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Der Wettlauf um die Jungfrau

Reiter, Wettlauf, Jungfernkuss: Das jährliche „Kranzelreiten“ am Pfingstwochenende in Weitensfeld im Gurktal zählt zu den schönsten und ältesten Bräuchen Österreichs.

Der Sage nach erinnert das Kranzelreiten an die Pest. Vor langer Zeit, als die Pest in Kärnten einen großen Teil der Bevölkerung ausrottete, sollen in Weitensfeld nur drei Burschen und ein „Edelfräulein“ überlebt haben. Die Überlebenden bemühten sich um das Mädchen und einigten sich auf einen Wettkampf: Wer bei einem Wettlauf als Sieger hervorgeht, darf das Mädchen heiraten. In Erinnerung an diese Sage gibt es jedes Jahr zu Pfingsten in Weitensfeld in Kärnten das Kranzelreiten mit dem Wettlauf von drei „Bürgersöhnen“. Das Brauchtumsfest muss jedes Jahr stattfinden, heißt es in der Überlieferung; sonst bricht der Sage nach Unheil über den Markt herein: In der Nacht würden die Pesttoten aufstehen und über die Marktstraße reiten.

Kranzelreiten 2015: Tausende Besucher.

Kranzelreiten 2015: Tausende Besucher.

Der Brauch dürfte schon im 16. Jahrhundert ausgeübt worden sein. Der Brauchtumsforscher Leopold Kretzenbacher vermutet, dass das Kranzelreiten genauso wie das Kufenstechen, das zu Pfingsten in verschiedenen Orten des Gailtals stattfindet, aus adeligen Reiterspielen hervorgegangen sein könnte.

In einem Bericht der „Carinthia“, der ältesten Zeitschrift Kärntens, wird der Beginn der Brauchtumsveranstaltung mit 1567 datiert. Die „Carinthia“ brachte 1867 einen Bericht über „die Maibraut bei der dreihundertjährigen Jubiläumserinnerungsfeier am Pfingstmontag, dem 10. Juni 1867“. Der Verfasser Dr. Wenger beschrieb das Fest, bei dem eine lebende „Maibraut“ die Hauptrolle spielte: „Von der Straßburger Fahrtstraße her erschien sie auf einem milchweißen Zelter in raschem Trabe, von ihren Paldinen umgeben, ein Mädchen im weißen modischen Damenreitkleide, mit fliegenden Lockenhaaren, das Haupt mit einem Hütchen im vollen Einklange mit dem Kostüm bedeckt. Soviel ich von meinem Standpunkte ersah, war es ein schönes, edel geformtes Mädchengesicht, in dem einige Kühnheit stak, dies Wagnis der öffentlichen Schaustellung zu unternehmen. Die Kopf an Kopf gedrängte Menge teilte sich, eifrigst eine Gasse bildend, vor der lieblichen Erscheinung … Mutige und gewandte Reiter hatten nach vorausgegangenen Böllerschüssen mittels graziösem Traversieren die Gasse geöffnet. Und so begann das eigentliche Festspiel. Die Jungfrau, ebenso sicher als mutig heransprengend, hatte zu beiden Seiten gleich mutige Reiter, in ihrem nächsten Geleite zwei muntere Knaben, wie man mir sagte, Söhne des dortigen Wundarztes. An diese schönen Bilder einer jugendlich kräftigen Menschheit schlossen sich viele und abermals viele Reiter jeglichen Alters und Standes an. Es sei nun noch bemerkt, daß die reitende Jungfrau Carolina Brunner, Tochter des Josef Brunner vlg. Vöstl in Hafendorf, und die sie begleitenden Jünglinge Switwert und Oswin Seywald waren…“

