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Rebellische Gurktaler: Der Steueraufstand 1931

Im November 1931 beschlossen die Bürgermeister der sieben Gemeinden des Gurktals bei einer Protestversammlung in Weitensfeld, keine Steuern und Abgaben mehr zu zahlen.

Die Weltwirtschaftskrise von 1929, die hohe Arbeitslosigkeit in Österreich, hohe Reparationszahlungen als Folge des Ersten Weltkriegs und die enorme Verschuldung des Staates führte zu einer schweren wirtschaftlichen Krise auch im Gurktal. Viele Bauern waren verschuldet, Höfe wurden versteigert und die Gurktaler Gemeinden waren kaum mehr in der Lage, den finanziellen Forderungen nachzukommen.

Im Herbst 1931 eskalierte die Lage. Die Bürgermeister der sieben Gurktaler Gemeinden Albeck, Deutsch-Griffen, Glödnitz, Weitensfeld, Gurk, Straßburg und Pisweg sowie Gemeinderäte, Bauern und Vertreter der Wirtschaft kamen am 11. November 1931 in Weitensfeld zu einer Protestversammlung zusammen. Die Gemeindevertreter erklärten sich für zahlungsunfähig und es wurde der einstimmige Beschluss gefasst, bis auf Weiteres keine Steuern, Abgaben und Kreditzinszahlungen an das Land Kärnten und an den Bund zu entrichten.

Protestbrief an den Innenminister

Bei der Protestversammlung wurde eine Entschließung an den – unter anderem für Gemeindeangelegenheiten zuständigen – Bundesminister für innere Angelegenheiten Franz Winkler gerichtet. Die von den sieben Gurktaler Bürgermeistern unterschriebene Entschließung hatte folgenden Wortlaut:

„Da sämtliche bisher gefassten Entschließungen und Forderungen, die zum Aufleben unserer Wirtschaft und zur Milderung der Wirtschaftsnot beigetragen hätten, bisher ohne jeden Erfolg geblieben sind, und anderseits die von der Regierung getroffenen Maßnahmen nicht ausreichen, uns über das Wirtschaftselend hinwegzuhelfen, sehen sich die Bürgermeister aus dem Gurktale auf Drängen der gesamten Steuerträger ihrer Gemeinden gezwungen, nachstehende Entschließung zu überreichen: Die Steuerträger aus den Gemeinden Albeck, Deutsch-Griffen, Groß-Glödnitz, Weitensfeld, Gurk, Straßburg und Pisweg erklären sich für zahlungsunfähig. Es werden von heute an keinerlei Steuern, Landes- und Bundesabgaben, soziale Lasten, Krankenkassenleistungen, Hypothekarzinsen und Darlehenszahlungen mehr geleistet. Gleichzeitig wird die sofortige Einstellung sämtlicher laufenden obgenannte Zahlungen betreffenden Exekutionen gefordert. Sollten die Exekutionen trotzdem – und wenn auch mit Staatsexekutiven – durchgeführt werden, so lehnen wir jede Verantwortung, die sich aus einer solchen Handlungsweise ergeben sollte, entschieden ab und warnen vor einem solchen Schritt!“

Der letzte Satz enthielt die indirekte Drohung, dass einem behördlichen Zwang mit Gewalt reagiert werden könnte.

Auch in der Steiermark beschlossen einige kleine Gemeinden, Zahlungen von Bundes- und Landesabgaben einzustellen.

Niederschlagung des Steuerstreiks

Der Steuerstreik hielt nicht lange an. Die Kärntner Landessteuerdirektion stellte bald den Großteil des Gurktals unter Zwangsverwaltung, insgesamt waren es über 50 bäuerliche Siedlungen und Gehöfte. Ein Wirtschaftsfachmann aus Klagenfurt wurde zur Vollstreckung der Zwangsverwaltung nach Straßburg geschickt. Wütende Bauern verhinderten aber vielfach die Durchsetzung von Zwangsvollstreckungen. Als etwa 1932 bei einigen Bauern in Glödnitz Vieh beschlagnahmt werden sollte, um Steuerschulden zu begleichen, rotteten sich Bauern zusammen und verhinderten den Abtransport des Viehs.

