsassina, in der Rainergasse 22 in Wien-Wieden.

Hans Gasser kaufte ein Grundstück in Wien-Margareten, wo er ein Wohnhaus und ein Atelier errichten ließ. Er sammelte Bilder, Antiquitäten und andere Kunstwerke aus verschiedenen Ländern. Die Sammelleidenschaft führte zu seiner Verschuldung, sodass er einen Teil seiner Kunstsammlung verkaufen musste.

Hans Gasser verletzte sich 1867 bei Steinarbeiten an der rechten Hand. Die Verletzung führte zu einem Wundbrand. Der Künstler zog sich Pest (Budapest) zurück, wo er am 24. April 1868 im 51. Lebensjahr starb. Der Leichnam wurde nach Villach überführt und dort bestattet. Sein Nachlass, darunter über 800 Kunstgegenstände seiner Sammlung, wurde versteigert. Auf dem Hans-Gasser-Platz in Villach wurde ihm zu Ehren 1870 eine Statue des Katschtaler Bildhauers und Gasser-Schülers Josef Messner aufgestellt. In Wien erinnert die Gassergasse im 5. Bezirk und eine Replik der Villacher Gasser-Statue am Margaretengürtel 18 an den großen Künstler aus Kärnten. Hans Gassers Wahlspruch war: „Rast ich, so rost ich!“

Werner Sabitzer

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Hans-Gasser-Statue am Margarengürtel 18 in Wien

 

Oktober 19, 2017 Posted by | Uncategorized | Hinterlasse einen Kommentar

400 Jahre Schwarzenberg in Murau

Im Jahr 1617 heiratete die „Herrin von Murau“ Anna Neumann den Reichsgrafen Georg Ludwig zu Schwarzenberg. Seit damals gehört der große Murauer Besitz der Adelsfamilie Schwarzenberg. Anna Neumanns Vorfahren stammen aus Weitensfeld.

Mit einer Ausstellung in der Altstadt und einer Reihe von Veranstaltungen feierte man heuer in Murau das Jubiläum „400 Jahre Schwarzenberg in Murau“. Die „Herrin von Murau“ Anna Neumann von Wasserleonburg hatte 1617 den jungen Reichsgrafen Georg Ludwig zu Schwarzenberg geheiratet, um ihren enormen Besitz einer aufstrebenden Adelsfamilie zu übergeben.

Anna Neumann wurde am 25. November 1535 in Villach geboren. Ihre beiden Großväter stammten aus Weitensfeld. Annas Vater Wilhelm Neumann war vermutlich der Sohn von Michael Neumann (des Jüngeren), eines Weitensfelder Bürgers, schreibt der Murauer Archivar Wolfgang Wieland in seiner Biografie über Anna Neumann unter Hinweis auf den Historiker Leopold von Beckh-Widmanstetter („Michel Newman als Bürger zu Weitensfeld in Kärnten“). Nach anderen Quellen soll Wilhelm der Sohn des Weitensfelder Bürgers Jakob Neumann gewesen sein. Wilhelm Neumann besaß um 1530 Erbgüter in Weitensfeld. Seinen Reichtum erwarb er hauptsächlich durch die Erträge aus Quecksilbergruben in Idria (heute: Idrija) und Bleigruben in Bleiberg. Er war von 1516 bis 1518 Stadtrichter (Bürgermeister) in Villach und 1515 Bergrichter in Idria.

Annas Mutter Barbara war eine geschäftstüchtige Frau. Ihr Vater Wilhelm Rumpf von Wullross war der bedeutendste Herr auf der Burg Wullross bei Weitensfeld. Rumpf von Wullross erwarb 1515 die Herrschaft Tentschach und war erster ständischer Burggraf in Klagenfurt. Er hatte am Hof des Kaisers Ferdinand I. das Amt des Truchsess inne.

Nach dem Tod ihres Mannes Wilhelm Neumann heiratete Barbara den einflussreichen Adeligen Hans Seenuß, der von 1531 bis 1569 Burgamtmann in Villach war.

Einer der Schuldner Barbaras war Otto VII. von Liechtenstein-Murau, der die Herrschaft Treffen samt Landgericht am 1. Mai 1552 an die Familie Neumann verkaufen musste.

Anna Neumann von Wasserleonburg

Anna Neumann von Wasserleonburg

Annas sechs Ehemänner

Anna Neumann verbrachte ihre Kindheit auf Schloss Wasserleonburg, das ihr Vater 1522 von den Brüdern Hans, Andreas und Christoph von Ungnad übernommen hatte. Als 21-Jährige heiratete  Anna im November 1557 den vermögenden Hans Jakob Freiherr von Thannhausen, den Bruder des Kärntner Landeshauptmanns. Dieser Ehe entstammten zwei Töchter, Elisabeth und Barbara. Thannhausen starb nach knapp dreijähriger Ehe am 23. September 1560.

Annas ehrgeizige Mutter Barbara sorgte dafür, dass die junge Witwe Anfang 1566 den steirischen Adeligen Christoph II. von Liechtenstein-Murau heiratete, dessen Familie seit drei Jahrhunderten auf der Burg Murau saß. Das Geschlecht nannte sich nach der Burg Liechtenstein bei Judenburg (heute eine Ruine). Die steirische Familie Liechtenstein starb 1619 aus.

Nach der Hochzeit mit Christophs II. von Liechtenstein zog Anna in das Schloss Murau. Da ihre Brüder inzwischen ohne Nachkommen verstorben waren, erbte sie 1569 nach dem Tod ihrer Mutter Barbara die Kärntner Besitzungen Wasserleonburg, Treffen, Leonstein in Pörtschach und Vordernberg im Gailtal sowie die Bergwerksanteile in Idria und Bleiberg. Dazu kamen Bargeld und Pfandbriefe. Anna, nun Hauptgläuberin der Herren von Liechtenstein-Murau, erwarb 1574 den Murauer Besitz von ihrem Mann und dessen Brüdern sowie deren Güter in Niederösterreich und im Burgenland. Im Gegensatz zu ihrer geizigen Mutter war Anna sozial eingestellt. Sie ließ unter anderem im Jahr 1576 das Spitalsgebäude in Murau erweitern und unterstützte mittellose Menschen.

Nach dem Tod Christoph II. von Liechtenstein-Murau im Jahr 1580 heiratete Anna zwei Jahre später einen langjährigen Bekannten, Ludwig Freiherr Ungnad von Sonnegg, Sohn des Landeshauptmanns der Steiermark. Ungnad war unter anderem Mundschenk des späteren Königs Maximilians II. und 1570 Burggraf in Klagenfurt. Nach drei Jahren Ehe starb er in Klagenfurt.

Der vierte Ehemann der Herrin von Murau war ihr vermögender Herrschaftsnachbar im oberen Murtal, Carl Freiherr von Teuffenbach, den sie 1586 ehelichte. Wie sein Vorgänger Ludwig Ungnad war er evangelisch. Als 75-Jährige wurde Anna zum vierten Mal Witwe.

Annas ältere Tochter Elisabeth heiratete 1576 Leonhard von Kollnitz und nach dessen Tod Christoph von Auersperg. Sie starb am 14. Mai 1592 kinderlos. Die jüngere Tochter Barbara verschied unverheiratet am 28. November 1578. Anna Neumann hatte dadurch keine Nachkommen. Denn außer ihren Töchtern aus der ersten Ehe hatte sie mit keinem ihrer weiteren Ehemänner Kinder. Die Herrin von Murau fasste daher den Entschluss, das riesige Vermögen einer hochadeligen Familie weiterzugeben. Eine Adoption war damals nicht vorgesehen, es war nur eine weitere Ehe möglich.

Der Auserkorene war der 30 Jahre alte Ferdinand Graf zu Ortenburg-Salamanca, den sie nach einem Trauerjahr am 1. November 1611 auf Schloss Murau heiratete. Ferdinands Vater Gabriel, der von Erzherzog Ferdinand mit der Grafschaft Ortenburg in Kärnten belehnt worden war, ließ das Schloss Porcia in Spittal an der Drau errichten.

Georg Ludwig Reichsgraf zu Schwarzenberg

Fünf Jahre nach der Hochzeit mit dem kränkelnden Grafen wurde Anna 1616 zum fünften Mal Witwe. Die bereits 81-Jährige heiratete daher am 25. Juli 1617 den um 50 Jahre jüngeren Reichsgrafen Georg Ludwig zu Schwarzenberg, geboren am 24. Dezember 1586. Vermittelt wurde die Ehe vom Ratgeber des Erzherzogs und späteren Kaisers Ferdinand, Johann Ulrich Freiherr zu Eggenburg. Einen Monat nach der Hochzeit verfügte Anna, dass ihr junger Mann nach ihrem Tod die Herrschaft Murau erben sollte. Schwarzenberg blieb weiterhin im Dienst des Kaisers Ferdinand, er reiste erst kurz vor dem Tod Annas nach Murau.

