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Die Leonhardskirche in Höllein

Eine der interessantesten Kirchen im Gurktal ist das romanische Kirchlein St. Leonhard in Höllein.

 

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Unter dem Bergbauernhof vlg. „Fåsch in der Höll“ in Höllein bei Gundersdorf befindet sich eine kleine Kirche, die dem heiligen Leonhard geweiht ist. Das ursprünglich auch dem heiligen Lorenz geweihte Gotteshaus wurde im 11. Jahrhundert errichtet, aber erst 1404 erstmals urkundlich erwähnt. Der breite Vorhallenturm dürfte aus dem 14. Jahrhundert stammen und der hölzerne Aufbau ist jüngeren Datums.

Im Hochmittelalter wurde im Hölleiner Gebiet Silber abgebaut und hier befand sich eine schon 1045 urkundlich erwähnte Knappensiedlung. Als sich Kaiser Friedrich II. Barbarossa 1170 in Friesach aufhielt, gewährte er Bischof Roman I. von Gurk den Besitz der Erzgruben in Höllein und anderen Bergwerken auf Gurker Boden, die bis dahin dem Erzbistum Salzburg vorbehalten waren. Roman I. war der bedeutendste Gurker Bischof im Hochmittelalter. Er begann mit dem Bau des Gurker Doms und ließ die Straßburg errichten. Er gilt auch als Erbauer der ursprünglichen Burg Pöckstein.

 

Leonhardskette

Leonhardskette

Eine Besonderheit der Leonhardskirche ist eine geschmiedete Kette, mit der Kirche umzogen ist – die sogenannte „Leonhardskette“. Der Sage nach soll diese Kette nach dem Türkeneinfall in das Gurktal von 1478 geschmiedet worden sein – als Folge eines Gelübdes und als Dank, dass der Ort von den Eindringlingen verschont worden sei.

In einer Urkunde von 1513 wird der Ort „Dehelen“ genannt. Das Kirchlein war früher eine Filialkirche von Friesach. Im Jahr 1780 wurde beantragt, in Höllein eine eigene Kuratie zu errichten. Die ehemalige Pfarrkirche am Petersberg hätte dazu mit einer höheren Geldsumme beitragen sollen. Da es aber zu wenig und weit verstreute Bewohner für die neu zu errichtende Seelsorgestation gab, kam es nicht dazu.

In den Jahren 1993 und 1994 erhielt die Kirche einen neuen Anstrich. Danach wurde sie neu geweiht. Früher gab es auch einen jährlichen Kirchtag beim „Fåsch in der Höll“.

 

Das Hölleiner Kruzifix

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Aus der Kirche stammt eines der berühmtesten romanischen Sakralkunstwerke Österreichs – das „Hölleiner Kruzifix“ von 1170/80, ein „Vier-Nagel-Typus“. Die Beine des Gekreuzigten sind nebeneinander ans Kreuz geschlagen. Ursprünglich war eine Fußstütze (Suppedaneum) vorhanden. Das knapp ein Meter hohe Kruzifix ist das einzige erhaltene romanische „Großkreuz“ Kärntens. Dieses Holzkreuz und eine gotische Leonhardsfigur aus der Hölleiner Kirche können seit Mai 2014 in der neuen „Schatzkammer Gurk“ im Propsthof besichtigt werden, in der sich nun die Exponate des ehemaligen Diözesanmuseums Klagenfurt befinden.

Werner Sabitzer

 

Quellen:

Biedermann, Gottfried: Romanik in Kärnten. Reihe: Die Kunstgeschichte Kärntens, hrsg. von Gottfried Biedermann und Barbara Kienzl. Universitätsverlag Carinthia, Klagenfurt, 1994.

Dehio – Handbuch: Die Kunstdenkmäler Österreichs – Kärnten. 3. Auflage, Wien 2001.

Sabitzer Werner: Land der Hemma.Das Gurktal: Geschichte und Geschichten. Styria Verlag, Wien/Graz/Klagenfurt, 2013.

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Mai 31, 2014 Posted by | Das Gurktal - Geschichte und Geschichten, Kärnten - Geschichte | Hinterlasse einen Kommentar

Land der Hemma – Das Gurktal: Geschichte und Geschichten

Erstmals ist ein Buch über die Geschichte des Gurktals erschienen.

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Die Gurker Bischöfe, die auf Schloss Straßburg residierten, hatten es nicht leicht. Drei von ihnen wurden ermordet, einer zweimal überfallen, beraubt und entführt, einige stritten sich mit Gegenbischöfen, andere führten das Bistum fast in den Ruin. Es gab aber auch einzigartige Erlebnisse: Bischof Raimund Peraudi war der einzige Gurktaler, der sich mit Leonardo da Vinci, dem vermutlich genialsten Künstler der Menschheitsgeschichte, unterhalten konnte. Leonardo arbeitete gerade an der Fertigstellung seines berühmten Freskos „Das Abendmahl“ im Kloster St. Maria delle Grazie in Mailand, als ihn Peraudi besuchte.

Nachzulesen sind diese und viele andere Geschichten über das Gurktal im jüngsten Buch des Weitensfelders Werner Sabitzer. Es ist das erste Werk, das sich ausschließlich dem Gurktal und seiner reichhaltigen Geschichte widmet. Das Buch enthält Beiträge, die ein Bild des Gurktals vom Hochmittelalter bis ins 19. Jahrhundert wiedergeben. Beschrieben werden Burgen, Schlösser und Ruinen, alte Kirchen und Kapellen, interessante historische Persönlichkeiten, Rechtsdenkmäler und andere Besonderheiten des Gebiets von der Engen Gurk bis Zwischenwässern. Der romanische Gurker Dom ist das Wahrzeichen des Gurktals, Schloss Straßburg und danach Schloss Pöckstein waren Bischofssitze, die Magdalenenscheibe von Weitensfeld ist die älteste Glasmalerei Österreichs, Kärntens berüchtigster Räuberhauptmann Simon Kramer trieb auch im Gurktal sein Unwesen, in Straßburg wurden noch Mitte des 17. Jahrhunderts Hexen und Zauberer hingerichtet und in das Alpenbad nach Benesirnitz kamen jahrhundertelang prominente Kurgäste aus dem In- und Ausland. Einige Beiträge in diesem Buch befassen sich mit dunklen Seiten der Geschichte des Gurktals: Aufstände von Burgherren gegen die Bischöfe, Kämpfe um Besitz, Macht und Einfluss, die Verwüstungen von Burgen und Orten, Türkeneinfälle, Pestepidemien und andere folgenschwere Katastrophen.

Werner Sabitzer beschreibt auch einzigartige Bräuche, wie das Kugelschlagen, den Bruderschaftsmontag am Zammelsberg und das Kranzelreiten in Weitensfeld mit dem Wettlauf um die Jungfrau. Dazu kommen weitere interessante Facetten aus der Geschichte des Gurktals, das einst Bergbau- und Industrieregion war und in dem sich ein bedeutendes geistliches Zentrum befand.

Das bewaldete Gurktal wurde erst sehr spät von Kelten besiedelt. Die dokumentierte Geschichte des Tales beginnt Ende des 9. Jahrhunderts. Kaiser Arnulf mit dem Beinamen „von Kärnten“ schenkte 898 dem Edlen Zwentibold den Hof Gurk und fast das gesamte Gurktal. Mit einer weiteren Schenkung erhielt Zwentibold das Metnitztal und die Nebentäler. Ein knappes Jahrhundert später hätte im Gurktal ein Machtzentrum entstehen sollen: Die einflussreiche Witwe Imma, eine Nachfahrin Zwentibolds, erhielt im Jahr 975 von Kaiser Otto II. für ein Kloster in Lieding das Markt-, Münz- und Zollrecht. Mächtige Zeitgenossen, darunter wahrscheinlich auch der Salzburger Erzbischof, verhinderten die Errichtung des mit ertragreichen Privilegien ausgestatteten Klosters.