Die wirtschaftliche Not im Gurktal blieb bestehen. Immer mehr Bauernhöfe wurden zwangsversteigert. Von der wirtschaftlichen Not profitierten die Nationalsozialisten, die vor allem im oberen Gurktal viele Anhänger fanden. Zwei Jahre nach der Niederschlagung des Steuerstreiks kam es im Juli 1934 zu einem Putschversuch der illegalen Nationalsozialisten, der in der Gemeinde Weitensfeld neun Tote forderte. Und als am 12. März 1938 nationalsozialistische Truppen in Österreich einmarschierten, jubelte fast das ganze Gurktal.

Werner Sabitzer

 

 

 

Mai 8, 2016 Posted by | Das Gurktal - Geschichte und Geschichten, Geschichte, Kärnten - Geschichte | Hinterlasse einen Kommentar

Die Leonhardskirche in Höllein

Eine der interessantesten Kirchen im Gurktal ist das romanische Kirchlein St. Leonhard in Höllein.

 

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Unter dem Bergbauernhof vlg. „Fåsch in der Höll“ in Höllein bei Gundersdorf befindet sich eine kleine Kirche, die dem heiligen Leonhard geweiht ist. Das ursprünglich auch dem heiligen Lorenz geweihte Gotteshaus wurde im 11. Jahrhundert errichtet, aber erst 1404 erstmals urkundlich erwähnt. Der breite Vorhallenturm dürfte aus dem 14. Jahrhundert stammen und der hölzerne Aufbau ist jüngeren Datums.

Im Hochmittelalter wurde im Hölleiner Gebiet Silber abgebaut und hier befand sich eine schon 1045 urkundlich erwähnte Knappensiedlung. Als sich Kaiser Friedrich II. Barbarossa 1170 in Friesach aufhielt, gewährte er Bischof Roman I. von Gurk den Besitz der Erzgruben in Höllein und anderen Bergwerken auf Gurker Boden, die bis dahin dem Erzbistum Salzburg vorbehalten waren. Roman I. war der bedeutendste Gurker Bischof im Hochmittelalter. Er begann mit dem Bau des Gurker Doms und ließ die Straßburg errichten. Er gilt auch als Erbauer der ursprünglichen Burg Pöckstein.

 

Leonhardskette

Leonhardskette

Eine Besonderheit der Leonhardskirche ist eine geschmiedete Kette, mit der Kirche umzogen ist – die sogenannte „Leonhardskette“. Der Sage nach soll diese Kette nach dem Türkeneinfall in das Gurktal von 1478 geschmiedet worden sein – als Folge eines Gelübdes und als Dank, dass der Ort von den Eindringlingen verschont worden sei.

In einer Urkunde von 1513 wird der Ort „Dehelen“ genannt. Das Kirchlein war früher eine Filialkirche von Friesach. Im Jahr 1780 wurde beantragt, in Höllein eine eigene Kuratie zu errichten. Die ehemalige Pfarrkirche am Petersberg hätte dazu mit einer höheren Geldsumme beitragen sollen. Da es aber zu wenig und weit verstreute Bewohner für die neu zu errichtende Seelsorgestation gab, kam es nicht dazu.

In den Jahren 1993 und 1994 erhielt die Kirche einen neuen Anstrich. Danach wurde sie neu geweiht. Früher gab es auch einen jährlichen Kirchtag beim „Fåsch in der Höll“.

 

Das Hölleiner Kruzifix

Hoelleiner_Kruzifix

Aus der Kirche stammt eines der berühmtesten romanischen Sakralkunstwerke Österreichs – das „Hölleiner Kruzifix“ von 1170/80, ein „Vier-Nagel-Typus“. Die Beine des Gekreuzigten sind nebeneinander ans Kreuz geschlagen. Ursprünglich war eine Fußstütze (Suppedaneum) vorhanden. Das knapp ein Meter hohe Kruzifix ist das einzige erhaltene romanische „Großkreuz“ Kärntens. Dieses Holzkreuz und eine gotische Leonhardsfigur aus der Hölleiner Kirche können seit Mai 2014 in der neuen „Schatzkammer Gurk“ im Propsthof besichtigt werden, in der sich nun die Exponate des ehemaligen Diözesanmuseums Klagenfurt befinden.

Werner Sabitzer

 

Quellen:

Biedermann, Gottfried: Romanik in Kärnten. Reihe: Die Kunstgeschichte Kärntens, hrsg. von Gottfried Biedermann und Barbara Kienzl. Universitätsverlag Carinthia, Klagenfurt, 1994.

Dehio – Handbuch: Die Kunstdenkmäler Österreichs – Kärnten. 3. Auflage, Wien 2001.