Als Anna am 18. Dezember 1623 im hohen Alter von 89 Jahren starb, hinterließ sie ihrem jungen Mann nicht nur großen Besitz, sondern auch erhebliche Forderungen: So schuldeten ihr unter anderem Kaiser Ferdinand II. und der Erzbischof von Salzburg, Marcus Sitticus, hohe Geldsummen.

Als Angehörige des Augsburger Bekenntnisses wurde Anna nicht in der katholischen Pfarrkirche Murau begraben. Erst einen Monat nach dem Tod wurde die Leiche in einem Grab in der Elisabeth-Spitalkirche in Murau beigesetzt. Ende des 19. Jahrhunderts wurden die sterblichen Überreste der „Herrin von Murau“ in die Kapuzinerkirche überführt und im Grab ihres letzten Ehemanns Georg Ludwig zu Schwarzenberg bestattet.

Der Kärntner Besitz Annas, die Herrschaften Wasserleonburg und Treffen, gelangte nach einem jahrelangen Gerichtsverfahren an den Erben des Urenkels ihrer Halbschwester Katharina Neumann, Christian Proy von Burgwalden. Dieser wurde im Juni 1625 bei einem Grundstücksstreit auf der Göriacher Alm erschlagen.

Die Herrschaft Murau

Das Murauer Gebiet gehörte im Hochmittelalter zum Herzogtum Kärnten. Die Burg Obermurau wurde zwischen 1232 und 1250 von den Herren von Liechtenstein erbaut, die damals das obere Murtal kontrollierten.

1269 wurde die Burg Murau von König Przemysl Ottokar II. teilweise zerstört. Er fühlte sich als rechtmäßiger Erbe des Herzogtums Kärntens nach dem Tod seines Schwagers, des letzten Spanheimer Herzogs Ulrich. Der steirische Adel lehnte sich aber gegen den Böhmenkönig auf. Die böhmischen Besatzer blieben bis zu ihrer endgültigen Vertreibung im Jahr 1276 in Murau. Danach kam die Herrschaft an der oberen Mur an den Sohn Ulrichs von Liechtenstein, Otto II., der mit dem Wiederaufbau begann. 1298 erhielt die Siedlung unter der Burg das Stadtrecht. 1312 kam es in der Familie Liechtenstein zu einer Trennung in eine Frauenburger und eine Murauer Linie. Der Murauer Zweig brachte es zu größerem Besitz im Herzogtum Kärnten und hatte dort auch das Marschallamt inne, eines der erblichen Hofämter. In der Steiermark hatten die Liechtensteiner die Kämmerer-Funktion inne.

Der Niedergang der einst mächtigen Liechtensteiner begann Ende des 14. Jahrhunderts. Friedrich II. von Liechtenstein musste wegen hoher Schulden die Herrschaft Murau 1392 an Wulfing von Stubenberg verpfänden.

Während der Ungarneinfälle stellte Niklas von Liechtenstein 1487 dem ungarischen König Murau als Stützpunkt zur Verfügung, worauf er von Kaiser Friedrich III. 1490 geächtet wurde. Murau wurde danach von einem Pfleger des Kärntner Herzogs verwaltet. Zwar erhielten die Liechtensteiner 1495 ihre Besitzungen von König Maximilian I. wieder zurück, doch waren ihre finanziellen Verhältnisse so schlecht, dass es immer wieder zu größeren Abverkäufen kam.

Christophs II. von Liechtenstein war der letzte Liechtensteiner in Murau. Die Herrschaft ging über seine Witwe Anna an deren letzten Mann Georg Ludwig zu Schwarzenberg. Dieser ließ zwischen 1628 und 1641 neben dem gotischen Gebäude das heutige Schloss Murau errichten. Das alte Schloss wurde abgetragen. Georg Ludwig zu Schwarzenberg starb kinderlos am 22. Juli 1646 in Freudenau. Der Murauer Besitz gelangte an seinen Cousin Johann Adolf Graf zu Schwarzenberg aus der rheinischen Familienlinie. Er wurde 1670 in den Fürstenstand erhoben. Der Schwarzenbergische Besitz vergrößerte sich im Lauf der Jahrhunderte. Der Hauptbesitz lag in Böhmen; er wurde 1947 vom kommunistischen Staat Tschechoslowakei enteignet.

1965 übernahm Karel Schwa

Schloss Murau

Schloss Murau

rzenberg den reichen Besitz in Österreich von seinem Adoptivvater; nach dem Tod des älteren Bruders seines Adoptivvaters 1979 wurde er Familienoberhaupt des historischen Fürstenhauses Schwarzenberg (12. Fürst von und zu Schwarzenberg, Herzog von Krumau, Graf von Sulz, gefürsteter Landgraf im Klettgau). Karel Schwarzenberg war von 2007 bis 2009 und von 2010 bis 2013 Außenminister Tschechiens.

Werner Sabitzer

 

 

Quellen:

Beckh-Widmannstetter, Leopold von: Studien an den Grabstätten alter Geschlechter der Steiermark und Kärntens, Berlin 1877/78.

Fräss-Ehrfeld, Claudia: Geschichte Kärntens, Band 2. Die ständische Epoche, Klagenfurt, 1994.

Kohla, Franz Xaver; Metnitz, Gustav Adolf v.; Moro, Gotbert: Kärntner Burgenkunde. Ergebnisse und Hinweise in Übersicht. Erster Teil: Kärntens Burgen, Schlösser, Ansitze und wehrhafte Stätten. Ein Beitrag zur Siedlungstopographie. 2. Auflage. Geschichtsverein für Kärnten, Klagenfurt, 1973.

Kohla, Franz Xaver; Metnitz, Gustav Adolf v.; Moro, Gotbert: Kärntner Burgenkunde. Ergebnisse und Hinweise in Übersicht. 2. Teil: Quellen- und Literaturhinweise zur geschichtlichen und rechtlichen Stellung der Burgen, Schlösser und Ansitze in Kärnten sowie ihrer Besitzer. Geschichtsverein für Kärnten, Klagenfurt, 1973.

Wieland, Wolfgang: Anna Neumann von Wasserleonburg. Die Herrin von Murau. Murau, 1999.

Oktober 19, 2017 Posted by | Uncategorized | Hinterlasse einen Kommentar

Rebellische Gurktaler: Der Steueraufstand 1931

Im November 1931 beschlossen die Bürgermeister der sieben Gemeinden des Gurktals bei einer Protestversammlung in Weitensfeld, keine Steuern und Abgaben mehr zu zahlen.

Die Weltwirtschaftskrise von 1929, die hohe Arbeitslosigkeit in Österreich, hohe Reparationszahlungen als Folge des Ersten Weltkriegs und die enorme Verschuldung des Staates führte zu einer schweren wirtschaftlichen Krise auch im Gurktal. Viele Bauern waren verschuldet, Höfe wurden versteigert und die Gurktaler Gemeinden waren kaum mehr in der Lage, den finanziellen Forderungen nachzukommen.

Im Herbst 1931 eskalierte die Lage. Die Bürgermeister der sieben Gurktaler Gemeinden Albeck, Deutsch-Griffen, Glödnitz, Weitensfeld, Gurk, Straßburg und Pisweg sowie Gemeinderäte, Bauern und Vertreter der Wirtschaft kamen am 11. November 1931 in Weitensfeld zu einer Protestversammlung zusammen. Die Gemeindevertreter erklärten sich für zahlungsunfähig und es wurde der einstimmige Beschluss gefasst, bis auf Weiteres keine Steuern, Abgaben und Kreditzinszahlungen an das Land Kärnten und an den Bund zu entrichten.

Protestbrief an den Innenminister

Bei der Protestversammlung wurde eine Entschließung an den – unter anderem für Gemeindeangelegenheiten zuständigen – Bundesminister für innere Angelegenheiten Franz Winkler gerichtet. Die von den sieben Gurktaler Bürgermeistern unterschriebene Entschließung hatte folgenden Wortlaut:

„Da sämtliche bisher gefassten Entschließungen und Forderungen, die zum Aufleben unserer Wirtschaft und zur Milderung der Wirtschaftsnot beigetragen hätten, bisher ohne jeden Erfolg geblieben sind, und anderseits die von der Regierung getroffenen Maßnahmen nicht ausreichen, uns über das Wirtschaftselend hinwegzuhelfen, sehen sich die Bürgermeister aus dem Gurktale auf Drängen der gesamten Steuerträger ihrer Gemeinden gezwungen, nachstehende Entschließung zu überreichen: Die Steuerträger aus den Gemeinden Albeck, Deutsch-Griffen, Groß-Glödnitz, Weitensfeld, Gurk, Straßburg und Pisweg erklären sich für zahlungsunfähig. Es werden von heute an keinerlei Steuern, Landes- und Bundesabgaben, soziale Lasten, Krankenkassenleistungen, Hypothekarzinsen und Darlehenszahlungen mehr geleistet. Gleichzeitig wird die sofortige Einstellung sämtlicher laufenden obgenannte Zahlungen betreffenden Exekutionen gefordert. Sollten die Exekutionen trotzdem – und wenn auch mit Staatsexekutiven – durchgeführt werden, so lehnen wir jede Verantwortung, die sich aus einer solchen Handlungsweise ergeben sollte, entschieden ab und warnen vor einem solchen Schritt!“

Der letzte Satz enthielt die indirekte Drohung, dass einem behördlichen Zwang mit Gewalt reagiert werden könnte.