Der Brauch des Kranzelreitens hat vermutlich germanische Wurzeln: Das Pfingstfest ähnelt den früheren Frühlingsfesten, bei denen der Kampf des Sonnengottes mit dem Winter dargestellt wurde. Bei diesen Festen gab es auch ein Wettrennen; der Sieger ging als „Maikönig“ hervor. Volkstumsforscher meinen, dass der Brauch das „Einholen der geschmückten Maibraut“ bedeutet, die im Sommer Glück und Fruchtbarkeit bringen soll. So heißt es in einem Bericht in der „Carinthia I“ im Jahr 1914: „Durch Wettlauf und Wettrennen wurde einst entschieden, wer die Maibraut heimführen und dadurch die Erde zur neuen Fruchtbarkeit bringen sollte. Zu einer solchen heiligen Handlung war man bestrebt, nur die besten jungen Leute auszusuchen, zumal das Maipaar ein göttliches Brautpaar darstellen sollte, das Segen bringend auf Erden wandelt. Auf den rituellen Ursprung dieses Brauches deutet ja auch die rituelle Kleidung der drei Läufer und der Maibraut (Statue). Zweck der Vermählung des Maikönigs mit der Maikönigin war es, Menschen, Vieh und Pflanzen die nötige Fruchtbarkeit für das kommende Jahr zu sichern.“

„Gstanzlsingen“ am Pfingstsonntag

Am Pfingstsonntag treffen sich die Kranzelreiter mittags vor dem „Herzelehof“ beim Marktplatz. Von dort reiten die Teilnehmer mit den geschmückten Pferden jährlich wechselnd in die benachbarten Orte Altenmarkt und Zweinitz, ursprünglich, um die Bewohner zum Fest am nächsten Tag einzuladen. In einem Bericht aus dem Jahr 1891 wird erstmals der Ausritt nach Zweinitz erwähnt. Nach einer Rast beginnt das so genannte „Gstanzlsingen“: Die Musikkapelle Zweinitz, die seit Jahrzehnten die Kranzelreiter begleitet, spielt einen „Tusch“ vor jedem Haus. Danach singen die Reiter die „Gstanzln“, gereimte Vierzeiler, die ein humorvolles oder sonst erwähnenswertes Ereignis zum Inhalt haben. Manche Bürger empfinden die Reime als unangenehm oder gar beleidigend. Ds ist ihnen aber lieber, als dass die Reiter kein Gstanzl über sie singen.

Kranzelreiten 2015: Drei Burschen laufen um die Gunst der Jungfrau

Kranzelreiten 2015: Drei Burschen laufen um die Gunst der Jungfrau.

Die Tracht der Kranzelreiter besteht aus einer schwarzen oder dunklen Reithose, schwarzen Reitstiefeln und einem weißen Lodenrock mit dunkelbraunen Kragen und dunkelbraunen Aufschlägen an verschiedenen Stellen. Die Reiter tragen ein Seidenhalstuch und einen schwarzen Hut mit grünem Band und einer Feder; früher war es ein echter Birkhahnstoß, heute ist es eine künstlich gebogene Feder.

Kranzelreiten 2015: Drei Burschen laufen um die Gunst der Jungfrau.

Nach dem Wettlauf: Der Sieger reitet auf dem Pferd, das den Wettritt gewonnen hat, zur (steinernen) Jungfrau auf dem Marktplatz.