Sabitzer Werner: Land der Hemma.Das Gurktal: Geschichte und Geschichten. Styria Verlag, Wien/Graz/Klagenfurt, 2013.

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Mai 31, 2014 Posted by | Das Gurktal - Geschichte und Geschichten, Kärnten - Geschichte | Hinterlasse einen Kommentar

Das Hochwasser in Weitensfeld im Jahr 1909

Vor 100 Jahren, vom 7. bis 9. Oktober 1909, kam es in Weitensfeld zu einer der größten Überschwemmungen in der Geschichte der Marktgemeinde.

In der Nacht auf den 7. Oktober 1909 regnete es ununterbrochen in Strömen. Die Gurk stieg langsam an, trat an einigen Stellen über die Ufer und am Vormittag wurden die ersten Sägehölzer angeschwemmt. Es regnete weiter. Feuerwehrhauptmann-Stellvertreter Ferdinand Gorton und Oberlehrer Ferdinand Schwarz alarmierten um zehn Uhr die Feuerwehr; Bürgermeister Josef Rettl befand sich nicht in Weitensfeld. Inzwischen stand die Mühlwiese, die Gorton-Mühle, das Elektrizitätswerk, die Säge, die Trattenschmiede und einige Häuser auf der „Tratten“ unter Wasser. Feuerwehrleute, Gendarmeriebeamte und Freiwillige bargen die Getreide- und Mehlvorräte aus der Gorton-Mühle und brachten auch die Bewohner und das Vieh aus dem gefährdeten Gebiet. Urban Begusch, Besitzer des Bärenwirts, rettete Kinder und zwei alte Frauen aus den Fluten, die ihm bis zur Hüfte standen.

Dammbruch wegen Verklausung

Bei den Brücken und Wehren wurde versucht, Verklausungen durch angeschwemmtes Holz zu verhindern. Die Fluten rissen Tausende Sagstöcke von Holzlagern in Kleinglödnitz mit.
Wegen einer Verklausung brach der Damm der Gurk oberhalb der Herzele-Säge und die Fluten strömten an der Kirche vorbei durch die Kirchgasse und die Gärten des Sattler-, Tischler- und Pfandl-Hauses in den Markt – 30 Häuser standen innerhalb einer halben Stunde unter Wasser. Die Bewohner konnten sich in die oberen Stockwerke retten. Die Geschäfte Filipowsky (heute: Mosser), Gutzelnig (heute: Bernhard-Haus) und Großmann (heute: Hlebcar-Haus) wurden überflutet, ebenso die Häuser des Gerbermeisters Veit Anderiasch, des Schuhmachers Eusebius Seitlinger, des Wagnermeisters Anton Burger und des Distriktsarztes Freiherr von Jabornegg (heute: Napotnik-Haus). An vielen weiteren Häusern entstanden große Schäden, unter anderem beim Bärenwirt, beim Gorton-Haus und in der Bäckerei Lukas Smrekar (heute: Hochsteiner-/Ortner-Haus). Die Bäckerei wurde unterspült und musste gegen das Mosser-Haus gestützt werden musste.
Um zwei Uhr stand der Telegraphenapparat in der Post im Kalsberger-Haus (heute: Terkl-Haus) unter Wasser. Es regnete weiter und das Hochwasser stieg an. Um zehn Uhr nachts wurde beim Smrekar-Haus ein Wasserstand von 178 Zentimetern gemessen.
Der Bezirkshauptmann von St. Veit/Glan kam am Abend mit dem Gurktaler Zug nach Weitensfeld; er übernahm die Leitung über den Katastropheneinsatz. Inzwischen war auch Bürgermeister Josef Rettl nach Weitensfeld zurückgekehrt. Mit provisorisch zusammengebauten Flößen wurde versucht, zu den in den Häusern eingeschlossenen Bewohnern zu kommen. Dabei kam es in den reißenden Fluten zu lebensgefährlichen Situationen.
Am 8. Oktober gelang es mutigen Helfern, die Verklausung bei der Herzele-Säge zu lösen, das Hochwasser konnte dadurch besser abfließen. Der Wasserstand begann sich zu senken. Am Nachmittag konnten die Eingeschlossenen im unteren Markt mit Wasser und Lebensmitteln versorgt werden.