Auch in der Steiermark beschlossen einige kleine Gemeinden, Zahlungen von Bundes- und Landesabgaben einzustellen.

Niederschlagung des Steuerstreiks

Der Steuerstreik hielt nicht lange an. Die Kärntner Landessteuerdirektion stellte bald den Großteil des Gurktals unter Zwangsverwaltung, insgesamt waren es über 50 bäuerliche Siedlungen und Gehöfte. Ein Wirtschaftsfachmann aus Klagenfurt wurde zur Vollstreckung der Zwangsverwaltung nach Straßburg geschickt. Wütende Bauern verhinderten aber vielfach die Durchsetzung von Zwangsvollstreckungen. Als etwa 1932 bei einigen Bauern in Glödnitz Vieh beschlagnahmt werden sollte, um Steuerschulden zu begleichen, rotteten sich Bauern zusammen und verhinderten den Abtransport des Viehs.

Die wirtschaftliche Not im Gurktal blieb bestehen. Immer mehr Bauernhöfe wurden zwangsversteigert. Von der wirtschaftlichen Not profitierten die Nationalsozialisten, die vor allem im oberen Gurktal viele Anhänger fanden. Zwei Jahre nach der Niederschlagung des Steuerstreiks kam es im Juli 1934 zu einem Putschversuch der illegalen Nationalsozialisten, der in der Gemeinde Weitensfeld neun Tote forderte. Und als am 12. März 1938 nationalsozialistische Truppen in Österreich einmarschierten, jubelte fast das ganze Gurktal.

Werner Sabitzer

 

 

 

Mai 8, 2016 Posted by | Das Gurktal - Geschichte und Geschichten, Geschichte, Kärnten - Geschichte | Hinterlasse einen Kommentar

Der Wettlauf um die Jungfrau

Reiter, Wettlauf, Jungfernkuss: Das jährliche „Kranzelreiten“ am Pfingstwochenende in Weitensfeld im Gurktal zählt zu den schönsten und ältesten Bräuchen Österreichs.

Der Sage nach erinnert das Kranzelreiten an die Pest. Vor langer Zeit, als die Pest in Kärnten einen großen Teil der Bevölkerung ausrottete, sollen in Weitensfeld nur drei Burschen und ein „Edelfräulein“ überlebt haben. Die Überlebenden bemühten sich um das Mädchen und einigten sich auf einen Wettkampf: Wer bei einem Wettlauf als Sieger hervorgeht, darf das Mädchen heiraten. In Erinnerung an diese Sage gibt es jedes Jahr zu Pfingsten in Weitensfeld in Kärnten das Kranzelreiten mit dem Wettlauf von drei „Bürgersöhnen“. Das Brauchtumsfest muss jedes Jahr stattfinden, heißt es in der Überlieferung; sonst bricht der Sage nach Unheil über den Markt herein: In der Nacht würden die Pesttoten aufstehen und über die Marktstraße reiten.

Kranzelreiten 2015: Tausende Besucher.

Kranzelreiten 2015: Tausende Besucher.

Der Brauch dürfte schon im 16. Jahrhundert ausgeübt worden sein. Der Brauchtumsforscher Leopold Kretzenbacher vermutet, dass das Kranzelreiten genauso wie das Kufenstechen, das zu Pfingsten in verschiedenen Orten des Gailtals stattfindet, aus adeligen Reiterspielen hervorgegangen sein könnte.

In einem Bericht der „Carinthia“, der ältesten Zeitschrift Kärntens, wird der Beginn der Brauchtumsveranstaltung mit 1567 datiert. Die „Carinthia“ brachte 1867 einen Bericht über „die Maibraut bei der dreihundertjährigen Jubiläumserinnerungsfeier am Pfingstmontag, dem 10. Juni 1867“. Der Verfasser Dr. Wenger beschrieb das Fest, bei dem eine lebende „Maibraut“ die Hauptrolle spielte: „Von der Straßburger Fahrtstraße her erschien sie auf einem milchweißen Zelter in raschem Trabe, von ihren Paldinen umgeben, ein Mädchen im weißen modischen Damenreitkleide, mit fliegenden Lockenhaaren, das Haupt mit einem Hütchen im vollen Einklange mit dem Kostüm bedeckt. Soviel ich von meinem Standpunkte ersah, war es ein schönes, edel geformtes Mädchengesicht, in dem einige Kühnheit stak, dies Wagnis der öffentlichen Schaustellung zu unternehmen. Die Kopf an Kopf gedrängte Menge teilte sich, eifrigst eine Gasse bildend, vor der lieblichen Erscheinung … Mutige und gewandte Reiter hatten nach vorausgegangenen Böllerschüssen mittels graziösem Traversieren die Gasse geöffnet. Und so begann das eigentliche Festspiel. Die Jungfrau, ebenso sicher als mutig heransprengend, hatte zu beiden Seiten gleich mutige Reiter, in ihrem nächsten Geleite zwei muntere Knaben, wie man mir sagte, Söhne des dortigen Wundarztes. An diese schönen Bilder einer jugendlich kräftigen Menschheit schlossen sich viele und abermals viele Reiter jeglichen Alters und Standes an. Es sei nun noch bemerkt, daß die reitende Jungfrau Carolina Brunner, Tochter des Josef Brunner vlg. Vöstl in Hafendorf, und die sie begleitenden Jünglinge Switwert und Oswin Seywald waren…“

Der Brauch des Kranzelreitens hat vermutlich germanische Wurzeln: Das Pfingstfest ähnelt den früheren Frühlingsfesten, bei denen der Kampf des Sonnengottes mit dem Winter dargestellt wurde. Bei diesen Festen gab es auch ein Wettrennen; der Sieger ging als „Maikönig“ hervor. Volkstumsforscher meinen, dass der Brauch das „Einholen der geschmückten Maibraut“ bedeutet, die im Sommer Glück und Fruchtbarkeit bringen soll. So heißt es in einem Bericht in der „Carinthia I“ im Jahr 1914: „Durch Wettlauf und Wettrennen wurde einst entschieden, wer die Maibraut heimführen und dadurch die Erde zur neuen Fruchtbarkeit bringen sollte. Zu einer solchen heiligen Handlung war man bestrebt, nur die besten jungen Leute auszusuchen, zumal das Maipaar ein göttliches Brautpaar darstellen sollte, das Segen bringend auf Erden wandelt. Auf den rituellen Ursprung dieses Brauches deutet ja auch die rituelle Kleidung der drei Läufer und der Maibraut (Statue). Zweck der Vermählung des Maikönigs mit der Maikönigin war es, Menschen, Vieh und Pflanzen die nötige Fruchtbarkeit für das kommende Jahr zu sichern.“

„Gstanzlsingen“ am Pfingstsonntag

Am Pfingstsonntag treffen sich die Kranzelreiter mittags vor dem „Herzelehof“ beim Marktplatz. Von dort reiten die Teilnehmer mit den geschmückten Pferden jährlich wechselnd in die benachbarten Orte Altenmarkt und Zweinitz, ursprünglich, um die Bewohner zum Fest am nächsten Tag einzuladen. In einem Bericht aus dem Jahr 1891 wird erstmals der Ausritt nach Zweinitz erwähnt. Nach einer Rast beginnt das so genannte „Gstanzlsingen“: Die Musikkapelle Zweinitz, die seit Jahrzehnten die Kranzelreiter begleitet, spielt einen „Tusch“ vor jedem Haus. Danach singen die Reiter die „Gstanzln“, gereimte Vierzeiler, die ein humorvolles oder sonst erwähnenswertes Ereignis zum Inhalt haben. Manche Bürger empfinden die Reime als unangenehm oder gar beleidigend. Ds ist ihnen aber lieber, als dass die Reiter kein Gstanzl über sie singen.

Kranzelreiten 2015: Drei Burschen laufen um die Gunst der Jungfrau

Kranzelreiten 2015: Drei Burschen laufen um die Gunst der Jungfrau.

Die Tracht der Kranzelreiter besteht aus einer schwarzen oder dunklen Reithose, schwarzen Reitstiefeln und einem weißen Lodenrock mit dunkelbraunen Kragen und dunkelbraunen Aufschlägen an verschiedenen Stellen. Die Reiter tragen ein Seidenhalstuch und einen schwarzen Hut mit grünem Band und einer Feder; früher war es ein echter Birkhahnstoß, heute ist es eine künstlich gebogene Feder.