Immas Enkelin Gräfin Hemma ließ eine Reihe von Kirchen errichten und vermachte ihren Besitz der Kirche, nachdem sie Witwe geworden war und keine Nachkommen mehr hatte. Sie gründete 1043 in Gurk ein Nonnenkloster und stattete es mit reichen Besitz aus. Knapp drei Jahrzehnte später drängte der Salzburger Erzbischof die Bedeutung Hemmas zurück. Er ließ ihr Kloster schließen und gründete mit dem Besitz ein von Salzburg abhängiges Bistum in Gurk. Mit den Bestrebungen der Gurker Bischöfe, die Unabhängigkeit vom Erzbistum Salzburg zu erlangen, kam es zur Wiederentdeckung Hemmas von Gurk. In gefälschten Gurker Urkunden wurde sie als Nichte des Kaisers Heinrich II. bezeichnet und ihre Rolle als Stifterin hervorgehoben. Die Urkundenfälschungen führten zwar nicht zum erwünschten Erfolg, dafür aber zur zunehmenden Verehrung Hemmas als Volksheilige.

Werner Sabitzer: Land der Hemma. Das Gurktal: Geschichte und Geschichten. Styria Verlag, Wien/Graz/Klagenfurt, September 2013. ISBN: 978-3-7012-0148-8

http://www.styriabooks.at/article/4437

September 21, 2013 Posted by | Uncategorized | , , | Hinterlasse einen Kommentar

Justizmord vor 1.000 Jahren

Im Jahr 1012 wurde in Stockerau in Niederösterreich der irische Pilger Koloman ermordet. Er wurde für einen feindlichen Spion gehalten, gefoltert und gehängt.

 

Vor 1.000 Jahren wurde in der Nähe von Stockerau in Niederösterreich ein Fremder angehalten. Der Mann stammte aus Irland und befand sich auf einer Pilgerreise in das Heilige Land. Wegen seines fremdartigen Aussehens wurde er von den Niederösterreichern für einen böhmischen oder ungarischen Spion gehalten und festgenommen.

Politischer Hintergrund waren die Auseinandersetzungen zwischen König Heinrich II. und Herzog Boleslaw I. Chrobry von Polen. Außerdem gab es in dieser Zeit noch immer die Angst vor einen Einfall der Ungarn: Im 10. Jahrhundert waren immer wieder ungarische Truppen in Ostösterreich eingefallen und hatten das Gebiet bis zur Enns besetzt. 955 gelang es in der Schlacht von Lechfeld, die Ungarn dauerhaft zurückzudrängen. Die Gefahr blieb aber.

Koloman, so nannte sich der Fremde, wurde gefoltert und am 17. Juli 1012 laut einer Überlieferung zwischen zwei verurteilten Mördern gehängt. Als zum Tode Verurteilter wurde die Leiche nicht begraben.

Über den irrtümlich Hingerichteten rankten sich bald Mythen: Angeblich soll sich die Verwesung der Leiche verzögert haben. Menschen pilgerten zum Leichnam und es soll zu Wundern gekommen sein. Die Leiche wurde 1013 in der Kirche in Stockerau beigesetzt – an der Stelle, an der sich heute das Kloster St. Koloman befindet. An seinem Grab soll es zu weiteren Wundern gekommen sein, die sich herumsprachen. Eine Kommission ließ das Grab öffnen und überprüfte die Wunden. Dabei soll die Leiche unverwest vorgefunden worden sein.

Der Babenberger Markgraf Heinrich I. ließ die sterblichen Überreste unter Begleitung des Bischofs Megingaud von Eichstätt in seine Residenzstadt Melk überführen und am 13. Oktober 1014 in der St. Peterskirche außerhalb der Melker Burg beisetzen. Dieser Tag ist bis heute der Festtag Kolomans.

Zuerst beschrieben wurde das Ereignis 1017 in der „Chronik“ des Bischofs Thietmar von Merseburg und 1123 in den „Melker Annalen“. Beide Schriften liegen dem zweiteiligen Werk „Passio sancti Colomanni“ des Melker Abtes Echenfried (1122 – 1163) zugrunde, in dem über das Leiden und Wunder am Grab Kolomans in Melk berichtet wird.

 

Koloman-Verehrung

 

Papst Innozenz IV. genehmigte 1244 den 13. Oktober, Kolomans Gedächtnistag, als Feiertag in Österreich und in den benachbarten Provinzen. Für kurze Zeit wurden die Gebeine Kolomans auf Druck des ungarischen Königs nach Stuhlweißenburg gebracht, aber bald wieder nach Melk überführt. Der Schädel soll mit Ausnahme des Unterkiefers in Stuhlweißenburg geblieben sein.

Herzog Rudolf IV. ließ für Koloman 1362 in Melk ein prunkvolles Grabmal errichten. Ein Jahr zuvor war der „Kolomanistein“ in Messing gefasst und in das „Bischofstor“ des Wiener Stephansdoms einmauert worden. Zu dieser Zeit war Koloman Landespatron von Niederösterreich und Schutzpatron der Landsmannschaft „Österreichische Nation“ an der Universität Wien. Als Landespatron wurde er 1663 von Leopold abgelöst.

Koloman wurde nie heilig gesprochen. Er wird aber als „Märtyrer“ bis heute verehrt. Sein Festtag, der 13. Oktober, war Bauernfeiertag und er galt als „Zins- und Diensttag“ – an diesem Tag wurden Schulden zurückgezahlt und auch Urkunden ausgestellt. Kolomans Gebeine befinden sich im linken vorderen Seitenaltar der Melker Stiftskirche. Die älteste Darstellung Kolomans befindet sich in der Kirche St. Coloman bei Schwangau: Die Figur in Mönchstracht ist um 1200 entstanden.

Eine Reihe von Pfarrkirchen in Österreich, Bayern, Südtirol und anderen Ländern sind Koloman geweiht. Einige Orte sind nach ihm benannt, etwa St. Koloman bei Hallein in Salzburg. In Stockerau, dem Ort seiner Hinrichtung, befindet sich das Kloster St. Koloman.

Koloman galt auch als Patron der Gehängten, der Reisenden und des Viehs. Kranke riefen ihn an, wenn sie Kopfschmerzen hatten, sie opferten hölzerne Köpfe. Ein weiterer Brauch war die Opferung von hölzernen Löffeln: Das soll gegen Hals- und Zahnschmerzen gewirkt haben. Die Anrufung Kolomans soll auch bei Ermüdung geholfen haben; für junge Frauen war er Heiratspatron. Früher trugen manche Gläubige ein „Kolomanibüchlein“ mit sich, eine Art „Schutzbrief“. Die Träger glaubten, sie seien geschützt vor Feuer, Dieben, „Hexen“, Gewittern, Gewehrkugeln und Gefahren auf der Reise.

Werner Sabitzer

 

Dezember 30, 2012 Posted by | Uncategorized | Hinterlasse einen Kommentar

Die „Affäre“ Egon Schiele

Vor 100 Jahren wurde der Künstler Egon Schiele in Neulengbach in Niederösterreich wegen Entführung und Schändung eines minderjährigen Mädchens sowie öffentlicher Unsittlichkeit festgenommen.

 

Der 13. April 1912 sollte das Leben und Wirken Egon Schieles entscheidend ändern. An diesem Tag wurde der 21-jährige Künstler nach einer Einvernahme im Bezirksgericht Neulengbach in Untersuchungshaft genommen. Er stand im Verdacht, ein 14-jähriges Mädchen entführt und geschändet zu haben. Außerdem wurde ihm vorgeworfen, durch einige seiner Bilder die öffentliche Sittlichkeit verletzt zu haben.

Egon Schiele hatte sich im August 1911 in einem aus zwei Zimmern bestehenden „Sommerfrischehaus“ in Neulengbach eingemietet, „um immer hier zu bleiben“, wie er seinem Neulengbacher Onkel Leopold Czihaczek schrieb. Schiele kannte den Ort, er war ab 1907 immer wieder zu Besuch bei den Czihaczeks. Der Künstler wohnte und wirkte davor mit seinem Modell Walburga „Wally“ Neuzil einige Monate in Krumau in Tschechien, dem Geburtsort seiner Mutter. Weil er dort junge Mädchen zeichnete und mit Wally in „wilder Ehe“ zusammenlebte, war er Anfeindungen der Bewohner ausgesetzt, deshalb beschloss er, nach Niederösterreich zurückzukehren.