Enorme Schäden im Gurktal

Als sich am 9. Oktober die Situation normalisierte, wurde das Ausmaß der Schäden ersichtlich: In vielen Häusern waren Fußboden herausgerissen, Türen und Fenster sowie viele Einrichtungsgegenstände waren fortgeschwemmt. Auch die Gurktalbahn war vom Hochwasser betroffen. Bei der Dürrmühle war der Gleiskörper unterspült.
Auch in Gurk und Strassburg gab es schwere Schäden durch die Fluten. In Mellach wurde ein Müller in der Zechner-Mühle vom Hochwasser eingeschlossen. Drei Tage musste er darin ohne Nahrung ausharren, bis er am 9. Oktober vom Prosseggerwirt Alois Wintschnig gerettet wurde. Wintschnig band sich ein Seil um den Körper und schwamm zur Mühle. Mit dem Strick konnte ein Drahtseil zur Mühle gezogen werden, das Wintschnig auf dem Giebel der Mühle befestigte. Der Müller wurde auf einem Brett festgeschnallt und auf dem Drahtseil in Sicherheit gezogen. Auch Wintschnig rettete sich auf dem Drahtseil ans Ufer.
Am 10. Oktober, einem Sonntag, kam eine Infanterie-Einheit ins Gurktal, später auch ein Pionierzug. Die Soldaten errichteten in Strassburg, Gurk und Weitensfeld Notstege über den Fluss. Von den 18 Brücken und Stegen in Weitensfeld blieben nur die alte Pirkerbrücke in Kleinglödnitz und die Brücke beim Brückenschmied stehen, alle anderen wurden von den Fluten fortgerissen. Zwischen Gurk und Pöckstein blieben ebenfalls nur zwei Brücken stehen – beim Pratz und in St. Magdalen.
Der Kärntner Landespräsident Robert Freiherr von Hein besuchte Weitensfeld und versprach Hilfe des Landes Kärnten und des Reichs. Ferdinand Gorton verzichtete auf seinen Anteil am Entschädigungsgeld zugunsten ärmerer Weitensfelder. Die Reste des Herzele-Wehrs wurden abgebaut.

Bau des Hochwasserschutzdamms

Im September 1919 gab es in Weitensfeld eine weitere schwere Überschwemmung, die wiederum großen Schaden anrichtete. Zwei Jahre später wurde endlich mit dem Bau eines wirksamen Hochwasserschutzdamms begonnen. Der inzwischen zum Landesrat avancierte Josef Rettl und sein Nachfolger als Bürgermeister, Laurenz Knaflitsch, leisteten bei den Landesbehörden Überzeugungsarbeit.
Josef Rettl (1858 – 1945) war Gastwirt, Bürgermeister von Weitensfeld von 1897 bis 1919 sowie Kommandant der Freiwilligen Feuerwehr von 1886 bis 1900 und von 1904 bis 1910, außerdem war er Gründer und Obmann der Raiffeisenkasse Weitensfeld. Nach dem Ersten Weltkrieg wurde er in die provisorische Landesversammlung berufen, wo er bis Juli 1921 Landtagsabgeordneter war. Danach war er Landesrat-Stellvertreter und von November 1923 bis Mai 1927 wieder Landtagsabgeordneter. Ab 1919 war er Bezirksvertreter des Landbunds. Oberveterinärrat Laurenz Knaflitsch (1871 – 1945) war Tierarzt und von 1920 bis 1924 Bürgermeister von Weitensfeld.
Im Sommer 1921 begannen etwa 50 Arbeiter mit dem Bau des Uferschutzdamms, der im Spätherbst 1921 abgeschlossen wurde. Gleichzeitig wurde die Gurkbrücke bei der Brückenschmiede erneuert und die Wasserwehre bei der Gortonmühle tiefer gelegt und mit Schleusen versehen. Ein Drittel der Kosten in der Höhe von neun Millionen Kronen musste die Marktkommune beitragen. Josef Rettl wurde wegen seiner Bemühungen zum Dammbau und anderer Verdienste im Jahr 1921 zum Ehrenbürger der Gemeinde Weitensfeld ernannt.
1939/40 wurde der Damm von der Firma Elias Merl verstärkt und erhöht. Dadurch fiel der Schaden beim Hochwasser im Frühsommer 1946, bei dem der höchste jemals gemessene Wasserstand der Gurk erreicht wurde, nicht allzu hoch aus. Nach diesem Hochwasser wurde der Uferschutzdamm um einen halben Meter erhöht – mit Mitteln aus dem Katastrophenfonds des Landes Kärnten und durch Sonderzuteilung von Baumaterial.