Kranzelreiten 2015: Drei Burschen laufen um die Gunst der Jungfrau.

Nach dem Wettlauf: Der Sieger reitet auf dem Pferd, das den Wettritt gewonnen hat, zur (steinernen) Jungfrau auf dem Marktplatz.

Wettlauf um die Jungfrau

Am Pfingstmontag findet das Hauptereignis statt. Die Musikkapelle zieht durch den Ort und „weckt“ die Bürger. Am Vormittag gibt es ein Konzert auf dem Marktplatz. Die steinerne Jungfrau auf dem Marktplatz ist mit einem weißen Kleid mit roter Schärpe geschmückt; auf dem Haupt trägt sie den Brautkranz, in der rechten Hand hält sie einen Pfingstrose und in der linken einen Schlüsselbund. Um 14 Uhr beginnt das Fest. Der „Dorfrichter“ liest die „Proklamation“ mit dem Ablauf des Kranzelreitens. Bänderhut-Frauen „bewachen“ die Jungfrauen-Statue, seit 1981 sind sie Bestandteil des Festes. Dreimal reiten die Pfingstreiter die Marktstraße auf und ab, um die „Pest auszutreiben“ oder vor ihr zu flüchten. Danach geht es im Trab, voran die Musikkapelle, zum alten Gemeindehaus, wo die drei Läufer in weißer Tracht mit roter Schärpe warten. Ein Reiter erhält die „Beste-Stange“, auf der sich die Preise für die Läufer befinden. Die Wettläufer werden von neuen Wirtschaftstreibenden oder Hausbesitzern gestellt. Gemeinsam geht es zum Marktplatz. Zunächst reiten drei Kranzelreiter mit ihren Rössern um die Wette, danach beginnt der Wettlauf der „Bürgersöhne“. Auf ein Kommando auf die kräfteraubende, etwa 300 Meter lange, leicht bergauf führende Strecke. Der Gewinner des Laufs steigt auf das Siegerpferd; dann geht es wieder Richtung Marktplatz, angeführt von den Zweinitzer Musikanten. Auf dem Marktplatz werden die Preise („Beste“) an die Läufer übergeben: Der Sieger erhält ein „Kranzl“ und ein Seidentuch, der Zweite einen Myrtenstrauß und ein Wolltuch und der Letzte des Wettlaufs muss mit einem Kattuntüchlein und Sauborsten Vorlieb nehmen. Der Sieger steigt auf einer Leiter zur steinernen Jungfrau auf dem Marktplatz und küsst sie unter dem Applaus der Besucher. Danach schenken die Läufer die „Beste“ ihren Begleiterinnen. Das Brauchtumsfest endet mit dem „Gurktaler Walzer“, der von Karl Kummer eigens für das Kranzelreiten komponiert worden ist.

Der Sieger des Wettlaufs küsst die Jungfrau-Statue am Marktplatz. Alle 25 Jahre gibt es eine lebende Jungfrau.

Der Sieger des Wettlaufs küsst die Jungfrau-Statue am Marktplatz. Alle 25 Jahre gibt es eine lebende Jungfrau.

Alle 50 Jahre, seit Ende des Zweiten Weltkriegs alle 25 Jahre, gibt es ein besonderes Fest: Anstelle der steinernen Jungfrau wird ein Mädchen aus dem Ort ausgewählt, um das die Wettläufer kämpfen. Zu Pfingsten 1922 fand ein solches Jubiläumskranzelreiten statt. Es hätte ursprünglich im Jahr 1917 stattfinden sollen, wurde aber wegen des Kriegs verschoben. Schuldirektor Ferdinand Schwarz beschrieb in einem Kurzbericht das Fest am 5. Juni 1922: „Diesmal, am Jubiläumspfingstreiten, war anstatt der hölzernen Statue eine lebendige, reizende Jungfrau in der Gestalt des lieblichen, reizenden Töchterchens unseres allverehrten Herrn Bürgermeisters und Marktvorstandes, Frl. Minna Knaflitsch. Sieger der Läufer war Mathias Filipowsky. Die sehr stattliche Reiterschar in der Stärke von 45 Mann hoch zu Roß mit prächtigen, schön geschmückten Pferden mit altem wertvollem Sattelzeug holte zunächst die Jungfrau aus ihrer Wohnung ab und geleitete dieselbe, einen schönen Wallach reitend, mit Musik zu ihrem Ehrenplatze. Nun erfolgte das Kranzelreiten in der Art und Weise, wie es sonst auch geschieht. Der Obmann der Kärntner Landsmannschaft, Oberbaurat R. Pierl, überreichte als Zeichen der besonderen Befriedigung und Auszeichnung dem Markte Weitensfeld die höchste Ehrung der Kärntner Landsmannschaft, die silberne Ehrenkette. Die Jungfrau setzte sich auf das Pferd und ritt an der Seite des Siegers, begleitet von der Reiterschaft, mit Musik durch den reich und schön geschmückten Markt. Vollauf befriedigt zerstreuten sich die Zuschauer. Eine solche Menschenmenge hatte Weitensfeld noch nicht gesehen. Gering geschätzt wurde diese mit 12.000 bis 15.000 Menschen angenommen. Wenn man die Ehrenjungfrau fragte, was bei diesem Feste das Schönste für sie war, so sagte sie immer: ,Am schönsten war der Empfang bei der Familie Funder auf Schloß Turnhof`“.

Mit dem Kranzelreiten, einem Jahrhunderte alten Brauch, wird auch "die Pest ausgetrieben"

Mit dem Kranzelreiten, einem Jahrhunderte alten Brauch, wird auch „die Pest ausgetrieben“.

25 Jahre später, zum Pfingsten 1947, gab es das nächste Jubiläumskranzelreiten mit einer lebenden Jungfrau. Der damalige Bürgermeister veranstaltete mit dem Weitensfeldern nach den furchtbaren Kriegsjahren ein „außerordentliches Kranzelreiten mit einer lebenden Jungfrau“. Die Wahl fiel damals auf Karla Dörfler, der späteren „Bärenwirtin“ in Weitensfeld. Im Jahr 1972 wählte das Festkomitee Heidi Meier als „Maibraut“ aus. Das Stadttheater Klagenfurt stellte das Kostüm zur Verfügung. Werner Müller, der in früheren Jahren schon zweimal den Wettlauf gewonnen hatte, siegte auch im Jubiläumslauf vor Franz Dörfler und Gerd Lassnig. Volksschuldirektor Franz Pirker schrieb darüber in seiner (unveröffentlichten) Chronik über den Ort Weitensfeld: „Müller war über seinen Sieg sichtlich erfreut. Nach allen Seiten hin fröhlich winkend, schritt er zu der stehend auf ihn wartenden Maibraut, um Kuß und Schlüssel von ihr zu empfangen und sie dann zum Ehrentanz zu führen, an dem sich später dann auch die beiden anderen Läufer mit ihren Ehrenjungfrauen beteiligten. Heidi Maier knüpfte dann noch ein Erinnerungsband an die Gemeindefahne, wobei sie folgende Worte sprach: ,Nehmt dieses Band als Dank aus meinen Händen, den Kranzelreitern und dem Heimatort zur Ehr will ich es spenden!´ Danach bestiegen Müller und Heidemarie Maier die bereitgestellten Pferde und, begleitet von Musik, Kranzelreitern und Zuschauern ritten sie zum Festplatz, wo es dann noch lange lustig herging.“

„Ehrbar Jungfer Eva Bianca“

Das bisher letzte Jubiläumskranzelreiten mit einer „lebenden Jungrauf“ fand zu Pfingsten 1997 statt. Das Festkomitee wählte die 17-jährige Eva Bianca Treppo, Tochter des Besitzers von Schloss Thurnhof in Zweinitz, Franz Treppo, als Ehrenjungfrau. Am Pfingstsonntag holten die Kranzelreiter das „Burgfräulein“ vom Schloss Thurnhof ab. Ein Reiter verlas die „Beschlisung in Jahre des Hern 1997, am 18. Mai“: „Wir, die Reyter von Weitensvelt seind komen heint zu Burgg und Schlos Thurnhoff zu pitten den Burgherrn Franz Treppo und seyn Gemahl´, um zu geben di ehrbar Jungfer Eva Bianca uns Reytern von Weitensvelt, damit wyr sy bringen diselb in den Ort, wo daselbst morgen wirt seyn ein Laufen dreyer Jüngling in Streit um sy. Der Besst sull freyen sy, damit weyterr bestanden blyb das Volk daselbst in Weitensvelt. Eva Bianca soll komen in unser Orth, da is Wonne vill.“ Den Wettlauf um „di ehrbar Jungfer Eva Bianca“ am nächsten Tag gewann Christian Leitgeb vor Thomas Bischofter und Frank Telsnig. Leitgeb setzte der Braut das Siegerkranzel auf das Haupt und küsste sie vor den Tausenden Besuchern.