 

Neulengbacher „Affäre“

 

In Neulengbach schuf Schiele etwa 40 Werke, darunter die Bilder „Herbstbaum in bewegter Luft“, „Eremiten“ und „Meine Schlafkammer in Neulengbach“ sowie Zeichnungen mit halbnackten Mädchen. Diese Kunstwerke und ein Vorfall führten zu seiner Verhaftung: Die 14-jährige Tatjana von Mossig, die Schiele einige Wochen davor kennengelernt hatte, kam im April 1912 zu Schieles Haus. Das Mädchen schilderte, es habe mit den Eltern gestritten, sei zu Hause weggelaufen und bat, bei Schiele bleiben zu dürfen. Schiele und Wally lehnten das zunächst ab, ließen das Mädchen aber bei sich übernachten, da es stark regnete und Tatjana versprach, am nächsten Tag zu ihrer Großmutter nach Wien zu fahren. Am Morgen brachten Schiele und Wally das Mädchen mit dem Zug nach Wien. Der Künstler verbrachte den Abend bei einer Veranstaltung eines Gönners, des Industriellen Carl Reininghaus. Als Schiele sich Tags darauf wieder mit Wally auf dem Westbahnhof traf, war auch Tatjana dabei. Das Mädchen hatte es nicht gewagt, zu ihrer Großmutter zu gehen. Deshalb hatten Wally und das Mädchen die Nacht in einem Hotel verbracht. Alle drei kehrten nach Neulengbach zurück, wo Tatjana eine weitere Nacht blieb. Inzwischen hatte Tatjanas Vater Theobald Ritter von Mossig, ein k. k. Linienschiffsleutnant und ehemaliger Marineattaché, der im Schloss Neulengbach wohnte, eine Abgängigkeitsanzeige erstattet. Als er erfuhr, dass sich Tatjana bei Schiele aufhielt, kam er zu dessen Haus, drohte dem Künstler mit einer Anzeige wegen Verführung einer Minderjährigen und holte seine Tochter ab.

Aufgrund der Anzeige Mossigs begann die Gendarmerie wegen des Verdachts der Entführung nach § 96 Strafgesetz (StG) und auch wegen Verdachts der Schändung (§ 128 StG) zu ermitteln. Den Behörden war zu Ohren gekommen, Schiele verwende junge Mädchen als Modelle und habe in seinem Atelier Bilder, die nackte Mädchen zeigten. Bei einer Hausdurchsuchung wurden in Schieles Domizil 125 Zeichnungen beschlagnahmt, darunter das „Farbblatt, darstellend ein ganz junges, nur am Oberkörper bekleidetes Mädchen“.

Schon im Jänner 1910 hatte Schiele Ärger wegen seiner Kunstwerke: Bei einer Ausstellung der „Neukunstgruppe“ in einem Kunstsalon in Wien wurden 14 seiner Zeichnungen von der Polizei beanstandet. Sie durften nicht aufgehängt oder in einer Mappe aufgelegt werden.

Nachdem die Gendarmerie der Staatsanwaltschaft St. Pölten über den Stand der Ermittlungen in der Neulengbacher „Affäre“ berichtet hatte, beantragte die Staatsanwaltschaft die Einleitung der gerichtlichen Voruntersuchung, es wurde zusätzlich wegen einer Sittlichkeitsübertretung nach § 512 StG ermittelt, da Schiele zugab, seine Zeichnungen mit den halbnackten Mädchen den Kindermodellen und deren Freunden gezeigt zu haben.

Am 13. April 1912 wurde über Egon Schiele nach seiner Einvernahme wegen Verabredungsgefahr die Untersuchungshaft verhängt – die Staatsanwaltschaft nahm an, Schiele könnte Tatjana zu einer günstigen Zeugenaussage bewegen. Der sensible Künstler wurde in die Zelle Nr. 2 des Gefangenenhauses des Bezirksgerichts Neulengbach gesteckt. Hier schuf er 13 Werke auf Papier (Bleistift, Aquarell und Gouache). Der Großteil dieser Zeichnungen befindet sich im Besitz der Albertina.

Nach 17 Tagen in der Zelle brachte man Schiele am 30. April 1912 zur Gerichtsverhandlung in das Kreisgericht St. Pölten. Wegen des Vorwurfs der Entführung und Schändung wurde Schiele am 4. Mai 1912 freigesprochen, aber wegen „gröblicher und öffentliches Ärgernis verursachender Verletzung der Sittlichkeit oder Schamhaftigkeit“ zu drei Tagen Arrest verurteilt, weil er erotische Zeichnungen in einem Raum aufgehängt hatte, der auch Kindern zugänglich war.

Die Untersuchungshaft und die dreitägige Arreststrafe veränderten das Leben und Wirken Egon Schieles. Unmittelbar nach der Haftentlassung zog er am 7. Mai 1912 nach Wien. Freunde bewogen ihn, keine halbnackten Mädchen mehr zu zeichnen. Schiele zeichnete keine Kinderakte mehr – mit einer Ausnahme, diese betraf ein Berufsmodell und deren Tochter. „Lieber E. S.“, schrieb Arthur Roessler, ein Förderer Schieles, im Mai 1912 in einer Postkarte an den Künstler, „Es freut mich, dass die ,Affäre‘ für sie so glimpflich ablief, leicht hätte es ärger kommen können.“

Egon Schiele starb am 31. Oktober 1918 28-jährig an der „Spanischen Grippe“. Diese Epidemie forderte kurz nach dem Ende des Ersten Weltkriegs weltweit 20 Millionen Opfer. Drei Tage vor Schieles Tod war seine Frau der Epidemie erlegen.

 

Schieles „Tagebuch“

 

Im Jahr 1922,zehn Jahre nach Schieles Verhaftung, erschien im Wiener Verlag Konegen das Büchlein „Egon Schiele im Gefängnis. Aufzeichnungen und Zeichnungen“, herausgegeben von Arthur Roessler. Darin wird aus einem „Tagebuch“ Schieles zitiert, in dem der Künstler seinen Gefängnisaufenthalt niedergeschrieben haben soll. Das Werk dürfte aber nicht authentisch sein. Laut dem „Tagebuch“ seien ein Gendarmeriebeamter und ein Gemeindediener zu ihm in das Atelier gekommen, um eine Zeichnung wegen „Unanständigkeit“ zu beschlagnahmen. Schiele habe aus Wut den beiden Amtspersonen weitere Zeichnungen gezeigt. Der Gendarm habe daraufhin erklärt: „Die Zeichnungen sind unanständig, die muss ich zu Gericht bringen. Das Weitere werden Sie schon hören!“ Gehört habe Schiele nichts, „aber eingesperrt haben sie mich …“

In der Wochenzeitschrift „Wienerwald Bote“ Nr. 41 vom 7. Oktober 1922 schrieb Johann Zunzer ein Beitrag „Ueber Egon Schiele“. Darin zitierte Zunzer aus Roesslers „Egon Schiele im Gefängnis“ und erhob Vorwürfe: Der Künstler sei nach seiner Verhaftung nicht über den Grund informiert werden, habe den Haftgrund erst nach seiner Überstellung in das Kreisgericht St. Pölten erfahren und sei in einem „dunklen, feuchten Loch“ eingesperrt gewesen. Er sei erniedrigend behandelt worden und habe erst nach vier Tagen Zeichen- und Schreibmaterial erhalten. Abgedruckt wurde auch eine Textstelle, die Schiele angeblich am 18. April 1912 in sein „Tagebuch“ geschrieben habe: „Ich muss mit meinem eigenen Kot wohnen, giftigen stickigen Dunst einatmen. Ich bin unrasiert – ich kann mich nicht einmal ordentlich waschen …“