Werner Sabitzer

Quellen:
Brachmeier, Hartmut: Hochwässer und Hochwasserschutz in Weitensfeld, in: Weitensfelder Kulturbote, Nr. 4/2001, S. 4-8.
Pirker, Franz: Aus der Ortsgeschichte von Weitensfeld im Gurktale. Sammlung von Geschichtsbildern, 1982 (unveröffentlicht).
Zeloth, Thomas (Hg.): Weitensfeld. Eine Marktgemeinde im Herzen des Gurktales. Klagenfurt, 2008.

September 28, 2009 Posted by | Das Gurktal - Geschichte und Geschichten, Kärnten - Geschichte | , , , , | 1 Kommentar

Die „Herrin von Murau“

Anna Neumann von Wasserleonburg, die „Herrin von Murau“, war eine der reichsten Frauen Österreichs zu Beginn des 17. Jahrhunderts. Ihre Vorfahren stammen aus dem Raum Weitensfeld.

Anna Neumann wurde am 25. November 1535 in Villach als Tochter einer reichen Bürger- und Gewerkenfamilie geboren. Ihre beiden Großväter stammten aus dem Raum Weitensfeld.
Annas Vater Wilhelm Neumann war vermutlich der Sohn von Michael Neumann (des Jüngeren), eines Weitensfelder Bürgers, schreibt der Murauer Archivar Wolfgang Wieland in seiner Biografie über Anna Neumann unter Hinweis auf den Historiker Leopold von Beckh-Widmanstetter („Michel Newman als Bürger zu Weitensfeld in Kärnten“). Wilhelm Neumann besaß um 1530 Erbgüter in Weitensfeld. Seinen Reichtum erwarb er hauptsächlich durch die Erträge aus Quecksilbergruben in Idria (heute: Idrija) und Bleigruben in Bleiberg. Er war von 1516 bis 1518 Stadtrichter (Bürgermeister) in Villach. Kaiser Maximilian ernannte ihn 1515 zum Bergrichter in Idria und erlaubte ihm im selben Jahr neuerlich die Führung eines Wappens. Eine Erhebung in den Adelsstand war damit nicht verbunden. Neumanns Unternehmen handelte auch mit Textilien, Gewürzen und Glaswaren.
Annas Mutter Barbara, eine geborene Rumpf von Wullross, hatte Wilhelm Neumann im Jahr 1528 geheiratet, nachdem dessen erste Frau Praxedis Strigl verstorben war. Barbara Neumann war eine äußerst geschäftstüchtige Frau; ihr wurde Geiz und übersteigertes Besitzstreben nachgesagt. Ihr Vater Wilhelm Rumpf von Wullross war der bedeutendste Herr auf der Burg Wullross im Wimitztal nahe Weitensfeld. Rumpf von Wullross wurde zum Ritter geschlagen, erwarb 1515 die Herrschaft Tentschach und war erster ständischer Burggraf in Klagenfurt. Er hatte am Hof des Kaisers Ferdinand I. das Amt des Truchsess inne. Seine Frau Barbara entstammte der angesehenen Kärntner Familie von Keutschach.
Nach dem Tod ihres Mannes Wilhelm Neumann heiratete Barbara den vermögenden und einflussreichen Adeligen Hans Seenuß, der von 1531 bis 1569 Burgamtmann in Villach war.
Einer der Schuldner Barbara Neumanns war Otto VII. von Liechtenstein-Murau, der schließlich die Herrschaft Treffen samt Landgericht am 1. Mai 1552 an die Familie Neumann verkaufen musste. Die Herrschaft Treffen gehörte – mit einer kurzen Unterbrechung – seit 1368 der Familie Liechtenstein-Murau.