Werner Sabitzer

 

Juni 2, 2015 Posted by | Uncategorized | Hinterlasse einen Kommentar

100 Jahre Christine Lavant: Dichterin „durch Zufall“

Die Schriftstellerin Christine Lavant wäre heuer 100 Jahre alt geworden. Ihr Leben war geprägt von Krankheiten und Selbstzweifeln.

Christine Lavant wurde am 4. Juli 1915 in Groß-Edling bei St. Stefan im Lavanttal als neuntes Kind des Bergarbeiters Georg Thonhauser und seiner Frau Anna geboren. Ihr ganzes Leben war geprägt von Krankheit, Leiden und Zweifeln: Das Neugeborene litt wochenlang an Skrofulose – das Gesicht und der Hals waren entzündet und das Kind drohte zu erblinden. Mit drei Jahren bekam Christine eine Lungenentzündung, die später immer wieder auftrat und lebensbedrohende Ausmaße annahm. 1927 erkrankte Christine wieder an Skrofulose sowie an Lungentuberkulose. Nach einer Behandlung mit Röntgenstrahlen, damals eine risikoreiche Angelegenheit, besserte sich der Zustand und das Mädchen konnte die dreiklassige Volksschule in St. Stefan abschließen und 1929 eine Klasse der Hauptschule besuchen. Allerdings brach sie den Schulbesuch ab, da sie zu kränklich für den langen Schulweg schien. Als Folge einer übersehenen Mittelohrentzündung 1930 wurde Christine auf einem Ohr fast taub. In den 1930er-Jahren begann Christine zu malen, sie verschenkte viele Aquarelle. Sie las viel, schrieb erste Texte und strickte für Bauern, wie es schon ihre Mutter getan hatte.

1932 schickte sie ein Roman-Manuskript an den Grazer Leykam-Verlag. Der Verlag reagierte zunächst positiv, veröffentlichte aber das Werk dann doch nicht. Das führte dazu, dass Christine ihre Texte vernichtete und lange Zeit nicht mehr schrieb. Als wieder Depressionen auftraten, begab sie sich 1935 in eine Nervenheilanstalt in Klagenfurt. Darüber schrieb sie einen Text („Aufzeichnungen aus einem Irrenhaus“), der aber erst fast drei Jahrzehnte nach ihrem Tod veröffentlicht wurde.

1937 starb ihr Vater, im Jahr darauf ihre Mutter. 1937 sprach Christine einen Mann an, der auf der Straße malte. Es handelte sich um Josef Benedikt Habernig, einen geschiedenen, um 36 Jahre älteren Kunstmaler, den sie am 22. April 1939 heiratete. Sie erwähnte später, sie habe ihn „aus Sorge“ und „aus Mitleid“ geheiratet. Das Künstlerpaar wohnte in St. Stefan im Lavanttal – in ärmlichen Verhältnissen und von den Bewohnern eher argwöhnisch angesehen.

Josef Habernig wird heute fast ausschließlich im Zusammenhang mit Christine Lavant erwähnt. Aber er war ein bedeutender Landschaftsmaler in Kärnten. Er wurde 1879 am elterlichen Straußhof in St. Peter bei Klagenfurt geboren, erbte das Gut, verlor aber während der Weltwirtschaftskrise Ende der 1920er-Jahre einen Großteil seines Vermögens. Bei einem Aufenthalt in Südtirol im Jahr 1894 entstanden erste Federzeichnungen und Habernig begann eine Ausbildung im Zeichnen und Malen. Der gewünschte Erfolg als Landschaftsmaler stellte sich allerdings nicht ein. Während der NS-Diktatur gab es mehrere Ausstellungen, bei denen auch Bilder von Habernig gezeigt wurden. Nach 1945 wurde der Maler weitgehend vergessen.

Literarische Karriere

Christine verdiente sich durch Stricken etwas Geld, auch ihre Geschwister unterstützen sie. 1945 begann sie wieder zu schreiben. Als sie einen Gedichtband des Schriftstellers Rainer Maria Rilke „aufgedrängt“ bekam, wie sie in einer „Selbstdarstellung“ schrieb, habe sie ihn zunächst nicht lesen wollen, weil sie dabei nicht stricken habe können. Sie sei aber von den Gedichten so fasziniert gewesen, dass sie selber wieder Gedichte geschrieben habe, erwähnte sie. Einige Gedichte schickte sie an Paula Purtscher, der Frau des Augenarztes Dr. Adolf Purtscher, der sie schon im Krankenhaus Klagenfurt behandelt und ihr literarische Bücher geschenkt hatte, darunter Werke von Goethe und Rilke. Die gebildete Paula Purtscher, mit der Christine ab 1935 Briefe wechselte, schenkte ihr eine Schreibmaschine und sandte ihre Gedichte an die Schriftstellerin Paula Grogger weiter. Diese vermittelte im Mai 1946 ein Treffen mit dem befreundeten Verleger Viktor Kubczak, der in Stuttgart den Brentano-Verlag gegründet hatte.

Unter dem Pseudonym „Christine Lavant“ veröffentlichte der Brentano-Verlag in Stuttgart 1948 ihre Erzählung „Das Kind“ und im Jahr darauf den Gedichtband „Die unvollendete Liebe“ und die Erzählung „Das Krüglein“. Eine Dichterlesung anlässlich der „St. Veiter Kulturtage“ 1950 bedeutete für sie einen großen Erfolg. Dort begegnete sie dem Maler Werner Berg, mit dem sie danach freundschaftlich verbunden war und dem sie Liebesbriefe schrieb. Berg schuf Holzschnitte und Ölbilder mit dem Konterfei Christines. Die Schriftstellerin freundete sich auch mit Gerhard und Maja Lampersberg an, die auf ihrem Tonhof in Maria Saal Schriftsteller, Maler und andere Künstler förderten.

1950 übersiedelte Christine in eine Kleinwohnung im Haus ihrer Freundin Gertrud Lintschnig, die mit ihrem Mann in St. Stefan im Lavanttal eine Gemischtwarenhandlung betrieb. Hier wohnte Christine Lavant mit Unterbrechungen bis zu ihrem Tod.

1952 veröffentlichte der Leykam-Verlag ihren Erzählband „Baruschka“. 1956 erschienen die Erzählung „Die Rosenkugel“ im Brentano-Verlag und der Gedichtband „Die Bettlerschale“ im Otto-Müller-Verlag, Salzburg.

Christine Lavant lernte die Schriftstellerin Nora von Wydenbruck kennen, die ihre Werke „Das Kind“, „Das Krüglein“ und „Aufzeichungen aus dem Irrenhaus“ ins Englische übersetzte. Nora von Wydenbruck verbrachte ihre Kindheit und Jugend im Schloss Meiselberg bei Maria Saal, das ihrer Großmutter Friedericke Gräfin Christalnigg gehörte, die mit Carl Maria Fugger von Babenhausen verheiratet war. Nora heiratete den akademischen Maler Alfons Purtscher, den Bruder des Augenarztes Adolf Purtscher, der Christine behandelt und gefördert hatte. Der Vater von Alfons und Adolf, Othmar Purscher (1852-1927) war einer der berühmtesten Augenärzte Österreichs. Er gründete die erste Augenabteilung am Krankenhaus in Klagenfurt. In seinen Aufzeichnungen beschreibt er als schönsten Lohn seiner Arbeit, dass er die Zahl der Blinden in Kärnten mehr als halbieren konnte.

1959 veröffentlichte der Otto-Müller-Verlag Christine Lavants Gedichtband „Spindel im Mond“ und im Jahr darauf erschien der Gedichtband „Sonnenvogel“ im Horst-Heiderhoff-Verlag, Wülfrath. 1962 folgte mit „Der Pfauenschrei“ ein weiterer Gedichtband im Otto-Müller-Verlag. Im Werk „Wirf ab den Lehm. Gedichte und Erzählungen“, von Wieland Schmied im Grazer Stiasny-Verlag herausgegeben, erschien eine Auswahl ihres literarischen Schaffens. 13 Gedichte von ihr wurden in den „Lyrischen Heften“ veröffentlicht.

1963 erlitt Christines Mann einen Schlaganfall, von dem er sich nicht mehr erholte. Er wurde von seiner Tochter in Klagenfurt gepflegt, da sich Christine Lavant dazu gesundheitlich nicht in der Lage fühlte. Josef Benedikt Habernig starb am 4. Oktober 1964 in Klagenfurt. Sein Sohn aus erster Ehe, Gerhard Josef Habernigg (1918 – 1991), war ebenfalls bildender Künstler.