Der Beitrag im „Wienerwald Boten“ blieb nicht unwidersprochen. In der Ausgabe Nr. 43 vom 21. Oktober 1922 erschien eine Entgegnung des Funktionärs der Richtervereinigung, Zweigverein St. Pölten, Landesgerichtsrat Dr. Max Scheffenegger. Der Richter zitierte aus dem Gerichtsakt des Kreisgerichts St. Pölten Vr. VI. 201/12 (der Akt ist heute nicht mehr auffindbar). Demnach sei sich Egon Schiele niemals über den Grund seiner Verhaftung im Unklaren gewesen, „denn er wurde erst nach einem eineinhalbstündigen richterlichen Verhör, in dessen Verlauf er sich zu allen ihm kundgegebenen Verdachtsmomenten (es handelte sich um ein schweres Sexualdelikt, das er angeblich an einem unmündigen Kind verübt hatte) geäußert hatte, verhaftet, weil mit Grund zu fürchten war, dass er das Kind beeinflussen werde“. Die Anklage sei Schiele nicht erst nach seiner Überstellung nach St. Pölten mitgeteilt worden, sondern „knapp elf Tage nach seiner Verhaftung, noch in Neulengbach ihrem vollen Umfange nach“. Schiele habe sich während seiner Haft auch niemals beschwert und ihm sei der Wiener Rechtsanwalt Dr. Hans Weiser als Strafverteidiger zur Verfügung gestanden. Der Angeklagte sei nicht wegen seiner „Unschuld“ aus der Haft entlassen worden, sondern nach Verbüßung seiner dreitägigen, rechtskräftigen Arreststrafe. „Egon Schiele wurde nicht wegen des angeklagten Verbrechens verurteilt, weil die hiefür einzig maßgebende Person als Zeuge bei der Hauptverhandlung ihre in der Voruntersuchung abgelegte Aussage in einem entscheidenden Punkte abgeschwächt hatte“, schrieb Richtervertreter Scheffenegger. „Der infolgedessen einigermaßen geringer erscheinenden Schuld, die das Gesetz noch immer mit acht Tagen bis zu sechs Monaten strengen Arrests belegt, wurde das Gericht sodann mit der erwähnten dreitägigen Strafe gerecht, die nur deshalb so gelinde ausgefallen ist, weil auf die 21 Tage Untersuchungshaft Rücksicht genommen wurde.“

Das Gefangenenhausim Bezirksgericht Neulengbach mit den sechs Zellen für Männer und drei für Frauen wurde 1956 aufgelassen. Die Zelle Nr. 2, in der Schiele in Untersuchungshaft saß, diente später als Kohlenlager. Die Kunsthistorikerin Prof. Alessandra Comini beschäftigte sich schon in den 1960er-Jahren mit Schieles Neulengbacher Zeit. Sie fand heraus, welches Haus der Künstler gemietet hatte (Neulengbach, Au Nr. 48) und wies 1963 anhand des von Schiele am 19. April 1912 in der Haft gemalten Bildes „Die eine Orange war das einzige Licht“ nach, dass der Künstler in der Zelle Nr. 2 eingesperrt war. Die Initialen „M H“ auf der Zellentür waren auch auf Schieles Zeichnung zu sehen.

 

Egon-Schiele-Saal im Landesgericht Wien

 

Im Landesgericht für Strafsachen Wien gibt es einen „Egon-Schiele-Saal“. Der Künstler war aber niemals hier. Die Bezeichnung beruht auf folgender Begebenheit: Als die Einrichtung eines Gerichtssaales im „Zweierlandl“ (Wiener Landesgericht II) „zerhackt und verheizt“ werden sollte, bemühte sich ein leitender Richter um die Erhaltung der schönen alten Möbel. Um mehr Eindruck zu hinterlassen, erwähnte er, dass vor diesem Richtertisch der berühmte Künstler Egon Schiele gestanden sei. Daraufhin wurden die Möbel gerettet und in den Raum in das Landesgericht gebracht, der seitdem als Egon-Schiele-Saal bezeichnet wird. Heute finden hier Berufungsverhandlungen von Urteilen der Bezirksgerichte statt.

Werner Sabitzer

Dezember 30, 2012 Posted by | Uncategorized | Hinterlasse einen Kommentar

Vor 500 Jahren: Rachemord in Villach

Vor 500 Jahren wurde der friaulische Adelige Antonio Savorgnan vor der Pfarrkirche in Villach erschlagen. Es handelte sich um einen Racheakt.

Als Graf Antonio Savorgnan am 27. März 1512 die Stadtpfarrkirche Villach verließ, warteten seine Feinde vor dem Tor. Als ein Schlag seinen Schädel spaltete, fiel der friaulische Adelige zum Boden. Dann soll laut einem zeitgenössischen Bericht ein großer Hund zum Sterbenden gekommen sein und begonnen haben, ausgetretene Gehirnteile zu fressen.
Die Mörder rächten sich mit dieser grausamen Tat für den Tod ihrer Verwandten im Jahr davor.
Im Jahr 1420 hatten venezianische Truppen Udine erobert; seitdem herrschte die Republik Venezien über Friaul. Die meisten adeligen Feudalherren hatten sich aber mit der neuen Macht arrangiert. Aber die Bevölkerung litt unter der Herrschaft, den hohen Steuern, der Wehrpflicht und anderen Auswüchsen des Feudalsystems. Klerus und Adel hatten Privilegien; adelige Familien stritten auch untereinander um Machtzuwachs. So war die friaulische Grafenfamilie Savorgnan mit einer Reihe anderer adeliger Grundbesitzer verfeindet. Die Savorgnans beuteten die Bauern auf ihrem Herrschaftsgebiet aus, umgekehrt sorgten sie aber auch für sie, wenn es beispielsweise eine Missernte gab.
Die Aufstände der unzufriedenen Bauern und Proletarier begannen im Jahr 1509. Bewaffnete Bauern nahmen die Burg Sterpo ein und zerstörten sie. Ein Hauptziel der Aufständischen war die Burg der reichen Adelsfamilie Colloredo. 1510 kam es zu Kämpfen zwischen friaulischen Adeliger, die von Venezien zurückkehrten, und aufständischen Bauern.

Der Faschingsdienstag-Aufstand

Im Jahr darauf eskalierte die Situation. Und der 1457 geborene Antonio Savorgnan wollte durch die Unruhen profitieren. Der charismatische Feudalherr, der sich mit den venezianischen Besatzern arrangiert hatte, inszenierte am Faschingsdienstag, den 27. Februar 1511 einen Angriff vermeintlicher „venezianischer“ Truppen auf Udine. Die Angreifer wurden von seinem Neffen kommandiert. Graf Savorgnan forderte die Bewohner auf, die Stadt zu verteidigen und den Besitz der mit den Savorgnans verfeindeten Familie della Torre zu plündern. Die Bewohner begannen darauf, auch andere Adelspaläste zu plündern, nur der Besitz von Savorgnan blieb verschont. Viele Mitglieder der adeligen Familien von Udine wurden von den Rebellen ermordet, die Leichen wurden geschändet. Dann zogen die Aufständischen die prunkvollen Kleider der Adeligen an und feierten in dieser Maskerade „Fasching“
Antonio Savorgnans hatte ein wesentliches Ziel erreicht – viele seiner adeligen Rivalen waren tot oder geflüchtet. Um zu verhindern, dass seine Aktion, die die blutigen Aufständen ausgelöst hatten, verraten wurde, ermordete er zwei seiner Kämpfer sowie einen dritten Zeugen und warf die Leichen in einen Brunnen.
Einige Tage später kam eine reguläre militärische Truppe nach Udine, um die öffentliche Ordnung wieder herzustellen. Inzwischen hatten aufständische Bauern eine Reihe von Burgen belagert und eingenommen. Die offiziellen Truppen besiegten nach und nach die Rebellen.
Die venezianische Regierung verurteilte die wesentlichen Führer der Aufständischen zum Tod. Antonio Savorgnan flüchtete in das Herzogtum Kärnten und versteckte sich in Villach. Die friaulischen Adeligen Spilimbergo und Colloredo spürten ihn in der Draustadt auf und erschlugen ihn vor der Kirche.