Die ersten Ehen

Anna Neumann verbrachte ihre Kindheit auf Schloss Wasserleonburg, das ihr Vater 1522 von den Brüdern Hans, Andreas und Christoph von Ungnad übernommen hatte. Es handelte sich um eine reichsunmittelbare Herrschaft mit 92 Huben, 11 Zulehnen und 126 Keuschen. Als 21-Jährige heiratete Anna im November 1557 den vermögenden Hans Jakob Freiherr von Thannhausen, den Bruder des Kärntner Landeshauptmanns. Dieser Ehe entstammten zwei Töchter, Elisabeth und Barbara. Hans Jakob Freiherr von Thannhausen starb schon nach knapp dreijähriger Ehe am 23. September 1560. Er wurde in der Dominikanerkirche in Friesach beigesetzt.
Annas ehrgeizige Mutter Barbara legte den Grundstein, dass Anna als „Herrin von Murau“ zu einer der reichsten Frauen Österreich wurde und schließlich in den Hochadel aufstieg: Die Wullrosserin sorgte dafür, dass die junge Witwe Anfang 1566 den steirischen Adeligen Christoph von Liechtenstein-Murau heiratete, dessen Familie seit drei Jahrhunderten auf der Burg Murau saß. Das Geschlecht nannte sich nach der Burg Liechtenstein bei Judenburg (heute eine Ruine). Christophs Vater Otto VII. heiratete Benigna aus der gleichnamigen Familie Liechtenstein-Nikolsburg. Diese Familie, seit 1623 im Fürstenstand, war mit den steirischen Liechtensteins nicht verwandt. Einer der Nachkommen ist der Fürst von und zu Liechtenstein. Die steirische Familie Liechtenstein starb bereits 1619 aus.

Die Herrschaft Murau

Das Murauer Gebiet gehörte im Hochmittelalter zum Herzogtum Kärnten. Die Burg Obermurau wurde zwischen 1232 und 1250 von den Herren von Liechtenstein erbaut, die damals den Raum des oberen Murtals kontrollierten. Im Jahr 1250 erhielt der Minnesänger Ulrich von Liechtenstein vom Kärntner Herzog die Landgerichtsbarkeit für seine Burg „Mvrowe“, die er kurz zuvor von seinem Vater übernommen hatte, sowie 1256 Schurfrechte in der Umgebung. Ulrich von Liechtenstein bevorzugte als Wohnsitz aber die Frauenburg in Unzmarkt.
1269 wurde die Burg Murau von König Przemysl Ottokar II. teilweise zerstört. Er fühlte sich als rechtmäßiger Erbe des Herzogtums Kärntens nach dem Tod seines Schwagers, des letzten Spanheimer Herzogs Ulrich. Der steirische Adel lehnte sich aber den Böhmenkönig auf. Die böhmischen Besatzer blieben bis zu ihrer endgültigen Vertreibung im Jahr 1276 in Murau. Danach kam die Herrschaft an der oberen Mur an den Sohn Ulrichs von Liechtenstein, Otto II. zurück, der mit dem Wiederaufbau begann. 1298 erhielt die Siedlung unter der Burg das Stadtrecht. 1312 kam es in der Familie Liechtenstein zu einer Trennung in eine Frauenburger und eine Murauer Linie. Der Murauer Zweig brachte es zu größerem Besitz im Herzogtum Kärnten und hatte dort auch das Marschallamt inne, eines der erblichen Hofämter. In der Steiermark stellten die Liechtensteiner die Kämmerer.
Der Niedergang der einst mächtigen Liechtensteiner begann Ende des 14. Jahrhunderts. Friedrich II. von Liechtenstein musste wegen hoher Schulden die Herrschaft Murau 1392 an Wulfing von Stubenberg verpfänden.
Während der Ungarneinfälle stellte Niklas von Liechtenstein 1487 Murau dem ungarischen König als Stützpunkt zur Verfügung, worauf er von Kaiser Friedrich III. 1490 geächtet wurde. Murau wurde danach von einem Pfleger des Kärntner Herzogs verwaltet. Zwar erhielten die Liechtensteiner 1495 ihre Besitzungen von König Maximilian I. wieder zurück, doch waren ihre finanziellen Verhältnisse so schlecht, dass es immer wieder zu größeren Abverkäufen kam. Hauptgläubigerin war die Familie Neumann von Wasserleonburg.