1966 übersiedelte Christine Lavant nach Klagenfurt, kehrte aber nach einem neuerlichen Krankenhausaufenthalt eineinhalb Jahre später wieder nach St. Stefan zurück. Davor erschien im Bläschke-Verlag, Darmstadt, ihr Gedichtband „Hälfte des Herzens“. 1969 veröffentlichte der Otto-Müller-Verlag frühere Erzählungen im Band „Nell“. Ab 1970 musste Christine Lavant mehrmals ins Krankenhaus. Am 7. Juni 1973 starb die Schriftstellerin im Krankenhaus Wolfsberg an den Folgen eines Schlaganfalls.

Auszeichnungen

Christine Lavant wurde für ihr literarisches Wirken mehrfach ausgezeichnet. 1954 wurde ihr der Georg-Trakl-Preis für Lyrik zuerkannt, 1956 erhielt sie den 2. Preis im Lyrik-Wettbewerb der „Neuen Deutschen Hefte“ und 1961 folgte der staatliche Förderungspreis für Lyrik. 1964 erhielt sie neuerlich den Georg-Trakl-Preis für Lyrik sowie den Anton-Wildgans-Preis und 1970 wurde sie mit dem großen österreichischen Staatspreis für Literatur ausgezeichnet.

Werner Sabitzer

Quellen:

Glaser, Inge: Christine Lavant – Eine Spurensuche. Edition Praesens, Wien, 2005.

Granati, Herta K.: Josef Benedikt Habernig. 1879-1964. Carinthia Verlag, Klagenfurt, 1985.

Kraigher, Helga: Josef Benedikt Habernig – ein vergessener Kärntner Künstler. In: Die Brücke. Kärntner Kulturzeitschrift. Heft 4, 1982, S. 61-65.

Lübbe-Grothues, Grete: Lavant, Christine, geborene Thonhauser; in: Neue Deutsche Biographie 13 (1982), S. 744. Onlinefassung: http://www.deutsche-biographie.de/ppn118570285.html

Mai 31, 2015 Posted by | Uncategorized | 1 Kommentar

Die Eskapaden des „Goldfüllfederkönigs“

Ernst Winkler, ein extrem geltungsbedürftiger Geschäftsmann mit krimineller Energie, beschäftigte in der Zwischenkriegszeit mit seinen „Mystifikationen“ und Straftaten Polizei und Strafgerichte.

Der Inhalt des kleinen Koffers, der im September 1926 am Anninger bei Mödling gefunden wurde, war seltsam: Auf der Rückseite einer Visitenkarte mit dem Aufdruck „Graf Henckel Freiherr von Donnersmarck, Fideikommißherr auf Beuthen“ befand sich die Notiz, dass sich der Graf im Wald umgebracht habe, und dass derjenige, der die Leiche fände, 100.000 Goldmark als Belohnung erhalten würde. Viele Menschen beteiligten sich an der Suche, um rasch reich zu werden. Für die Polizei war der Fall aber bald klar: Hinter der mysteriösen Geschichte steckte wieder einmal der 1886 in Ternitz, Niederösterreich geborene Ernst Winkler, der am Kohlmarkt 5 in der Wiener Innenstadt ein Füllfedergeschäft und später eine Filiale am Hohen Markt 5 betrieb. Der egozentrische Geschäftsmann bezeichnete sich selbst als „Goldfüllfederkönig“.

Schon einmal hatte er sich als „Graf Henckel, Freiherr von Donnersmarck“ ausgegeben. Das brachte ihm in Deutschland eine Gefängnisstrafe ein: 1911 fuhr der damals 25-Jährige mit Gehrock, Zylinder und Monokel mit einem gemieteten Automobil in Dresden zum Geschäft des königlichen Hofjuweliers, begleitet von seinem als Diener verkleideten Bruder, und ließ sich die schönsten Schmuckstücke „für seine Tochter“ zeigen. Danach bestellte er den Nobeljuwelier mit dem Schmuck auf sein vermeintliches Schloss. Der Juwelier schöpfte Verdacht. Winkler wurde verhaftet und wegen schwerer Urkundenfälschung zu sechs Jahren Zuchthaus verurteilt. 1914 wurde er vom sächsischen König begnadigt und kehrte nach Wien zurück.

Anonyme Briefe

Fast 20 Jahre nach einem aufsehenerregenden Mord in Deutschland erhielt die Staatsanwaltschaft Karlsruhe 1926 einen in Salzburg aufgegebenen Brief, in dem sich der anonyme Schreiber als der eigentliche Täter bezichtigte. Einige ausländische Medien erhielten ähnliche Schreiben. „Da nun der Unglücklichste aller Menschen in den Tod getrieben worden sei und da dem Schreiber in Berlin und in München von zwei Hellsehern prophezeit worden sei, daß das Jahr 1926 das Jahr seines Todes sein werde, habe er sich entschlossen, durch ein Geständnis sich zu befreien …“, hieß es im anonymen Brief. In weiteren, am Semmering abgeschickten Briefen wurde die „Tat“ geschildert. Wegen des Mordes im Jahr 1907 auf der Kurpromenade in Baden-Baden an der Frau des Geheimen Medizinalrats Molitor wurde der Rechtsanwalt Dr. Karl H. zum Tod verurteilt. Die Strafe wurde in lebenslangen Kerker umgewandelt. Nach 18 Jahren wurde der Verurteilte auf Bewährung entlassen. Weil er sich nicht an die Auflage hielt, sich zum Fall nicht mehr zu äußern, wurde die Freilassung widerrufen. Daraufhin verübte Karl H. in Rom Selbstmord. Im Wiener Sicherheitsbüro verglich man die Handschrift auf den Briefen und forschten Winkler als Urheber der anonymen Schreiben aus. Dieser gestand, die anonymen Briefe geschrieben zu haben. Er gab die Vorwürfe zu und begründete die Tat damit, dass er sich wegen der Verurteilung 1911 in Dresden an den deutschen Behörden rächen wollte. Winkler wurde wegen Irreführung der Behörden angezeigt, das Presseecho war enorm.

Am 15. Februar 1927 wurde der rumänische Tenor Trajan Grosvescu in seiner Wohnung in der Lerchenfelder Straße in Wien von seiner eifersüchtigen Frau Nelly Grosavescu erschossen. Die Täterin wurde wegen „Sinnesverwirrung“ von den Geschworenen freigesprochen. Das passte Ernst Winkler nicht. Unter dem Pseudonym „Adalbert Graf Sternberg“ bestellte er bei Händlern für Nelly Grosavescu Schmuck und andere Wertgegenstände und ließ sie in ein Hotel liefern. Winkler gestand, die Briefe geschrieben haben, behauptete, er hätte nicht gedacht, dass die Händler wirklich liefern würden.

Der Fall Martha Marek

1927 sorgte Winkler mit einem weiteren anonymen Brief für Verwirrung. Als die attraktive Wienerin Martha Marek und ihr Mann im April 1927 im Landesgericht Wien wegen versuchten Versicherungsbetrugs auf der Anklagebank saßen, langte ein anonymer Brief ein: „Die Stimme des Gewissens läßt mir keine Ruhe und keinen Frieden, ich bin gezwungen im Prozeß Marek Ihnen Wichtiges mitzuteilen“, behauptete der Briefschreiber. „Frau Marek hat ihrem Mann selbst das Bein abgeschlagen, und ich lieferte ihr eine Rekord-Spritze mit Morphium, mit welchem sie ihrem Mann eine Einspritzung machte, am Fuße, wo vorher die Stelle mit Tintenblei bezeichnet wurde. Würde ich nicht bestraft werden, stellte ich mich selbst dem Gericht zur Verfügung. – Für meine Beihilfe erhielt ich 200 Schilling.“

Wieder wurde der „Goldfüllfederkönig“ als Briefschreiber verdächtigt, er stritt aber den Vorwurf ab. Martha Marek und ihr Mann wurden wegen vom Vorwurf des Versicherungsbetrugs freigesprochen. Der Mann hatte sich ein Bein abgehackt und dem Paar war es gelungen, vor den Richtern darzustellen, dass es sich um einen Unfall und nicht um Absicht gehandelt hatte. Das Ehepaar schloss mit der Versicherung einen Vergleich. Martha Marek füllte später wieder die Gerichtsspalten der Tageszeitungen. Fünf Jahre nach dem spektakulären Freispruch wegen Versicherungsbetrugs starb Martha Mareks kränkelnder Mann und kurz darauf ihre Tochter. Die trauernde Hinterbliebene erhielt Spenden von mitfühlenden Menschen und ihre Verwandte Susanne Löwenstein setzte Marek zur Erbin ein. Kurz darauf kam auch Löwenstein ums Leben. Als das Erbe aufgebraucht war, nahm Marek eine Untermieterin auf, die sich bald dazu bereit erklärte, eine Lebensversicherung über 5.000 Schilling zu Gunsten ihrer Vermieterin abzuschließen. Eine verhängnisvolle Entscheidung. Kurz darauf war die Untermieterin tot. Der Sohn der Toten schöpfte Verdacht und wandte sich 1936 an die Polizei. Martha Marek wurde festgenommen und am 19. Mai 1938 wegen vierfachen Mordes mit dem Rattengift „Zelio“ zum Tod verurteilt. Die Mörderin wurde zwei Wochen nach der Abweisung des Gnadengesuchs am 6. Dezember 1938 mit dem Fallbeil hingerichtet.