Werner Sabitzer

Dezember 30, 2012 Posted by | Uncategorized | Hinterlasse einen Kommentar

Österreichs erste „Hofrätin“

Vor 150 Jahren wurde Hertha Sprung geboren. Sie war die erste Frau in Österreich, die den Berufstitel „Hofrat“ verliehen bekam. Ihr Vater stammte aus St. Veit/Glan.

Henriette Hauser, „Hertha“ genannt, wurde am 4. Februar 1862 in Graz geboren. Ihre Mutter Anna, geb. Reichsfreiin von Risenfels, entstammte einer angesehenen Tiroler Adelsfamilie; ihr Vater Heinrich Hauser stammte aus St. Veit an der Glan in Kärnten, wo sein Vater Bürgermeister war. Heinrich Hauser wurde wegen besonderer Tapferkeit als Offizier 1850 mit dem Militär-Maria-Theresien-Orden ausgezeichnet und in den Freiherrnstand erhoben. 1860 quittierte er den Militärdienst. Im Jahr 1875 zog die Familie von Klagenfurt nach Wien, wo Hertha die Mädchenschule des Frauenerwerbsvereins besuchte. Sie war sehr musikalisch, ließ sich im Gesang ausbilden und legte am Konservatorium in Wien die Staatsprüfung für Klavier mit Auszeichnung ab. Im Jahr 1890 heiratete sie den Rechtsanwalt und Volksbildner Dr. Franz von Sprung, der aus einer angesehen steirischen Familie stammte – sein Vater war Direktor der Mayr-Melnhofschen Eisenwerke in Donawitz sowie Landtags- und Reichsratsabgeordneter. Über ihren Mann lernte Hertha Marianne Hainisch kennen, die Mutter des ersten gewählten Bundespräsidenten Österreichs, Dr. Michael Hainisch.

Hertha Sprung und Marianne Hainisch waren im 1902 gegründeten Bund österreichischer Frauenvereine aktiv. Sprung war von 1919 bis 1932 Vorsitzende und später bis zu ihrem Tod Ehrenpräsidentin des Bundes. Der Bund setzte sich unter anderem dafür ein, Frauen berufliche Karrieren zu ermöglichen, die bis dahin Männern vorbehalten waren – wie zum Beispiel Führungsfunktionen im öffentlichen Dienst.

1919 adoptierten Hertha und ihr Mann den jüngsten Sohn ihres Bruders, der als Dreijähriger seine Mutter verloren hatte.

Eine Eingabe des Bundes österreichischer Frauenvereine und die Zustimmung eines Sektionschefs des damaligen Ministeriums für Kultus und Unterricht ermöglichte es Hertha Sprung, ab 1905 in diesem Ministerium zu arbeiten – als „außerordentliche Inspektionskommissärin“ für einen Anerkennungssold und Diäten. Sie erstellte Lehrpläne und arbeitete Schulformen für Mädchen und Frauen aus: 1906 entwickelte sie das Seminar zur Heranbildung von Koch- und Haushaltungsschullehrerinnen und die Koch- und Haushaltungsschule, 1908 die Frauengewerbeschulen, 1910 die Bildungsanstalt für Frauengewerbeschullehrerinnen, 1913 die Höhere Lehranstalt für wirtschaftliche Frauenberufe, 1922 die gewerbliche Gartenbauschule. Außerdem ermöglichte sie Fortbildungskurse für Lehrerinnen der hauswirtschaftlichen und gewerblichen Fachrichtung. Auf Studienreisen nach Deutschland, Frankreich, in die Schweiz und in die USA lernte sie Bildungseinrichtungen für Frauen kennen.

Nachdem ihr Mann 1921 verstorben war, wurde Hertha Sprung im Handelsministerium in das Beamtenverhältnis übernommen, wo sie für Angelegenheiten der gewerblichen Unterrichtsverwaltung zuständig war. Im Jahr 1923 wurde sie Beamtin des höheren Verwaltungsdienstes und als erste Frau mit dem Titel „Regierungsrat“ ausgezeichnet. Anlässlich ihrer Pensionierung im Jahr 1925 wurde ihr der Berufstitel „Hofrat“ verliehen. Sie erhielt den Elisabeth-Orden II. Klasse und die Stadt Wien zeichnete sie mit dem Goldenen Ehrenzeichen aus. Hofrätin Hertha Sprung starb im 100. Lebensjahr am 8. Mai 1961 in Wien.

Werner Sabitzer

Quellen:

Geyling, Margarete: Hertha Sprung als Pionierin für die gewerbliche und hauswirtschaftliche Frauenbildung. In: Die Österreicherin, V. Jg., Nr. 2, 1932, S. 2)

Laube, Grete: Hofrat Hertha von Sprung: 4.2.1862 – 8.5.1961. – In: 60 Jahre Bund Österreichischer Frauenvereine. – Wien, o. J.

September 25, 2012 Posted by | Uncategorized | Hinterlasse einen Kommentar

Liebe, Flucht und Rassenwahn

Ein Buch eines Vorarlberger Richters dokumentiert die dramatische Geschichte einer verbotenen Liebe im Nationalsozialismus.

Er war „Arier“, sie „Volljüdin“ und ihre Liebe galt als „Rassenschande“ nach den Nazi-Gesetzen. Der junge Kölner Heinrich Heinen hatte sich 1938 in die Schneiderin Edith Meyer verliebt, wollte sie heiraten, aber in der NS-Diktatur galten seit 1935 die Rassengesetze – die Eheschließung und sexuelle Beziehungen zwischen jüdischen und „arischen“ Deutschen waren verboten.

Im Dezember 1941 wurde Edith Meyer als Jüdin in das Ghetto nach Riga deportiert. Heinrich Heinen verließ zu Ostern 1942 unerlaubt seine Arbeitsstelle in Berlin und machte sich auf die Suche nach seiner Geliebten. Ohne Reisepapiere kam er nach Riga und wurde beim Versuch, in das Ghetto einzudringen, von lettischen SS-Leuten angehalten, aber wieder freigelassen, nachdem er seinen Wehrpass vorgezeigt hatte. Heinen gelang es kurze Zeit später, die Stacheldrahtsperre zu überwinden und seine Geliebte unter den rund 25.000 Ghetto-Bewohnern zu finden. Das Paar flüchtete aus dem schwer bewachten und mit Stacheldraht umzäunten Ghetto unter abenteuerlichen Umständen über Berlin in die Nähe von Köln und reiste nach Vorarlberg. Ziel war die Schweiz, um dort zu heiraten. Beim Versuch, von Feldkirch aus über die Grenze in die Schweiz zu gelangen, wurden die beiden Deutschen verhaftet. Edith Meyer wurde der SS überstellt, einige Wochen im Gefangenenhaus Innsbruck festgehalten und in das Konzentrationslager Auschwitz gebracht, wo sie vermutlich schon kurz nach der Ankunft ermordet wurde. Auch eine Jüdin, die das Paar auf der Flucht eine Woche lang bei sich aufgenommen hatte, wurde in das KZ Auschwitz eingewiesen, wo die schwangere Frau knapp vier Wochen später umkam. Eine Verwandte hatte sie denunziert.

Kerker wegen „Rassenschande“

Heinrich Heinen wurde von einem NS-Sondergericht wegen „Rassenschande“ zu fünf Jahren Kerker verurteilt und im Straflandesgericht Feldkirch inhaftiert. Am 30. August 1942 setzten Heinen und seine sechs Zellengenossen den Fluchtplan um. Heinen und ein zweiter Insasse würgten einen Mithäftling bewusstlos. Ein dritter Häftling betätigte die Glocke. Als ein Hilfsaufseher in der Zelle nachschauen wollte, überwältigten ihn die Häftlinge und stahlen ihm die Schlüssel und die Pistole. Die Häftlinge überwältigten auch einen zweiten Wachebediensteten, entwaffneten ihn und sperrten ihn zu seinem Kollegen in eine Zelle. Heinen und drei Mithäftlinge suchten nun im Gefängnis nach Edith Meyer, sie wussten nicht, dass die Jüdin bereits abtransportiert worden war. Die Ausbrecher versorgten sich in der Aufnahmekanzlei mit Zivilkleidung und flüchteten aus dem Gefängnis. Zwei Tage später wurden der Kölner und ein weiterer Geflüchteter auf einer Parkbank in Hohenems von der Polizei gestellt. Eine Frau hatte die Polizei verständigt. Nachdem Heinen eine Pistole gezogen hatte, wurde er von zwei Schüssen aus dem Karabiner eines Hilfsgrenzbediensteten niedergestreckt. Ein Schuss in die Brust war tödlich. Der verwegene Deutsche verblutete.