Reiches Erbe

Nach der Hochzeit mit Christophs II. von Liechtenstein zog Anna in das Schloss Murau. Da ihre Brüder inzwischen ohne Nachkommen verstorben waren, erbte sie 1569 nach dem Tod ihrer Mutter Barbara die Kärntner Besitzungen Wasserleonburg, Treffen, Leonstein in Pörtschach und Vordernberg im Gailtal sowie die Bergwerksanteile in Idria und Bleiberg. Dazu kamen Bargeld und Pfandbriefe. Anna, nun Hauptgläuberin der Herren von Liechtenstein-Murau, erwarb 1574 den Murauer Besitz von ihrem Mann und dessen Brüdern sowie deren Güter in Niederösterreich und im Burgenland. Im Gegensatz zu ihrer geizigen Mutter war Anna sozial eingestellt. Sie ließ unter anderem im Jahr 1576 das Spitalsgebäude in Murau erweitern und unterstützte mittellose Menschen.
Nach dem Tod Christoph II. von Liechtenstein-Murau im Jahr 1580 heiratete Anna zwei Jahre später einen langjährigen Bekannten und ebenfalls Schuldner der Familie Neumann, Ludwig Freiherr Ungnad von Sonnegg, Sohn des Landeshauptmanns der Steiermark. Ludwig Ungnad war unter anderem Mundschenk des späteren Königs Maximilians II. und 1570 Burggraf in Klagenfurt. Nach drei Jahren Ehe starb Ludwig in Klagenfurt.
Der vierte Ehemann der Herrin von Murau war ihr vermögender Gutsnachbar im oberen Murtal, Carl Freiherr von Teuffenbach, den sie 1586 ehelichte. Wie sein Vorgänger Ludwig Ungnad war auch er evangelisch. Anna vermehrte in den kommenden Jahren ihr Vermögen weiter. Als sie bereits 75 Jahre alt war, wurde sie zum vierten Mal Witwe.

Als „Hexe“ verleumdet

Die reiche Herrin von Murau hatte wegen ihres Vermögens viele Neider. Auch der Umstand, dass sie mehrmals Witwe geworden war, gab Anlass zu Spekulationen und Verleumdungen. Man dichtete ihr eine „weiße Leber“ an und sie war zweimal in einen Hexenprozess verwickelt. Ihr wurde vorgeworfen, sie hätte „Hexen“ und „Zauberer“ zum „Wettermachen“ angestiftet, damit sie auf ihren Gütern eine reiche Ernte hätte. Die Beschuldigungen reichten aber nicht zu einer Verurteilung der Murauer Herrin.

Keine Nachkommen

Annas ältere Tochter Elisabeth heiratete 1576 den angesehenen Adeligen Leonhard von Kollnitz und nach dessen Tod Christoph Freiherrn von Auersperg aus der gefürsteten Linie der Auerspergs. Sie verstarb am 14. Mai 1592 kinderlos. Die jüngere Tochter Barbara verschied bereits am 28. November 1578 – sie war ledig. Anna Neumann hatte dadurch keine Nachkommen. Denn außer mit ihrem ersten Gemahl hatte sie mit keinem ihrer weiteren Ehemänner Kinder. Die Herrin von Murau fasste daher den Entschluss, das riesige Vermögen einer hochadeligen Familie weiterzugeben. Eine Adoption war damals nicht vorgesehen, es war nur eine weitere Ehe möglich.
Der dafür Auserkorene war der 30 Jahre alte Ferdinand Graf zu Ortenburg-Salamanca, den sie nach einem Trauerjahr am 1. November 1611 auf Schloss Murau heiratete. Ferdinands Vater Gabriel, der von Erzherzog Ferdinand mit der Grafschaft Ortenburg in Kärnten belehnt worden war, ließ das heutige Schloss Porcia in Spittal an der Drau errichten.
Für Anna, nun Gräfin von Ortenburg, war es nicht die letzte Ehe: Fünf Jahre nach der Hochzeit mit dem kränkelnden Grafen wurde sie 1616 zum fünften Mal Witwe.
Nun sollte der Besitz an die hochadelige Familie Schwarzenberg gehen. Die bereits 81-jährige Anna heiratete am 25. Juli 1617 den um fast 50 Jahre jüngeren Reichsgrafen Georg Ludwig zu Schwarzenberg. Der am 24. Dezember 1586 geborene, spätere kaiserliche Gesandte stammte aus einer traditionsreichen Adelsfamilie. Sein Vater war Graf Christoph zu Schwarzenberg (1550 – 1596), seine Mutter Anna (1153 – 1622) entstammte der Familie Kärgl zu Furth. Vermittelt wurde die Ehe vom Ratgeber des Erzherzogs und späteren Kaisers Ferdinand, Johann Ulrich Freiherr zu Eggenburg. Einen Monat nach der Hochzeit verfügte Anna, dass ihr junger Mann nach ihrem Tod die Herrschaft Murau erben sollte. Schwarzenberg blieb weiterhin im Dienst des Kaisers Ferdinand, er kehrte erst kurz vor dem Tod Annas nach Murau zurück.