Wettlauf um die Jungfrau

Am Pfingstmontag findet das Hauptereignis statt. Die Musikkapelle zieht durch den Ort und „weckt“ die Bürger. Am Vormittag gibt es ein Konzert auf dem Marktplatz. Die steinerne Jungfrau auf dem Marktplatz ist mit einem weißen Kleid mit roter Schärpe geschmückt; auf dem Haupt trägt sie den Brautkranz, in der rechten Hand hält sie einen Pfingstrose und in der linken einen Schlüsselbund. Um 14 Uhr beginnt das Fest. Der „Dorfrichter“ liest die „Proklamation“ mit dem Ablauf des Kranzelreitens. Bänderhut-Frauen „bewachen“ die Jungfrauen-Statue, seit 1981 sind sie Bestandteil des Festes. Dreimal reiten die Pfingstreiter die Marktstraße auf und ab, um die „Pest auszutreiben“ oder vor ihr zu flüchten. Danach geht es im Trab, voran die Musikkapelle, zum alten Gemeindehaus, wo die drei Läufer in weißer Tracht mit roter Schärpe warten. Ein Reiter erhält die „Beste-Stange“, auf der sich die Preise für die Läufer befinden. Die Wettläufer werden von neuen Wirtschaftstreibenden oder Hausbesitzern gestellt. Gemeinsam geht es zum Marktplatz. Zunächst reiten drei Kranzelreiter mit ihren Rössern um die Wette, danach beginnt der Wettlauf der „Bürgersöhne“. Auf ein Kommando auf die kräfteraubende, etwa 300 Meter lange, leicht bergauf führende Strecke. Der Gewinner des Laufs steigt auf das Siegerpferd; dann geht es wieder Richtung Marktplatz, angeführt von den Zweinitzer Musikanten. Auf dem Marktplatz werden die Preise („Beste“) an die Läufer übergeben: Der Sieger erhält ein „Kranzl“ und ein Seidentuch, der Zweite einen Myrtenstrauß und ein Wolltuch und der Letzte des Wettlaufs muss mit einem Kattuntüchlein und Sauborsten Vorlieb nehmen. Der Sieger steigt auf einer Leiter zur steinernen Jungfrau auf dem Marktplatz und küsst sie unter dem Applaus der Besucher. Danach schenken die Läufer die „Beste“ ihren Begleiterinnen. Das Brauchtumsfest endet mit dem „Gurktaler Walzer“, der von Karl Kummer eigens für das Kranzelreiten komponiert worden ist.

Der Sieger des Wettlaufs küsst die Jungfrau-Statue am Marktplatz. Alle 25 Jahre gibt es eine lebende Jungfrau.

Der Sieger des Wettlaufs küsst die Jungfrau-Statue am Marktplatz. Alle 25 Jahre gibt es eine lebende Jungfrau.

Alle 50 Jahre, seit Ende des Zweiten Weltkriegs alle 25 Jahre, gibt es ein besonderes Fest: Anstelle der steinernen Jungfrau wird ein Mädchen aus dem Ort ausgewählt, um das die Wettläufer kämpfen. Zu Pfingsten 1922 fand ein solches Jubiläumskranzelreiten statt. Es hätte ursprünglich im Jahr 1917 stattfinden sollen, wurde aber wegen des Kriegs verschoben. Schuldirektor Ferdinand Schwarz beschrieb in einem Kurzbericht das Fest am 5. Juni 1922: „Diesmal, am Jubiläumspfingstreiten, war anstatt der hölzernen Statue eine lebendige, reizende Jungfrau in der Gestalt des lieblichen, reizenden Töchterchens unseres allverehrten Herrn Bürgermeisters und Marktvorstandes, Frl. Minna Knaflitsch. Sieger der Läufer war Mathias Filipowsky. Die sehr stattliche Reiterschar in der Stärke von 45 Mann hoch zu Roß mit prächtigen, schön geschmückten Pferden mit altem wertvollem Sattelzeug holte zunächst die Jungfrau aus ihrer Wohnung ab und geleitete dieselbe, einen schönen Wallach reitend, mit Musik zu ihrem Ehrenplatze. Nun erfolgte das Kranzelreiten in der Art und Weise, wie es sonst auch geschieht. Der Obmann der Kärntner Landsmannschaft, Oberbaurat R. Pierl, überreichte als Zeichen der besonderen Befriedigung und Auszeichnung dem Markte Weitensfeld die höchste Ehrung der Kärntner Landsmannschaft, die silberne Ehrenkette. Die Jungfrau setzte sich auf das Pferd und ritt an der Seite des Siegers, begleitet von der Reiterschaft, mit Musik durch den reich und schön geschmückten Markt. Vollauf befriedigt zerstreuten sich die Zuschauer. Eine solche Menschenmenge hatte Weitensfeld noch nicht gesehen. Gering geschätzt wurde diese mit 12.000 bis 15.000 Menschen angenommen. Wenn man die Ehrenjungfrau fragte, was bei diesem Feste das Schönste für sie war, so sagte sie immer: ,Am schönsten war der Empfang bei der Familie Funder auf Schloß Turnhof`“.