Im Dezember 1930 wurde in Bad Vöslau in Niederösterreich ein Fischhändler ermordet und beraubt. Drei Jahre später langte im Gendarmerieposten Bad Vöslau ein Brief ein, in dem sich Geld befand. Im Schreiben hieß es unter anderem: „Trieben menschlicher Gefühle Folge leistend, bitte ich, den mit gleicher Post an Ihre Adresse gesendeten Betrag von 123 S der Witwe des am 24. Dezember 1930 … ermordeten Franz Frömmel … zu übergeben.“ Der Betrag sei „Teil des dem seinerzeit Ermordeten abgenommenen Geldes“.

Auch in diesem Fall wurde Winkler als Briefschreiber ausgeforscht. Er wurde psychiatrisch untersucht und zu drei Wochen Arrest verurteilt. Im psychiatrischen Gutachten wurde er als „degenerativer Querulant mit abnormer Phantasieanlage“ bezeichnet. Ein weiteres Mal narrte Winkler Polizei und Rettungskräfte, indem er einen Abschiedsbrief eines angeblichen jungen Mädchens verschickte, das in der Wachau aus hoffnungsloser Liebe zu einem Schauspieler „in die Donau“ gegangen sei. Ernst Winkler hängte die Zeitungsberichte über ihn und seine Eskapaden in seinem Geschäft auf.

Plakat des "Goldfüllfederkönigs" als Reaktion auf die Aufforderung von Karl Kraus.

Plakat des „Goldfüllfederkönigs“ als Reaktion auf die Aufforderung von Karl Kraus.

Weitere Strafverfahren

Der „Goldfüllfederkönig“ beschäftigte weiterhin Polizei und Strafgerichte. Wegen des Vorwurfs, gestohlene Füllfederhalter gekauft zu haben, wurde er zu einer Geldstrafe verurteilt. Er musste sich auch wegen illegalen Waffenbesitzes verantworten, weil bei einer Hausdurchsuchung eine Pistole und Munition gefunden worden waren. Ein weiteres Verfahren betraf Irreführung der Behörden, er wurde auch wegen Beleidigung der Burghauptmannschaft in Wien angeklagt. Einen Installateur beschuldigte er in einer Postkarte des Betrugs und nannte ihn einen „polnischen Saujuden“. 1933 stellte er auf die Stufen des Postsparkassenamtes eine „Höllenmaschine“, gefüllt mit Silvesterjuxgegenständen und einem Wecker. Er wurde dafür zu zwei Wochen Arrest verurteilt. Kurze Zeit sorgte er mit einem ähnlichen „Scherz“ vor jenem Juweliergeschäft in Dresden für Aufsehen, das er 22 Jahre vorher als angeblicher adeliger Schmuckkäufer besucht hatte.

Auch die Zivilgerichte hielt Winkler mit Klagen auf Trab. Einer seiner Kontrahenten war sein Hausherr, der einarmige Pianist Paul Wittgenstein, ein Bruder des Philosophen Ludwig Wittgenstein. In dieser Causa soll Winkler einen Brief gefälscht haben. „Das Kleine Blatt“ Wien charakterisierte Winkler in der Ausgabe vom 11. Oktober 1928: „Der sogenannte Goldfüllfederkönig beschäftigt seit Jahren Polizei und Gericht zu Reklamezwecken. Er ersinnt ganz blödsinnige Streiche, derentwegen ihm nicht viel geschehen kann, und erreicht dadurch, daß sich alle Zeitungen Wiens mit ihm andauernd beschäftigen.“ Auch Winklers Rechtsanwalt, der bekannte Strafverteidiger Dr. Hugo Sperber, war ein Original der Zwischenkriegszeit. Friedrich Torberg widmete ihm in seiner „Tante Jolesch“ ein Kapitel, in dem der Schriftsteller auch einen angeblichen Werbespruch des Rechtsanwaltes zitierte: „Räuber, Mörder, Kindsverderber gehen nur zum Doktor Sperber.“

„Ausflug“ in die Politik

Nach den schweren Ausschreitungen am 15. Juli 1927 in Wien ließ der bekannte Journalist Karl Kraus Plakate mit folgender Aufschrift aufhängen: „An den Polizeipräsidenten von Wien Johann Schober. Ich fordere Sie auf, abzutreten.
Karl Kraus Herausgeber der Fackel.“ Ernst Winkler ließ daraufhin Plakate mit der Aufschrift affichieren: „An den Polizeipräsidenten von Wien Johann Schober
Ich fordere Sie auf,
nichtabzutreten.
Gegeben zu Wien, am 22. September 1927 Goldfüllfederkönig E. W.“

Der Exzentriker kündigte an, bei der Bundespräsidentenwahl 1931 antreten zu wollen und versprach allen gesellschaftlichen Gruppen enorme Vorteile. Den Beamten wollte er beispielsweise das Gehalt verdreifachen, den Bauern versprach er finanzielle Unterstützung und den Knechten die Konfiszierung des Grundbesitzes ihrer Arbeitgeber.

„Jaroslav von Zumpferl“

1934 inszenierte Winkler wieder einen „Selbstmord“. Er quartierte sich unter dem Namen „Jaroslav von Zumpferl“ in einem großen Hotel in Berlin ein, ließ sich von Juwelieren Brillanten vorlegen und verließ heimlich das Hotel. In einem zurückgelassenen Koffer befand sich eine halbleere Flasche mit Gift. Die Berliner Polizei stieß bei ihren Ermittlungen bald auf den geltungssüchtigen Geschäftsmann und verständigte die Wiener Polizei, die Winkler festnahm.

Devisenvergehen in der NS-Zeit

Ernst Winkler wurde im Jänner 1945 wegen Verstößen gegen das Devisen- und Zollgesetz zu sechs Jahren Zuchthaus und einer hohen Geldstrafe verurteilt. Die beschlagnahmten Gegenstände wurden als verfallen erklärt. In den Wirren zu Kriegsende kam Winkler am 6. April 1945 frei und forderte seine von den Nazis beschlagnahmten Wertsachen zurück. Er behauptete, ein Widerstandskämpfer gewesen und auch deshalb von den Nazis verfolgt worden zu sein. Nach einem Gnadengesuch wurde die Strafe 1947 auf eineinhalb Jahre bedingt geändert. Die beschlagnahmten Waren und Wertgegenstände erhielt er aber nicht zurück, sie wurden zur Deckung seiner Steuerschulden einbehalten. Noch jahrelang kämpfte Winkler um die Rückgabe der Gegenstände. Er verlor in allen Instanzen, vererbte aber die „Ansprüche“ weiter. Zu Kriegsende wurde der Exzentriker auch beschuldigt, ein Schuhgeschäft geplündert zu haben.

Als Kinderschänder verurteilt

Ernst Winkler wurde in den Nachkriegsjahren beschuldigt, Mädchen mit Geschenken in sein Geschäft gelockt und sich an den Kindern vergangen zu haben. Er wurde dafür 1947 zu 15 Monaten schweren Kerkers verurteilt. 1952 folgte eine weitere Verurteilung zu fünf Jahren schweren, verschärften Kerkers, verschärft durch ein hartes Lager vierteljährlich, weil er zehn Mädchen missbraucht hatte. In einem psychiatrischen Gutachten wurde er als „erblich belasteter, geltungsbedürftiger Psychopath“ beschrieben, dessen „Widerstandskraft gegen kriminelle Impulse … sichtlich herabgesetzt“ sei. Er sei aber „wenn auch in vermindertem Maße, als verantwortungsfähig zu bezeichnen.“ Die Haftstrafe verbüßte Winkler in der Justizanstalt Stein, seine Gnadengesuche wurden vom Bundespräsidenten abgelehnt.

Nach seiner Haftentlassung beging er eine weitere „Mystifikation“. Die bekannte deutsche Edelprostituierte Rosemarie Nitribitt wurde Ende Oktober 1957 in ihrer Wohnung in Frankfurt am Main ermordet aufgefunden. Im Februar 1958 langte bei einer deutschen Staatsanwaltschaft ein anonymer Brief ein, in dem sich der unbekannte Schreiber als Mörder Nitribitts und einer zweiten Prostituierten bezeichnete. Die Behörden in Wien überführten Ernst Winkler als Verfasser der Falschmeldung.