Mehr als ein halbes Jahrhundert später recherchierten zwei deutsche Historiker die dramatische Liebesgeschichte und wandten sich unabhängig voneinander an das Landesgericht Feldkirch, um in eventuell noch vorhandenen Prozessakten Einsicht zu nehmen.

Dr. Alfons Dür, damals Vizepräsident des Landesgerichts Feldkirch, machte sich auf die Suche nach den Akten von 1942 und wurde fündig. Die Geschichte ließ ihn nicht los. Dür, seit 2008 im Ruhestand, forschte weiter und veröffentlichte nun das ungewöhnliche Drama unter dem Titel „Unerhörter Mut“.*

Alfons Dür recherchierte auch die Nachkriegskarrieren der Mitglieder des Sondergerichts: Der nationalsozialistische Staatsanwalt, der Heinen angeklagt und in mehreren Verfahren Todesurteile verhängt hatte, musste zwar nach dem Ende der NS-Diktatur 1945 seinen Dienst quittieren, konnte aber ab 1954 wieder als Staatsanwalt arbeiten. Die „Minderbelastetenamnestie“ von 1948 machte eine Wiedereinstellung vieler ehemaliger Nationalsozialisten möglich. Er wurde Oberstaatsanwalt und war später bis zu seiner Pensionierung im Jahr 1967 Richter im Obersten Gerichtshof in Wien.

Werner Sabitzer

* Alfons Dür: Unerhörter Mut. Eine Liebe in der Zeit des Rassenwahns. Haymon Verlag, Innsbruck, 2012.

September 25, 2012 Posted by | Uncategorized | Hinterlasse einen Kommentar

100 Jahre „Kärntner Anzug“

Vor 100 Jahren kreierte der Brauchtums- und Trachtenmaler Leopold Resch im Auftrag der „Kärntner Landsmannschaft“ den „Kärntner Anzug“.

Im Jahr 1910 wurde die „Kärntner Landsmannschaft“ gegründet. Als eines der ersten Vorhaben beschloss der Vereinsvorstand, einen Kärntner Landestrachtenanzug einzuführen. Bis dahin wurde in Kärnten der graue Steirer-Anzug als Tracht getragen.
Die Landsmannschaft beauftragte Prof. Leopold Resch, eine entsprechende Tracht zu entwerfen. Der akademische Maler und Bildhauer war der bedeutendste Trachten- und Brauchtumsmaler Kärntens. 1877 in Weyer an der Enns geboren, wuchs er in Pontafel (Pontebba) im Kanaltal auf, das damals zu Kärnten gehörte. Sein Vater war dort bei der Eisenbahn beschäftigt. Leopold Resch absolvierte die Drechslerschule in Malborghet im Kanaltal die Fachschule für Holzindustrie in Villach und danach die Kunstgewerbeschule in Wien. Ab 1906 war er Lehrer an der Bau- und Kunsthandwerkschule in Klagenfurt. 1910 begann er mit dem Studium an der Akademie der bildenden Künste in München.1911 wurde die Bau- und Kunsthandwerkschule von Klagenfurt nach Villach verlegt; Resch übersiedelte als Lehrer mit.
Prof. Resch, Mitgründer der „Kärntner Landsmannschaft“ und des Kärntner Heimatmuseums, kreierte einen Entwurf des neuen Kärntner „Trachtengwandls“. Als Vorlage dienten ihm die Kanaltaler und die Gailtaler Tracht. Getragen werden konnte eine braune oder eine schwarze Hose. Der Hut wurde der Farbe des Trachtenrocks angeglichen.
Der Künstler präsentierte den kastanienbraunen Anzug mit grünem Aufputz erstmals öffentlich bei der Landeshandwerker-Ausstellung 1911 in Klagenfurt. Im Lauf der Jahre setzte sich statt der kastanienbraunen die haselnussbraune Farbe durch und das „Steirer-Gwandl“, das auch in anderen Bundesländern getragen wurde, verlor in Kärnten immer mehr an Bedeutung. Es gab auch Änderungen im Design: Anstelle der Brusttaschen mit Klappen traten Einschnitte; die Rückenfalte und die Rückenspange wurden durch einen Schlitz ersetzt.
Resch entwarf auch das Kärntner Blaupunktdirndl, das so genannte „Resch-Dirndl“, bestehend aus einem dunkelblauen Baumwollstoff mit weißen Tupfen sowie einer weißen Schürze mit rot-blauem Streifenmuster. Verheiratete Frauen tragen die Masche rechts, unverheiratete links.
Prof. Leopold Resch starb am 14. November 1937 in Villach, drei Tage nach seinem 60. Geburtstag. In Drobollach bei Villach erinnert der Leopold-Resch-Weg an den bekannten Kärntner Künstler.

Werner Sabitzer

August 21, 2011 Posted by | Kärnten - Geschichte | Hinterlasse einen Kommentar

Hetzjagd gegen Hosenröcke

Vor 100 Jahren protestierten aufgebrachte Bürger gegen ein modisches Kleidungsstück: Frauen, die Hosenröcke trugen, wurden verfolgt, beschimpft und misshandelt.

Titelblatt der "Wiener Bilder" 1911

Als eine junge Frau am späten Nachmittag des 11. März 1911 das Modehaus in der Kärntnerstraße verließ, bildete sich sofort eine Menschenmenge. Neugierige und Demonstranten schrieen, pfiffen und beschimpften die Dame. Als die Situation zu eskalieren drohte, stiegen die Frau und ihr Begleiter in ein Auto und fuhren weg. Im Gedränge kam es zu einem Unfall: In der Nähe der Johannesgasse wurde ein Pilot von der Menge weggedrängt, von einem Auto gestreift und am Arm verletzt.

Die Frau, eine Angestellte des Modenhauses, hatte die Aufmerksamkeit und den Unmut der Passanten erregt, weil sie ein neues, modisches Kleidungsstück trug – den Hosenrock, der einige Jahre zuvor in Paris kreiert worden war. Mit der so genannten „Jupe Culotte“ konnten Frauen unter anderem auch Radfahren und andere Sportarten besser betreiben.

Allerdings war es zu Beginn des 20. Jahrhunderts noch ein Tabubruch, wenn eine Frau eine Hose trug. Auch der Vatikan verdammte dies als unsittlich. Es waren meist Angestellte von Modenhäusern und bezahlte Models, die vor 100 Jahren den Hosenrock in Wien zu propagieren versuchten – und auf heftigen Widerstand stießen. Aufgebrachte Bürgerinnen und Bürger beschimpften und misshandelten die Frauen und in einigen Fällen musste die Polizei einschreiten.

Am 10. März 1911 verfolgten und beschimpften aufgeregte Passanten in der Kärntner Straße Frauen, die Hosenröcke trugen, und am nächsten Tag musste in der Innenstadt ein Polizei-Aufgebot weitere Frauen schützen, die mit diesem Kleidungsstück unterwegs waren. Am selben Tag kam es auch in Graz zu einem Auflauf wegen einer Hosenrock-Trägerin, die durch die Murgasse und die Herrengasse in das Redaktionsgebäude der „Tagespost“ ging. Einige der Neugierigen verfolgten die Frau bis in den ersten Stock. Als die sie die Redaktion wieder verließ, schrieen und pfiffen ihre Verfolger, bis sie sich in ein Haus flüchtete.