Mit dem Kranzelreiten, einem Jahrhunderte alten Brauch, wird auch "die Pest ausgetrieben"

Mit dem Kranzelreiten, einem Jahrhunderte alten Brauch, wird auch „die Pest ausgetrieben“.

25 Jahre später, zum Pfingsten 1947, gab es das nächste Jubiläumskranzelreiten mit einer lebenden Jungfrau. Der damalige Bürgermeister veranstaltete mit dem Weitensfeldern nach den furchtbaren Kriegsjahren ein „außerordentliches Kranzelreiten mit einer lebenden Jungfrau“. Die Wahl fiel damals auf Karla Dörfler, der späteren „Bärenwirtin“ in Weitensfeld. Im Jahr 1972 wählte das Festkomitee Heidi Meier als „Maibraut“ aus. Das Stadttheater Klagenfurt stellte das Kostüm zur Verfügung. Werner Müller, der in früheren Jahren schon zweimal den Wettlauf gewonnen hatte, siegte auch im Jubiläumslauf vor Franz Dörfler und Gerd Lassnig. Volksschuldirektor Franz Pirker schrieb darüber in seiner (unveröffentlichten) Chronik über den Ort Weitensfeld: „Müller war über seinen Sieg sichtlich erfreut. Nach allen Seiten hin fröhlich winkend, schritt er zu der stehend auf ihn wartenden Maibraut, um Kuß und Schlüssel von ihr zu empfangen und sie dann zum Ehrentanz zu führen, an dem sich später dann auch die beiden anderen Läufer mit ihren Ehrenjungfrauen beteiligten. Heidi Maier knüpfte dann noch ein Erinnerungsband an die Gemeindefahne, wobei sie folgende Worte sprach: ,Nehmt dieses Band als Dank aus meinen Händen, den Kranzelreitern und dem Heimatort zur Ehr will ich es spenden!´ Danach bestiegen Müller und Heidemarie Maier die bereitgestellten Pferde und, begleitet von Musik, Kranzelreitern und Zuschauern ritten sie zum Festplatz, wo es dann noch lange lustig herging.“

„Ehrbar Jungfer Eva Bianca“

Das bisher letzte Jubiläumskranzelreiten mit einer „lebenden Jungrauf“ fand zu Pfingsten 1997 statt. Das Festkomitee wählte die 17-jährige Eva Bianca Treppo, Tochter des Besitzers von Schloss Thurnhof in Zweinitz, Franz Treppo, als Ehrenjungfrau. Am Pfingstsonntag holten die Kranzelreiter das „Burgfräulein“ vom Schloss Thurnhof ab. Ein Reiter verlas die „Beschlisung in Jahre des Hern 1997, am 18. Mai“: „Wir, die Reyter von Weitensvelt seind komen heint zu Burgg und Schlos Thurnhoff zu pitten den Burgherrn Franz Treppo und seyn Gemahl´, um zu geben di ehrbar Jungfer Eva Bianca uns Reytern von Weitensvelt, damit wyr sy bringen diselb in den Ort, wo daselbst morgen wirt seyn ein Laufen dreyer Jüngling in Streit um sy. Der Besst sull freyen sy, damit weyterr bestanden blyb das Volk daselbst in Weitensvelt. Eva Bianca soll komen in unser Orth, da is Wonne vill.“ Den Wettlauf um „di ehrbar Jungfer Eva Bianca“ am nächsten Tag gewann Christian Leitgeb vor Thomas Bischofter und Frank Telsnig. Leitgeb setzte der Braut das Siegerkranzel auf das Haupt und küsste sie vor den Tausenden Besuchern.

Werner Sabitzer

 

Juni 2, 2015 Posted by | Uncategorized | Hinterlasse einen Kommentar