Der Tod der Murauerin

Als Anna am 18. Dezember 1623 im hohen Alter von 89 Jahren starb, hinterließ sie ihrem jungen Mann nicht nur großen Besitz, sondern auch erhebliche Forderungen: So schuldete ihr unter anderem Kaiser Ferdinand II. die riesige Summe von 220.000 Gulden. Auch der Erzbischof von Salzburg, Marcus Sitticus, zählte zu den Schuldnern.
Als Angehörige des Augsburger Bekenntnisses wurde sie nicht in der katholischen Pfarrkirche Murau begraben. Erst einen Monat nach dem Tod wurde die Leiche in einem Grab in der Elisabeth-Spitalkirche in Murau beigesetzt. Ende des 19. Jahrhunderts wurden die sterblichen Überreste der Herrin von Murau in die Kapuzinerklosterkirche überführt und im Grab ihres letzten Ehemanns Georg Ludwig zu Schwarzenberg bestattet.
Der Kärntner Besitz der „Neumanin“, die Herrschaften Wasserleonburg und Treffen, gelangte nach einem jahrelangen Gerichtsverfahren an den Erben des Urenkels ihrer Halbschwester Katharina Neumann, Christian Proy von Burgwalden, der im Juni 1625 bei einem Grundstücksstreit auf der Göriacher Alm erschlagen worden war. Anna hatte ihn im Testament mit der Herrschaft Wasserleonburg bedacht und auch mit dem Gedanken gespielt, ihm ihr ganzes Vermögen zu übertragen. Christians Sohn Georg Philipp Proy von Burgwalden war ab Juli 1635 Herr auf Wasserleonburg und Treffen.

Schwarzenberg auf Schloss Murau

Georg Ludwig zu Schwarzenberg ließ zwischen 1628 und 1641 vom süddeutschen Baumeister Valentin Kaut neben dem gotischen Gebäude das heutige Schloss Murau errichten. Das alte Schloss wurde abgetragen. Der Erbe von Annas riesigem Vermögen starb am 22. Juli 1646 in Freudenau – ohne Nachkommen. Der Murauer Besitz gelangte an seinen Cousin Johann Adolf Graf zu Schwarzenberg aus der rheinischen Linie. Er wurde 1670 in den Fürstenstand erhoben. Der Schwarzenbergische Besitz vergrößerte sich im Lauf der nächsten Jahrhunderte enorm. Der Hauptbesitz lag in Böhmen; er wurde 1947 vom kommunistischen Staat Tschechoslowakei enteignet („Lex Schwarzenberg“).
1965 übernahm Karl Johannes Schwarzenberg den reichen Besitz in Österreich von seinem Adoptivvater; nach dem Tod des älteren Bruders seines Adoptivvaters 1979 wurde er Oberhaupt des Hauses Schwarzenberg (12. Fürst von und zu Schwarzenberg, Herzog von Krumau, Graf von Sulz, gefürsteter Landgraf im Klettgau). Seit 2007 ist Karl Schwarzenberg Außenminister Tschechiens, vor einigen Jahren erhielt seine Familie Teile des enteigneten Besitzes in Tschechien wieder zurück.

Werner Sabitzer


Quellen:
Beckh-Widmannstetter, Leopold von: Studien an den Grabstätten alter Geschlechter der Steiermark und Kärntens, Berlin 1877/78.
Fräss-Ehrfeld, Claudia: Geschichte Kärntens, Band 2. Die ständische Epoche, Klagenfurt, 1994.
Kohla, Franz Xaver; Metnitz, Gustav Adolf v.; Moro, Gotbert: Kärntner Burgenkunde. Ergebnisse und Hinweise in Übersicht. Erster Teil: Kärntens Burgen, Schlösser, Ansitze und wehrhafte Stätten. Ein Beitrag zur Siedlungstopographie. Zweite Auflage. Geschichtsverein für Kärnten, Klagenfurt, 1973.
Kohla, Franz Xaver; Metnitz, Gustav Adolf v.; Moro, Gotbert: Kärntner Burgenkunde. Ergebnisse und Hinweise in Übersicht. Zweiter Teil: Quellen- und Literaturhinweise zur geschichtlichen und rechtlichen Stellung der Burgen, Schlösser und Ansitze in Kärnten sowie ihrer Besitzer. Geschichtsverein für Kärnten, Klagenfurt, 1973.
Wieland, Wolfgang: Anna Neumann von Wasserleonburg. Die Herrin von Murau, Murau, 1999.

Januar 27, 2008 Posted by | Das Gurktal - Geschichte und Geschichten | , , , | Hinterlasse einen Kommentar