Am 13. März blieb in der Praterstraße im zweiten Bezirk ein Auto wegen Motorschadens stehen. Die Insassen, zwei Offiziere und zwei Begleiterinnen stiegen aus. Als ein Passant das Gerücht verbreitete, die beiden Frauen trügen Hosenröcke, strömten aus allen Richtungen Menschen herbei, sodass der Verkehr zum Erliegen kam. Die Polizei musste einschreiten, sie drängte die Wiener „Vorstadt-Taliban“ ab.

Auch in anderen europäischen Städten kam es zu Protestkundgebungen wegen des Hosenrocks. In Venedig musste eine Frau mit einem „verdächtigen“ Kleid vor aufgebrachten Menschen in ein Lokal flüchten, das sie erst verlassen konnte, nachdem die Polizei eingeschritten war. In England wollte die Textilindustrie sogar ein Klagsbegehren einbringen, um Hosenröcke zu verbieten. Die Kleiderhersteller befürchteten, dass wegen des Hosenrocks der Bedarf an Unterwäsche stark zurückgehen und damit ein Industriezweig gefährdet werden könnte.

Proteste gegen Damenhüte

Zwei Monate nach den Protesten gegen die Hosenröcke gab es in Wien einen Auflauf gegen Damenhüte: Als zwei Frauen mit übergroßen Hüten am 18. Mai 1911 durch die Ruckergasse in Meidling spazierten, bildete sich ein Auflauf von etwa 200 Leuten, darunter viele Kinder. Sie verfolgten „unter Schreien und Lärmen die Damen, die sehr in Verlegenheit waren und nicht wussten, was sie tun sollten“, stand in der „Neuen Freien Presse“ vom 19. Mai 1911. Die beiden Hutträgerinnen flüchteten in die Trainkaserne, der heutigen Meidlinger Kaserne; Polizisten konnten die Demonstranten vertreiben.

Werner Sabitzer

August 4, 2011 Posted by | Uncategorized | Hinterlasse einen Kommentar

200 Jahre „Carinthia“: „Wochenblatt zum Nutzen und Vergnügen“

Vor 200 Jahren, am 1. Juli 1811, erschien die erste Ausgabe der „Carinthia“. Sie ist die älteste ununterbrochen bestehende Zeitschrift Österreichs.

Carinthia 1855

Carinthia 1855

Die „Carinthia“ mit dem Untertitel: „Ein Wochenblatt zum Nutzen und Vergnügen“ wurde von einer Gesellschaft von Vaterlandsfreunden gegründet und erschien erstmals am 1. Juli 1811. Sie ist damit die älteste ununterbrochen bestehende Zeitschrift Österreichs und auch eine der ältesten Publikationen dieser Art im deutschen Sprachraum.
Die ersten periodischen Publikationen mit allgemein wissenschaftlichem Charakter in Europa erschienen Mitte des 17. Jahrhunderts. Als erste Wissenschaftszeitschriften gelten die ab 1665 herausgegebenen Publikationen Journal des sçavans und Philosophical Transaction. Das in Paris herausgegebene Journal des sçavans (1816 umbenannt in Journal des savants) war eine Zeitschrift von Gelehrten für Gelehrte. Der Inhalt setzte sich hauptsächlich zusammen aus Buchbesprechungen, Nachrufe auf Gelehrte sowie aus Forschungsbeiträgen und Informationen über neue Erkenntnisse auf den Gebieten der Naturwissenschaften, der Technik und der Anatomie. Dazu kamen Entscheidungen von geistlichen und weltlichen Gerichten. Herausgeber der Zeitschrift Philosophical Transaction war die „Royal Society of London for the Improvement of Natural Knowledge“.
Die erste im deutschsprachigen Raum erschienene Wissenschaftszeitschrift war die in Leipzig in lateinischer Sprache ab 1682 herausgegebene Publikation Acta eruditorum. Sie entwickelte sich zur führenden Wissenschaftszeitschrift im 18. Jahrhundert. Die „Carinthia“ ist nach den in Deutschland erschienenen Publikationen „Göttingsche gelehrten Anzeigen“ (ab 1738) und „Annalen der Physik“ (ab 1799) die drittälteste deutschsprachige Zeitschrift.
Auf dem Titelblatt der ersten Ausgabe der „Carinthia“ befand sich ein zehnzeiliges Werk von Johann Wolfgang von Goethe und das Gedicht „Deutscher Gruß an Deutsche“.

Gründungsredakteur war Carl Mercy aus Stralsund, Buchhandlungs-Commis und Schauspieler am Ständischen Theater. Ihm folgte im Herbst 1811 Stadtphysikus Dr. Johann Gottfried Kumpf, der „durch gediegene Beiträge dem Blatt einen bleibenden Wert“ verleihen wollte. In einem Beitrag im Gründungsjahr heißt es: „Da Kärnten sowohl Deutsche als Slowenen (slovenzi) bewohnen, so gehört es mit in den Plan der ,Carinthia‘, auch manche slowenische Aufsätze zu liefern, da wo nämlich der Raum der Deutschen dieß zu thun gestatten wird“. Der erste slowenisch-sprachige Beitrag war ein Gedicht.
Kumpf gründete 1818 die „Kärntnerische Zeitung“, die bis 1835 bestand und in der Beiträge über Kultur, Literatur und Landeskunde erschienen. Kumpf schrieb Gedichte und sammelte Römersteine auf, die er dem Geschichtsverein für Kärnten überließ.
1814 gab es bereits 900 Abnehmer der „Carinthia“. Ab 1915 leitete Simon Martin Mayer die Redaktion. Von 1821 bis 1890 lautete der Untertitel „Für Vaterlandskunde, Belehrung und Unterhaltung“.
Im Revolutionsjahr 1848 verstand sich die „Carinthia“ als „Constitutionelles Blatt für Zeitinteressen“; die Redaktion leitete damals Vinzenz Rizzi. Der Humanist Rizzi (1816 – 1856) setzte sich unter anderem für die Gleichberechtigung aller Völker in der österreichisch-ungarischen Monarchie ein. Auch in der „Carinthia“ fanden sich nun Themen wie die Pressefreiheit und andere Errungenschaften der Revolution. Kurz danach übernahm wieder Mayer die Redaktionsleitung, aber 1851 löste ihn wieder Rizzi ab.

Selbstständige Zeitschrift

Ende 1854 kam es zu einem Neubeginn der Publikation. Die „Carinthia“ konnte nicht mehr als Beilage der „Klagenfurter Zeitung“ erscheinen, da in der nun täglich erscheinenden „Klagenfurter Zeitung“ ein eigener Unterhaltungsteil eingerichtet wurde. Die Einstellung der „Carinthia“ konnte aber durch den Einsatz von Simon Martin Mayer und anderer Interessierter abgewendet werden. Mayer führte die Carinthia bis 1863 als selbstständiges Wochenblatt weiter. Gedruckt wurde die Publikation bei Leon in Klagenfurt.
1863 drohte abermals das Ende; diesmal verpflichtete sich der 1844 gegründete „Geschichtsverein für Kärnten“ für die Weiterführung der Publikation – gemeinsam mit dem 1848 gegründeten „Naturhistorischen Landesmuseum“ (später: Naturwissenschaftlicher Verein). Die beiden Vereine gaben von 1864 bis 1890 Monatshefte der „Carinthia“ heraus – Untertitel war „Zeitschrift für Vaterlandskunde, Belehrung und Unterhaltung“; ab 1869 wurden keine belletristische Beiträge mehr veröffentlicht.
Redaktionsleiter waren Ernst Rauscher (1863), Dr. Heinrich Weil (1864/65), Dr. Ludwig Jßleib (1866 bis 1868) sowie J. Leodegar Canaval und Anton Ritter von Gallenstein (1869 bis 1874). Von 1875 bis 1890 redigierte die Fachzeitschrift der Klagenfurter Botaniker und Sammler Markus Freiherr von Jabornegg (1837 – 1910).