Tod in Lainz

Zuletzt lebte der ehemalige „Goldfüllfederkönig“ von einer Sozialrente in einer Wohnung im „großen Michaelerhaus“ am Kohlmarkt 11. In diesem Haus wohnte auch der Schriftsteller Hans Weigel, den Winkler immer wieder um Geld anbettelte. Trotzdem klagte der Exzentriker weiterhin gegen die Republik Österreich. Er kündigte auch eine „Weltsensation“ an, um danach mit „Heiratsanträgen aus aller Welt überschüttet“ zu werden. Der „Goldfüllfederkönig“ Ernst Winkler, der jahrzehntelang Polizei, Gerichte und Gesellschaft genarrt hatte, starb 88-jährig am 21. Juni 1974 im Versorgungsheim Lainz an Magenkrebs.

Werner Sabitzer

Quellen/Literatur:

Der Goldfüllfederkönig und die kleinen Mädchen. In: Arbeiter-Zeitung vom 24. Oktober 1947, S. 3.

Fünf Jahre für den Goldfüllerkönig. In: Arbeiter-Zeitung vom 14. Februar 1952, S. 4.

„Goldfüllfederkönig“ Ernst Winkler schmollt, weil er nicht Bundespräsident geworden ist. In: Neue Freie Presse vom 13. Oktober 1931, S. 10.

Grieser, Dietmar: Mit allen Mitteln. „Goldfüllfederkönig“ Ernst Winkler. In: Grieser, Dietmar: Verborgener Ruhm. Wien, 2004. S. 252-260.

Kraus, Friederike: Wiener Originale der Zwischenkriegszeit. Diplomarbeit. Universität Wien, 2008.

Kudrnofsky, Wolfgang: Bombenlegen, Hochstapeln und andere Spinnereien. In: Kudrnofsky, Wolfgang: Marek, Matuschka & Co. Kriminalfälle der Ersten Republik. Wien, 1989, S. 109-157.

Anmerkung: Der Beitrag ist in der Ausgabe 5-6/15 der Fachzeitschrift „Öffentliche Sicherheit“ erschienen.

Mai 31, 2015 Posted by | Uncategorized | Hinterlasse einen Kommentar

Schloss Stadlhof im neuen Glanz

Das spätbarocke kleine Schloss Stadlhof bei St. Donat ist ein Juwel des Zollfeldes. Es wurde in den 1770er-Jahren errichtet.

Schloss Stadlhof wurde in den 1770er-Jahren errichtet.

Schloss Stadlhof wurde in den 1770er-Jahren errichtet.

An der alten Straße von St. Veit an der Glan nach Klagenfurt befindet sich nach St. Donat auf der linken Seite am Hang das kleine, in den letzten Jahren renovierte Schloss Stadlhof (auch: Stadelhof). Ursprünglich stand hier ein Gutshof des Klosters St. Georgen am Längsee. Der Name geht möglicherweise auf Hans Stadler zu Pach zurück, der hier, an der Landgerichtsgrenze zwischen Osterwitz und Maria Saal, ein Herrenhaus errichten ließ. Das Gut hieß damals Stadlerhof zu Pach.

Im 16. Jahrhundert war die Familie Jabornigg mit dem Stadlhof belehnt. 1599 ging das Gut an den Tanzenberger Schlossherr Siegmund von Keutschach. Er war einer der letzten einflussreichen Mitglieder der Adelsfamilie Keutschach, deren bedeutendster Vertreter Salzburgs Erzbischof Leonhard (um 1442 – 1519) war. Dieser ließ die Burg Taggenbrunn bei St. Veit an der Glan ausbauen und stattete die Anlage prachtvoll aus. Er erwarb 1502 von Kaiser Maximilian I. Stadt, Gericht und Herrschaft Gmünd und ließ auch das Stift Eberndorf befestigen. Die Machtfülle als Erzbischof ermöglichte es ihm, Güter zu erwerben, die er zum Teil seinen Neffen und anderen Verwandten zuschanzte, darunter die Herrschaften Tanzenberg, Feldsberg, Tiffen und Himmelberg. Die Familie Keutschach hatte auch das von Erzherzog Karl 1565 verliehene Amt des Erblandhofmeisters von Kärnten inne.

Nach dem Tod Siegmunds von Keutschach ging der Stadlhof an die Himmelberger. Als Georg Christof von Himmelberg 1616 starb, verkauften die Vertreter der Erben das Gut an Johann Weber von und zu Ehrental. Er war kaiserlicher Rat und Landschaftssekretär, hatte 1630 die Burg Glanegg und das Schloss Moosburg von Hektor von Ernau erworben, der als Protestant das Land verlassen musste. 1645 kam Weber von und zu Ehrental auch in den Besitz des nach ihm benannten Schlosses Ehrental bei Klagenfurt. Von Webers Tochter und Erbin Anna ging der Stadlhof an ihren Mann Erasmus Seyfried Khrüner von Khrünegg. Sohn Johann Melchior Khrüner von Khrünegg, der mit Maria Konstantia von Ruesdorf verheiratet war, erbte das Gut. Seine Erben verkauften den Besitz an die Familie von Hagenegg. 1716 erwarb Johann Andreas von Jauritsch zu Hertzfeldt (um 1648 – 1726) den Stadlhof. Er war mit der Familie Hagenegg verschwägert, wurde 1691 in den Ritterstand erhoben und war ab 1703 landschaftlicher Kassier in Klagenfurt. Danach kam der Gutshof an den Klagenfurter Juristen Alexander von Paßberg.

Der Umbau des Gutshofes zum heutigen Schloss erfolgte zwischen 1772 und 1780. Der Entwurf für den Bauplan stammt höchstwahrscheinlich von Johann Georg Hagenauer, der unter anderem Schloss Pöckstein und das Priesterseminar in Straßburg errichtete. Ein weiterer Schlossbesitzer war Erasmus Seyfried Kreiner vom Spiritushof. 1797 erwarb Vinzenzia Freiin von Schluga das Schloss, im Jahr darauf wurde Johann Mathias Freiherr von Koller neuer Besitzer. Koller hatte sich 1749 als Eisenhändler in St. Veit an der Glan niedergelassen, war 1769 geadelt und 1792 in den Freiherrenstand erhoben worden. 1784 war er Stadtrichter (Bürgermeister) in St. Veit an der Glan. Er ließ um 1780 am Hauptplatz in St. Veit ein Stadtpalais errichten. In diesem Gebäude ist heute die Bezirkshauptmannschaft untergebracht. Sein Sohn Franz Freiherr von Koller erbte den Stadlhof. 1846 ging der Besitz an Gustav Graf Egger, dessen Mutter Katharina aus der Familie Koller stammte.

Ab 1886 befand sich das Schlossgut im Besitz von Dionys Julius Craigher von Jachelutta, dem einzigen Sohn des Schriftstellers, Übersetzers und Diplomaten Jacob Nicolaus Craigher de Jachelutta. 1896 ging das Anwesen an Viktor Friedrich Ernst von Schönburg-Waldenburg, 1923 an Oskar Schneditz, 1953 an die Familie Dreihann-Holenia und 1975 an Elisabeth Fräss-Ehrfeld. Von 1991 bis 2001 gehörte das Schloss dem Grazer Industriellen Martin Auer, die Mitte der 1990er-Jahre mit der Renovierung begann. Im Jahr 2001 übernahm das Land Kärnten den Besitz. 2009 erwarb der Unternehmer Hermann Fleischhacker Schloss Stadlhof und setzte die Renovierungsarbeiten fort. Heute ist Schloss Stadlhof wieder ein Schmuckstück unter den historischen Bauwerken rund um St. Veit an der Glan.

Werner Sabitzer

Quellen/Literatur:

Dehio – Handbuch: Die Kunstdenkmäler Österreichs – Kärnten. 3. Auflage, Wien 2001.

Fräss-Ehrfeld, Claudia: Geschichte Kärntens, Band 2. Die ständische Epoche, Klagenfurt, 1994.

Kohla, Franz Xaver; Metnitz, Gustav Adolf v.; Moro, Gotbert: Kärntner Burgenkunde. Ergebnisse und Hinweise in Übersicht. Erster Teil: Kärntens Burgen, Schlösser, Ansitze und wehrhafte Stätten. Ein Beitrag zur Siedlungstopographie. Zweite Auflage. Geschichtsverein für Kärnten, Klagenfurt 1973.

Kohla, Franz Xaver; Metnitz, Gustav Adolf v.; Moro, Gotbert: Kärntner Burgenkunde. Ergebnisse und Hinweise in Übersicht. Zweiter Teil: Quellen- und Literaturhinweise zur geschichtlichen und rechtlichen Stellung der Burgen, Schlösser und Ansitze in Kärnten sowie ihrer Besitzer. Geschichtsverein für Kärnten, Klagenfurt 1973.

Sabitzer, Werner: Adelige in Kärnten (unveröff.).

Wiessner, Hermann: Burgen und Schlösser um Wolfsberg, Friesach, St. Veit. Birkenverlag (Kärnten – I ), Wien, 1964.

Nebengebäudes des Schlosses Stadlhof.

Nebengebäude des Schlosses Stadlhof.

Mai 31, 2015 Posted by | Uncategorized | Hinterlasse einen Kommentar