„Neue Carinthia“

Kritik an der mangelnden wissenschaftlichen Qualität mancher Beiträge war einer der Ursachen für die letzte große Krise der Zeitschrift im 19. Jahrhundert. 1890 wurde der Titel in „Neue Carinthia. Zeitschrift für Geschichte, Volks- und Altertumskunde für Kärnten“ geändert; allerdings nur für einen Jahrgang. Die Diskussionen führten zu einer grundlegenden Reform: Bei der turbulenten Generalversammlung des Geschichtsvereins für Kärnten im Jahr 1890 wurde eine Trennung in zwei Zeitschriften beschlossen: Ab 1891 veröffentlichte die „Carinthia I“ historisch-volkskundliche Beiträge und die „Carinthia II“ Artikel naturwissenschaftlichen Charakters.

Die „Carinthia I“ wurde von nun allein vom Geschichtsverein herausgegeben und trug bis 1930 den Untertitel „Mittheilungen des Geschichtsvereines für Kärnten“. Es gab sechs Hefte jährlich. Forschungsgebiet war die Landesgeschichte Kärntens.
Simon Laschitzer legte ein Programm für die „neue Carinthia“ vor. Laschitzer, ein Bauernsohn aus Unterbrückendorf bei Launsdorf, maturierte mit Vorzug am k. k. Gymnasium in Klagenfurt, studierte Geschichte und Kunstgeschichte in Wien und absolvierte 1873 bis 1875 den Institutskurs für österreichische Geschichtsforschung. Von 1888 bis 1897 war er Vorstand der k. k. Studienbibliothek in Klagenfurt. 1890 bis 1897 war er Direktor-Stellvertreter des Geschichtsvereins für Kärnten und Redakteur der „Carinthia I“. Danach zog er wieder nach Wien, wo er Bibliothekar an der k. k. Akademie der bildenden Künste war. Er starb am 10. September 1908 in Wien, wurde aber auf seinen Wunsch auf dem Friedhof St. Ruprecht in Klagenfurt begraben.
Auf Laschitzer folgte im Jahr 1898 August von Jaksch als Schriftleiter der „Carinthia I“. Er betreute 15 Jahrgänge bis 1912 und war auch als Autor tätig. Nach seinem Rücktritt war 1913 ein dreiköpfiges Redaktionskomitee für die Herausgabe verantwortlich und 1914 übernahm Gymnasialprofessor Dr. Martin Wutte allein die Schriftleitung. Wutte, geboren 1876 in Obermühlbach, studierte Geschichte und Geografie in Graz (1901 Dr. phil.) und unterrichtete danach in Graz, Marburg und am Staatsgymnasium Klagenfurt. Er war 1919 in Saint Germain Sachbearbeiter für Kärnten in der österreichischen Delegation zur Vorbereitung der Kärntner Volksabstimmung. 1923 wurde er Direktor des Landesarchivs. Wutte, seit 1905 Mitarbeiter der „Carinthia I“, bestimmte die Linie der Zeitschrift während des Kärntner Abwehrkampfs 1918/20: Die „Carinthia I“ habe ihre Spalten der wissenschaftlichen Erörterung von geschichtlichen, siedlungsgeographischen und statistischen Problemen geöffnet, deren Aufhellung zur Verteidigung der Einheit und Freiheit Kärntens notwendig war“, schrieb Wutte 1930 in der Festschrift zur Zehnjahresfeier der Kärntner Volksabstimmung. „Der Wissenschaft dienend, durfte sie gegenüber den Versuchen, die Politik der Gewalt, die da gegen Kärnten eingeschlagen wurde, mit wissenschaftlichen Scheingründen zu rechfertigen, nicht schweigen.“

Martin Wutte betreute die „Carinthia I“ 25 Jahre lang bis 1938. 1939 wurde sein Schüler Gotbert Moro Schriftleiter. Wutte blieb Autor bis zu seinem Tod 1948.
Dr. Gotbert Moro, geboren 1902, war Direktor des Kärntner Landesmuseums und des Landesarchivs und betreute die „Carinthia I“ bis 1970 als Schriftleiter.
Ab 1932 gab es zwei Hefte jährlich, davor wurden schon jeweils drei Hefte zu zwei Bänden jährlich zusammengelegt.
Auf Gotbert Moro folgte 1971 Dr. Wilhelm Neumann. Er war bis 1990 Schriftleiter der „Carinthia I“, mit Ausnahme des Jahres 1975: In diesem Jahr war Dr. Alfred Ogris für die Publikation verantwortlich. 1991 übernahm Ogris die Schriftleitung. Er war von 1960 bis 1963 Volksschullehrer an zweisprachigen Volksschulen in Kärnten, studierte Geschichte und Germanistik in Wien, promovierte 1967 mit einer Dissertation über Völkermarkt und war ab 1968 Archivar am Kärntner Landesarchiv. Sieben Jahre war er an der Pädagogischen Akademie in Klagenfurt tätig, 1983 habilitierte er sich an der Universität Wien. Er hielt Vorlesungen an den Universitäten Wien, Klagenfurt und Graz und von 1981 bis zur Pensionierung 2001 war er Direktor des Kärntner Landesarchivs. Sein Nachfolger als Archiv-Direktor wurde Dr. Wilhelm Wadl, er leitet seit 2008 auch die „Carinthia I“ (Untertitel: „Zeitschrift für geschichtliche Landeskunde von Kärnten“). Die nun 200 Jahre alte, vom Geschichtsverein für Kärnten herausgegebene „Carinthia I“ blieb die einzige periodische historisch-wissenschaftliche Publikation in Kärnten. Sie dient „Vertretern unterschiedlichster wissenschaftlicher Disziplinen als Sprachrohr“, wie Dr. Wilhelm Wadl anlässlich des Wechsels des Redaktionsleiters 2008 in der „Carinthia“ anmerkte. Die geschichtliche Landeskunde könne nur dann fruchtbare Ergebnisse hervorbringen, wenn seie möglichst interdisziplinär betrieben werde und wenn ein räumlich begrenztes Gebiet mit verschiedensten Methoden und quer durch alle Zeiträume beforscht werde, betonte Wadl: „Die Carinthia I wird auch weiterhin Vertretern wissenschaftlicher Fachdisziplinen und mit wissenschaftlichen Methoden arbeitenden Laien gleichermaßen offen stehen. Auch im Interesse des Lesepublikums der Carinthia I ist gerade diese Mischung aus wissenschaftlichen Spezialuntersuchungen und gediegener Heimatkunde wichtig.“

Werner Sabitzer

Quellen:
Ogris, Alfred: Die Geschichtsvereins-Zeitschrift „Carinthia I“ unter den Redaktionen Laschitzer, Jaksch, Wutte und Moro (1890/91 – 1970). In: Carinthia I, 184. Jg., Klagenfurt 1994, S. 407-428.
Wadl, Wilhelm: Zum Wechsel in der Redaktion. In: Carinthia I, 198. Jg., Klagenfurt 2008, S. 623-624.

Schriftleiter der „Carinthia I“

Carl Mercy (1811)
Johann Gottfried Kumpf (1811 bis 1814)
Johann Ritter von Jenull (1814/15)
Simon Martin Mayer (1815 bis 1848)
Vinzenz Rizzi (1848)
Simon Martin Mayer (1849 bis 1851)
Vinzenz Rizzi (1851 bis 1854)
Simon Martin Mayer (1855 bis 1862)
Ernst Rauscher (1863)
Heinrich Weil (1864/65)
Ludwig Ißleib (1866 bis 1868)
J. Leodegar Canaval und Anton Ritter von Gallenstein (1869 bis 1874)
Markus Freiherr von Jabornegg (1875 bis 1890)
Simon Laschitzer (1890 bis 1897)
August von Jaksch (1898 bis 1912)
Martin Wutte (1913 bis 1938)
Gotbert Moro (1939 bis 1970)
Wilhelm Neumann (1971 bis 1990, außer 1975)
Alfred Ogris (1975 und 1991 bis 2007)
Wilhelm Wadl (seit 2008)

August 4, 2011 Posted by | Geschichte, Kärnten - Geschichte | | Hinterlasse einen Kommentar